Wirtschaft

Wie viel Spielraum bleibt Draghi? Inflationsrate hält Abstand zum EZB-Ziel

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EZB-Präsident Mario Draghi wird die Entwicklung kaum gefallen.

(Foto: REUTERS)

Zum Jahresende ist die Teuerung in den bislang 17 Euro-Staaten wieder leicht zurückgegangen. Damit hatten Ökonomen nicht gerechnet. Nun richten sich die Blicke auf die EZB. Zumal auch die Erzeuger keine höheren Preise durchsetzen können.

Der überraschend moderate Preisanstieg in der Eurozone schürt erneut Sorgen vor einer Deflation. Waren und Dienstleistungen kosteten im Dezember im Schnitt nur noch 0,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie die Statistikbehörde Eurostat schätzte. Im November hatte die Inflationsrate 0,9 Prozent betragen. Ökonomen hatten für den letzten Monat des Jahres eine unveränderte Rate erwartet.

Die Kernteuerungsrate - also ohne die Preise von Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak - sank den Angaben zufolge von 0,9 auf 0,7 Prozent. Nach einem Rückgang um 1,1 Prozent im November stagnierten die Preise für Energie im Dezember. Die Teuerung bei Nahrungsmitteln, Alkohol und Tabak zog dagegen von 1,6 auf 1,8 Prozent an.

Die Statistikbehörde veröffentlichte noch keine Zahlen zur Vormonatsänderung oder zu den verschiedenen Kerninflationsmaßen. Einen detaillierten Ausweis zur Preisentwicklung werden die Statistiker am 16. Januar vorlegen. Die Behörde misst die Lebenshaltungskosten am sogenannten Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Seit Jahresbeginn umfasst das gemeinsame Währungsgebiet mit Neumitglied Lettland insgesamt 18 Staaten.

Krisenländer können Preise nicht anheben

Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt mittelfristig eine Inflation von knapp zwei Prozent an, was auch als Sicherheitspuffer gegen eine Deflation gedacht ist. Weil der Preisauftrieb so gering ist, läuft derzeit eine lebhafte Debatte über Deflationsgefahren in der Eurozone.

Im Oktober war die Inflationsrate mit 0,7 Prozent auf den niedrigsten Wert seit fast vier Jahren gefallen. Das löste Sorgen vor einem Preisverfall auf breiter Front aus, zumal die Unternehmen in Krisenstaaten wie Griechenland angesichts von Rezession und hoher Arbeitslosigkeit auch künftig kaum höhere Preise durchsetzen dürften.

Auch deshalb hatte die EZB ihren Leitzins im November auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt, um mit billigem Geld die Gefahr japanischer Verhältnisse erst gar nicht aufkommen zu lassen. Für dieses Jahr rechnen die Währungshüter mit einer Teuerungsrate von 1,1 Prozent, die 2015 auf 1,3 Prozent steigen soll.

Aktienmarkt zieht an

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Die Veröffentlichung der Teuerungsrate in der Eurozone hievte am deutschen Aktienmarkt den Leitindex Dax aus seiner dreitägigen Handelsspanne nach oben. Bislang hatte ihn der Widerstand bei rund 9460 Zählern gehalten. "Die wesentlich niedrigeren Inflationsdaten aus der Eurozone haben positiv überrascht", sagte ein Händler: "Der Markt interpretiert das jetzt so, dass bei der Geldpolitik weiterer Spielraum nach unten bei den Zinsen da ist".

Umgekehrt heiße es damit, dass es keinerlei Druck zu einem Anziehen der Geldpolitik gebe. Gleichzeitig seien sämtliche Konjunkturdaten aus Deutschland vom Vormittag wie Einzelhandelsumsatz und Arbeitslosigkeit sehr gut gewesen. "So eine Kombination sieht der Markt natürlich gerne", sagt der Händler.

EZB wird reagieren - möglicherweise nur verbal

Commerzbank-Volkswirt Christoph Weil rechnet damit, dass der Preisauftrieb demnächst leicht anziehen wird, "gleichwohl erwarten wir, dass die Notenbank weitere quantitative Maßnahmen ergreifen wird, um die Kreditvergabe anzukurbeln".

Nach Meinung von Annalisa Piazza, Volkswirtin bei Newedge Strategy, wird eine sofortige Reaktion der EZB bei der Ratssitzung am Donnerstag ausbleiben, "doch die Tauben unter den Währungshütern haben mit der niedrigen Inflation sicher ein gutes Argument". Das dürfte auch in der Sprache von Präsident Mario Draghi bei der Pressekonferenz zu bemerken sein.

Auch in Deutschland steigen die Lebenshaltungskosten unter dem Strich weiterhin verhalten, wenngleich stärker als in der Eurozone insgesamt. Die Verbraucher müssen allerdings für Lebensmittel deutlich mehr bezahlen. Der Anstieg des für europäische Vergleichszwecke berechneten Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) schwächte sich im Dezember auf 1,2 von 1,6 Prozent ab. Diese Entwicklung beruhte nicht zuletzt auf einer neu berechneten Komponente für Beherbergungen.

Erzeugerpreise gesunken

Auf der Ebene der europäischen Produzenten sind die Preise sogar rückläufig. Im November - neuere Zahlen liegen nicht vor - mussten die Erzeuger ihre Preise um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vormonat senken. Verglichen mit dem Vorjahr fielen sie um 1,2 Prozent. Damit sind die Preise im Jahresvergleich seit August in jedem Monat gesunken. Nur die Produzenten in der Tschechischen Republik, Frankreich, die Niederlande, Griechenland und Schweden konnten im November leicht höhere Preise durchsetzen.

Da das Zinsniveau bereits extrem niedrig ist, bleiben der EZB eigentlich nur noch Käufe von Staatsanleihen, um die Marktzinsen nachhaltig zu beeinflussen. "Doch die Hürden sind so hoch, dass selbst ein weiterer Rückgang der Inflation keine sofortige Antwort der EZB zeitigen würde", sagt Ökonom Dirk Schumacher von Goldman Sachs. Der EZB-Präsident dürfte daher auf die Möglichkeit von weiteren Lockerungen hinweisen, zu konkreten Instrumenten aber vage bleiben.

Quelle: ntv.de, jwu/rts/DJ/dpa

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