Wirtschaft

Die mächtige Stimme der Arbeitgeber Ingo Kramer ist neuer BDA-Chef

Für Deutschlands Arbeitgeber beginnt eine neue Ära: Nach fast zwei Jahrzehnten an der Spitze gibt Dieter Hundt sein Amt als BDA-Chef ab. Sein Nachfolger heißt Ingo Kramer. In Tarif- und Wirtschaftsfragen kommt an ihm künftig keiner mehr vorbei.

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Hat Tarif- und Wirtschaftspolitik noch mit Kanzler Kohl verhandelt: Dieter Hundt übergibt sein Amt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wachwechsel beim Spitzenverband der deutschen Arbeitgeber: Nach über 17 Jahren an der Spitze tritt Dieter Hundt als Präsident ab. Nachfolger ist der 60-jährige Metall-Unternehmer Ingo Kramer aus Bremerhaven.

In geheimer Wahl und einstimmig habe die Mitgliederversammlung des Verbands Kramer das Vertrauen ausgesprochen, teilte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) mit. Die Wahl gilt für eine zweijährige Amtszeit.

Mit seinen neuen Aufgaben ist Kramer bereits vertraut: Der vierfache Familienvater ist seit 2003 Mitglied des BDA-Präsidiums und war seit 2011 Vizepräsident der BDA. Kramer gilt als bodenständiger Manager und erfahrener Tarifpolitiker. Er ist Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Nordmetall und hat von 2001 bis 2011 als Verhandlungsführer die Tarifpolitik in der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie federführend verantwortet.

Rohre für Chemieparks und Offshore-Anlagen

Der 1953 geborene Unternehmer ist seit mehr als 30 Jahren Geschäftsführender Gesellschafter der Firmengruppe "J. Heinr. Kramer" (JHK Gruppe), die unter anderem Rohre, Gerüste, Kessel und komplette Anlagen für Pharmakonzerne, Lebensmittelhersteller die Energiewirtschaft und die chemische Industrie herstellt und an Kunden in aller Welt liefert.

  Der gelernte Diplom-Wirtschaftsingenieur führt das Familienunternehmen in Bremerhaven mit rund 260 Mitarbeitern in dritter Generation. Die Aufgaben aus der Verbandsarbeit sind Kramer ebenfalls nicht neu: Er ist bereits Präsident der Landesvereinigung der Arbeitgeber- und Unternehmensverbände in Bremen, Vorstandsvorsitzender der Stiftung der Deutschen Wirtschaft sowie Präsident der Industrie- und Handelskammer Bremerhaven.

Arbeitgeberpräsident unter Kanzler Kohl

Für den Arbeitgeberverband bedeutet der Wechsel an der Spitze eine nahezu historische Zeitenwende: Der inzwischen 75-jährige Hundt hat in seiner Amtszeit mit Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel drei verschiedene Bundeskanzler erlebt.

Als oberster Cheflobbyist der deutschen Wirtschaft hat er nun Platz gemacht für seinen bisherigen Vize. Bereits im Sommer hatte er ein weiteres Amt aufgegeben: Nach anhaltender Kritik war der begeisterte Fußballfan als Aufsichtsratsvorsitzender des VfB Stuttgart zurückgetreten - nach einer dort elfjährigen Amtszeit. Kramer gilt als Anhänger des SV Werder Bremen.

Kämpfer gegen den Mindestlohn

Auch wenn Hundt künftig nicht mehr die tarif-, sozial- und arbeitsmarktpolitischen Interessen der Arbeitgeber vertritt - als Ratgeber will sich der erfahrene Verbandschef weiter einmischen. Bis zuletzt sprach er sich zum Beispiel vehement gegen einen Mindestlohn aus. Eine Lohnuntergrenze treffe vor allem die Langzeitarbeitslosen, Geringqualifizierten und junge Menschen ohne Ausbildung, sagte er noch vor wenigen Tagen.

  Dass der Gesetzgeber auf einen Schlag 41 Tarifverträge, die einen Stundenlohn unterhalb von 8,50 Euro vorsehen, schlagartig außer Kraft setze, halte er für unverantwortlich. Dass die Lohnuntergrenze nun wohl nicht mehr aufzuhalten ist, wird Hundt nun zumindest nicht mehr als amtierender Präsident erleben.

Zu nachgiebig für die Politik?

In diesen Tagen wird Hundt auch auf seinen eigenen Anfang an der Verbandsspitze zurückdenken: Als er 1996 die Verbandsführung übernahm, war er nicht unumstritten. Es gab Stimmen, die ihm die notwenige Härte absprachen und ihn für zu nachgiebig hielten. Ein von ihm zuvor ausgehandelter Metall-Tarifvertrag - zudem im Pilotbezirk Baden-Württemberg - ging einigen Unternehmern viel zu weit. Sein damaliger Verhandlungspartner: der spätere SPD-Arbeitsminister Walter Riester.

 Mit Riester hatte er 1990 schon die 35-Stunden-Woche vereinbart. 1998 riefen Hundt und Riester zusammen mit Bundeskanzler Schröder und dem damaligen DGB-Chef Dieter Schulte das "Bündnis für Arbeit" zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit aus. 2003 hieß er die Agenda 2010 willkommen - plötzlich liefen die Gewerkschaften Sturm.

In der Wirtschaftskrise warb Hundt 2009 bei den Unternehmen für die Kurzarbeiterregelung und trug entscheidend dazu bei, Hunderttausende Beschäftigte vor dem Gang zum Amt zu bewahren. Unternehmerisch ist Hundt ein Mann aus dem Mittelstand. Nach dem Maschinenbaustudium arbeitete der Schwabe zuerst bei AEG im Bereich Kernenergie.

1975 übernimmt er auf Wunsch der Eigentümer-Familie beim Autozulieferer Allgaier Werke in Uhingen den Posten als geschäftsführender Gesellschafter. Zu diesem Unternehmen bestand noch eine andere Verbindung: Bereits sein Vater arbeitete in den Werken. Hundt erwarb Firmenanteile. Anfang dieses Jahres gehörte ihm das Unternehme vollständig. In den nicht ganz 40 Jahren dazwischen klettert der jährliche Firmenumsatz von 25 Millionen Euro auf 338 Millionen Euro.

Mit 60 Jahren an der Spitze

Kramer dagegen arbeitet im Betrieb, den der Großvater vor 100 Jahren gegründet hatte. Dessen Sohn übernahm den Chefposten mit 21. Ingo Kramer stieg mit 29 in die Geschäftsführung ein. Nun steht der 60-jährige als Arbeitgeberpräsident an der Spitze einer der mächtigsten und einflussreichsten Wirtschaftsverbände in der größten Volkswirtschaft der Eurozone.

Gespannt warten Beobachter nun, wie sich Kramer in seiner neuen Rolle zurechtfindet - und welche Positionen er in wichtigen wirtschafts- und gesellschaftspolitschen Fragen einnimmt. Denn Kramer übernimmt die BDA in schwierigen Zeiten: Nach der Bundestagswahl steht das Land vor einer Neuausrichtung. Zwar hatte Vorgänger Hundt sich nach der Wahl ausdrücklich für eine große Koalition von Union und SPD ausgesprochen - viele schwarz-rote Projekte beunruhigen jetzt aber die Wirtschaft.

Dazu zählen nicht nur der gesetzliche Mindestlohn, sondern auch die viel diskutierte Frauenquote in Führungsetagen oder schärfere Regeln für Zeitarbeit und Werkverträge. Positiv dürfte bei den Arbeitgebern ankommen, dass Union und SPD die Macht von Splitter-Gewerkschaften einschränken und die Tarifeinheit stärken wollen.

Quelle: n-tv.de, jwu/mmo/dpa/AFP

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