Wirtschaft

DSW: "Handwerkliche Fehler" führten Prokon in die Pleite "Jeder Anleger sollte sich informieren"

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Prokon könnte zu einem Milliardengrab für Anlegergeld werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Windparkfinanzierer Prokon ist insolvent - und damit bangen rund 75.000 Anleger um ihr investiertes Geld. Ob und wieviel sie von ihren etwa 1,4 Milliarden Euro wiedersehen, hängt laut DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler auch davon ab, ob Prokon - wie angekündigt - seine Geschäfte fortführen kann, "Prokon ist ja nicht überschuldet, sondern hat ein Liquiditätsproblem", sagt er im n-tv.de-Interview.

n-tv.de: Prokon hat Insolvenz angemeldet. Überrascht Sie das?

Marc Tüngler: Nein. Es hat sich abgezeichnet, dass zu wenig Kündigungen zurückgenommen worden sind. Es war klar, dass das für das Unternehmen sehr schwierig wird.

Wie sollen sich Anleger verhalten, die bei Prokon Genussrechte gezeichnet haben?

Das Wichtigste ist: Jeder Anleger sollte sich informieren, welche Möglichkeiten er nun überhaupt hat, damit er den für ihn geeigneten Weg gehen kann. Ein Problem ist, dass man als Inhaber von Genussscheinen kein Gläubiger ist. Und die rechtliche Position eines Inhabers von Genussrechten ist diffus, weil seine Investition teils Eigenkapital- und teils Fremdkapitalcharakter hat. Der Anleger sollte sich deshalb unbedingt beim Insolvenzverwalter erkundigen. Auch wir klären derzeit, welche Ansprüche der Investor im Insolvenzfall hat. Das ist nicht ganz einfach. Es gibt möglicherweise sogar Schadenersatzansprüche und Prospekthaftungsansprüche.

Werden Anleger ihr Geld wiedersehen - oder stehen sie vor einem Totalverlust?

Es gibt einen testierten Abschluss des Jahres 2011. Wenn wir es nicht mit einem Betrugsfall zu tun haben, sind also auch Vermögenswerte vorhanden. Jetzt geht es darum, dass das Unternehmen weitergeführt werden kann. Die Finanzierung muss restrukturiert werden. Prokon ist ja nicht überschuldet, sondern hat ein Liquiditätsproblem.

Es haben schlichtweg zu viele Anleger gekündigt, ihre Rückzahlungsansprüche waren nicht mehr zu befriedigen. Deswegen musste Prokon Insolvenz anmelden. Wenn wir Unternehmenschef Carsten Rodbertus glauben, dann sind ausreichend Vermögenswerte vorhanden, um den Fortbestand von Prokon zu ermöglichen. Das wird der Insolvenzverwalter nun genau prüfen.

Haben die Anleger mit ihrem Verhalten Prokon in die Insolvenz getrieben?

Natürlich nicht. Man kann den Anlegern, die Genussscheine gekündigt haben, das doch nicht vorwerfen. Sie haben ihr gutes Recht wahrgenommen. Der handwerkliche Fehler war, dass langfristige Investitionen in Windparks und andere Anlagen mit extrem kurzfristig kündbarem Kapital finanziert wurden. Das hat schon die Hypo Real Estate und offene Immobilienfonds in die Enge getrieben. Jetzt hat es Prokon erwischt.

Aber hätte nicht jeder Anleger wissen müssen, dass Investitionen, die sechs Prozent Rendite versprechen, riskant sind?

Jeder Anleger sollte sich natürlich im Klaren sein: Wenn auf dem Preisschild sechs Prozent steht - teilweise wurden sogar acht Prozent gezahlt -, dann ist das in dem aktuellen Umfeld nicht ohne Risiko. Das war den Anlegern auch irgendwie grundsätzlich bekannt - aber eben nur grundsätzlich. Nun darf man aber eben hier nicht vergessen, dass Prokon immer wieder und sehr plakativ versichert hat, dass alles sicher ist und dass die Investition fast einem Sparbuch gleiche.

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Marc Tüngler, DSW-Geschäftsführer

(Foto: picture alliance / dpa)

Prokon muss sich fragen lassen: Wenn so viele Menschen mit hohem und zudem sicheren Zinsversprechen in die Investition gelockt worden sind, ob wirklich ausreichend auf das damit verbundene Risiko hingewiesen wurde. Pauschale Warnhinweise verpuffen da schlichtweg, wenn auf der anderen Seite immer wieder von höchster Sicherheit gesprochen wird.

Die Kommunikation von Prokon scheint - vorsichtig ausgedrückt - nicht ganz optimal gewesen zu sein. War es nicht ein Fehler, öffentlich die Anleger davor zu warnen, Geld abzuziehen, weil sonst die Insolvenz droht?

Das hat auf Anleger wie eine Erpressung gewirkt. Dazu kam dann eine regelrechte Panik. Die Kommunikation von Prokon hat sicher nicht dafür gesorgt, die Anleger zu beruhigen. Im Gegenteil.

Wieso hat es Prokon nicht geschafft, einen testierten Abschluss für 2012 vorzulegen?

Das ist die große Frage. Dass das Unternehmen dafür keinen Wirtschaftsprüfer gefunden hat, steht doch am Anfang der Geschichte. Das hat nachvollziehbarerweise viele Anleger ängstlich gemacht. Seit langer Zeit haben Verbraucherzentralen und Medien immer wieder vor Prokon gewarnt. Dennoch war es Herrn Rodbertus möglich, hunderte von Millionen Euro einzusammeln. Das gelang ihm, indem er eine starke Identifikation mit dieser Anlage aufbaute. Die Investoren wollten Geld verdienen und dabei etwas Gutes tun - das ist ja auch vollkommen richtig. Dabei haben sie Herrn Rodbertus vertraut und auf die Mahner nicht gehört. Solange er gute Nachrichten verkündete, ging das gut. Doch als selbst Prokon schlechte Nachrichten verkündete, begannen sie zu zweifeln.

Welche Lehren sollten Anleger aus der Prokon-Pleite ziehen?

Je höher der Zins ist, umso höher ist auch das Risiko. Der Zins ist im Grunde ein Fieberthermometer. Anleger müssen sich zudem genau anschauen, in was für ein Vehikel sie investieren. Genussscheine bieten einen höheren Zins, dafür hat der Anleger aber auch kaum Rechte. Anders ist das bei Aktien. Aktionäre können auf Hauptversammlungen über Abstimmungen Einfluss auf Personalentscheidungen oder gar die Strategie nehmen. Doch auch der Gesetzgeber sollte Konsequenzen ziehen - der nun betroffene Bereich des Kapitalmarktes ist ganz offensichtlich nicht ausreichend reguliert.

Mit Marc Tüngler sprach Jan Gänger.

Quelle: ntv.de