Das Phantom Satoshi NakamotoIst der Bitcoin-Schöpfer enttarnt?

Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto ist eine Legende der Krypto-Szene. Nun will die "New York Times" die wahre Identität des Phantoms enttarnt haben. Doch der dementiert.
Waren es am Ende ein paar Apostrophe und Bindestriche, die eines der bestgehüteten Geheimnisse der Internetkultur aufgedeckt haben? Diesen Eindruck erweckt zumindest John Carreyrou, Reporter bei der "New York Times". Über ein Jahr hat er sich an die Fersen des Phantoms Satoshi Nakamoto geheftet, den Bitcoin-Erfinder. In einem mehr als 10.000 Worte langen Epos erklärt Carreyrou, angereichert mit vielen Screenshots, Anekdoten und reichlich Spekulation, dass hinter dem Pseudonym nur einer stecken kann: der britische Informatiker Adam Back.
Die wahre Identität des Bitcoin-Gründers Satoshi Nakamoto ist einer der großen Mythen des Internets. Nicht zum ersten Mal versuchten sich Investigativreporter und Hobbydetektive an der Enttarnung des Phantoms. 13 verschiedene mögliche Identitäten sind allein auf Wikipedia eingetragen.
Schon einige Male war sich eine Zeitung dabei sicher: Im Jahr 2014 etwa behauptete "Newsweek", der Kalifornier Dorian Nakamoto sei der Bitcoin-Gründer. Craig Steven Wright behauptete, Nakamoto zu sein, flog jedoch als Betrüger auf. Mögliche weitere Anwärter waren der verstorbene IT-Forensiker Dave Kleinmann oder der Softwareentwickler Hal Finney. Eine HBO-Dokumentation will den ehemaligen Bitcoin-Entwickler Peter Todd als Satoshi Nakamoto gefunden haben. Auch Adam Back tauchte bereits in Spekulationen auf. Aber: Bisher blieben alle angeblichen Enthüllungen einen schlagenden Beweis schuldig.
Unbestritten ist, dass Adam Back einer der geistigen Väter des Bitcoins ist. Der im Jahr 1970 geborene Brite studierte Informatik an der Universität Exeter und trieb sich in den 1990er Jahren viel in Kryptographie-Mailinglisten rum. Dort spricht er sich für eine libertäre Regierung aus und begann, T-Shirts mit dem Code für E-Mail-Verschlüsselung zu verschicken. Im Jahr 1997 erfand er Hashcash, eine Art Spamfilter, der - wie der Bitcoin - auf einem "Proof-of-Work"-Prinzip basiert.
"Besser mit Code als mit Worten"
Tatsächlich zitiert Satoshi Nakamoto Adam Back in seinem Whitepaper von 2008, in dem er den Bitcoin beschrieb. Es gibt auch E-Mails zwischen Back und Nakamoto - die "New York Times" vermutet, Back habe diese an sich selbst geschickt, um den Verdacht von sich abzulenken.
Auf jeden Fall war Back früh in der Bitcoin-Community vertreten. Er schlug Verbesserungen in einem Online-Forum vor und gründete im Jahr 2014 das Blockchain-Unternehmen Blockstream. Heute lebt Back auf Malta und tritt regelmäßig bei Branchenkonferenzen auf.
Carreyrou führt eine Reihe an Belegen an, weshalb doch Adam Back hinter dem Phantom stecken soll. Dafür ist er tief in das Archiv der "Cypherpunks"-Mailinglisten eingestiegen, in denen sowohl Back als auch Nakamoto auftauchen. Auffällig: Nakamoto und Back benutzen immer wieder ähnliche Formulierungen und Vergleiche - zum Beispiel "Ich bin besser mit Code als mit Worten" (dieser Satz wird noch wichtig). Außerdem entwarf Back schon im Jahr 1999 eine Idee, die verdächtig nach dem Bitcoin klingt - etwa zehn Jahre vor der offiziellen Erfindung der Kryptowährung.
Eines der wichtigsten Indizien aber ist der Schreibstil. Die "New York Times" hat Schriften von Nakamoto und möglichen Kandidaten mit einer KI-Software verglichen. Dabei fiel auf: Nakamoto machte immer wieder die Fehler bei Apostrophen und Gedankenstrichen. Von den 562 Verdächtigen machte nur einer fast die gleichen Fehler: Adam Back.
Hat sich er sich verplappert?
Carreyrou zufolge hat sich Back schließlich in einem persönlichen Interview verplappert. Auf eben jenes "Ich bin besser mit Code als mit Worten" angesprochen, habe Back in der Ich-Form weitergesprochen. "Mit anderen Worten: Für ein paar Sekunden hatte Herr Back die Maske fallen lassen und war zu Satoshi geworden", schreibt Carreyrou in seinem Artikel.
Sollte das stimmen, wäre Adam Back einer der reichsten Menschen der Welt. Rund 1,1 Millionen Bitcoins sollen sich auf Wallets von Satoshi Nakamoto befinden - nach aktuellem Kurs fast 70 Mrd. Euro. Besonders viel hätte Back davon wohl nicht, jedenfalls wenn er sein Geheimnis wahren wollte. Wohl jede Abbuchung würde als Hinweis auf die wahre Identität aufgefasst werden, gerade jetzt.
Einige in der Community sind noch skeptisch und werfen Carreyrou einen "Confirmation Bias" vor - dass er nur nach Belegen suche, die seine These stützten. Der Komiker Dominic Frisby etwa führt an, Back habe in einer anderen Codingsprache als Satoshi Nakamoto gecoded. Außerdem habe Back, als er 2013 erstmals im Forum auftrat, noch wenig von Bitcoin selbst verstanden.
Auch Adam Back selbst bestreitet nach wie vor, Satoshi Nakamoto zu sein. Die vielen Übereinstimmungen in Schreibstil und Argumentation bezeichnet er als Kombination von "Zufällen und ähnlichen Phrasen" von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und Interessen. "Ich weiß auch nicht, wer Satoshi ist, und ich denke, es ist gut für den Bitcoin, dass es so ist (…)".
Andererseits: Genau das würde wohl Satoshi Nakamoto sagen.