Wirtschaft

"Welt-Handelsindex" Leichte globale Erholung im Handel

Der G20-Gipfel war ein Erfolg für den Freihandel - doch Absichtserklärungen reichen nicht aus.

Bereits bevor der G20-Gipfel ein Signal für den Freihandel setzte, konnte sich der Welthandel etwas stabilisieren. Der "Welt-Handelsindex", der dieses in seinem Zahlenmaterial und seiner Prognostik reflektiert, unterstreicht damit seine Eigenschaft als sensibler Indikator für die weltweite Handelsaktivität, die im Juni eine moderate Erholung zeigte.

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Nachdem der Index in den Monaten zuvor verloren hatte, erreicht das weltweite Handelsbarometer im aktuellen Berichtszeitraum ein Niveau von 69,3 Zählern. Die globale Handelsaktivität ist in Folge des wachsenden Protektionismus noch immer eingeschränkt und steigt damit erstmals wieder seit März dieses Jahres. Doch diese Situation hat sich nicht ausschließlich negativ auf den Handel ausgewirkt. In Sorge wachsender Handelshemmnisse haben einige Akteure Geschäfte vorgezogen. Dieses Phänomen betrifft in erster Linie den Handel zwischen den USA und China.

Aber auch Deutschland konnte mit seinen Qualitäten glänzen und in den vergangenen Wochen sowohl steigende Export- als auch Importzahlen gegenüber dem Vorjahr, insbesondere dem Mai, vermelden. Darüber hinaus ist zu konstatieren, dass das weltweite Handelsregime im Großen und Ganzen noch immer effektiv funktioniert. Die solide konjunkturelle Lage in China und den USA spricht zudem dafür, dass dies auch so bleibt. Dennoch scheinen inzwischen immer mehr Akteure zu erkennen, dass Protektionismus ein Holzweg ist - und einseitige Maßnahmen mehr Verlierer als Gewinner erzeugen.

Trotz der Unsicherheit rund um den wachsenden Protektionismus bleibt der Austausch von Waren und Dienstleistungen auf einem hohen Stand. Zuletzt sank der Handelsbilanzüberschuss der 19 Euroländer mit dem Rest der Welt zwar auf 15,3 Prozent, was einem Rückgang im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent entspricht. Doch bleibt insbesondere der Handelsüberschuss zu den USA auf einem hohen Niveau. Dies deutet einerseits an, dass die jüngsten Entwicklungen sich noch nicht so stark auf den Handel ausgewirkt haben, spricht aber auch für die künftige Verwundbarkeit der EU und insbesondere Deutschlands in einem möglichen Handelskrieg mit den USA. Dass ein Handelskrieg nur Verlierer hervorbringt, zeigen auch die Zahlen aus den USA. Dort fiel das Handelsbilanzdefizit im Mai mit 55,5 Milliarden US-Dollar so groß aus, wie lange nicht - ein Indiz, dass Trumps Absicht, das strukturelle Defizit mit seinen Maßnahmen abzuschmelzen, vergebens sein könnte.

Dass die weltweite Handelsaktivität schwächelt, zeigte unser "Welt-Handelsindex" bereits in den vergangenen Monaten. Zuletzt bestätigte die EU diese Entwicklung. Wie die EU-Kommission im Juni bekannt gab, sieht sich der Wirtschaftsraum aktuell so vielen ungerechtfertigten Handelshemmnissen ausgesetzt, wie noch nie zuvor. Insgesamt identifiziert die EU ganze 425 dieser ungerechtfertigten Maßnahmen, die zu Schäden von mehreren Milliarden Euro führen, so die Kommission. Obwohl die Staatengemeinschaft ausdrücklich die US-Zölle auf Aluminium und Stahl nennt, sind China und Russland für die meisten der beanstandeten Handelshemmnisse verantwortlich.

Dr. Markus C. Zschaber

Dr. Markus C. Zschaber Chef der V.M.Z. Vermögensverwaltung in Köln, welche monatlich den "Welt-Handelsindex" veröffentlicht.

Dass Handelshemmnisse der deutschen Wirtschaft schaden, bestätigt auch eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK): Demnach haben sich im vergangenen Jahr 46 Prozent der befragten Betrieben Handelshemmnissen ausgesetzt gesehen. Diese Erfahrungen führten auch dazu, dass die Erwartungen an den Export bei Unternehmen und Entscheidern auf EU-Ebene gesunken sind. Als Lösung will man bei der EU die Welthandelsorganisation (WTO) stärken und weiter gegen - nach Ansicht der EU - unberechtigte Handelsbarrieren kämpfen. Wie die EU meldet, ist dieses Vorgehen bislang durchaus erfolgreich: Seit 2014 seien nach Interventionen bereits 123 Handelshemmnisse abgebaut worden. Dass der jüngste Trend hin zu mehr Handelsbarrieren zum Positiven umschwenken könnte, zeigen auch die Ergebnisse des jüngsten G20-Gipfels Ende Juni.

Allen voran konnten sich die USA und China auf ein vorläufiges Ende der Eskalation in Handelsfragen einigen. Das Reich der Mitte nimmt den Vereinigten Staaten mehr Agrarerzeugnisse ab, dafür bleiben weitere Zölle aus, und Maßnahmen gegen den chinesischen Netzausrüster Huawei werden abgemildert. Beide Parteien wähnen sich inzwischen wieder auf einem guten Weg und wollen die Verhandlungen fortsetzen.

Während die Medien das Hauptaugenmerk auf China und die USA legten, konnte die EU einen Achtungserfolg erzielen. Gemeinsam mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur will die EU die größte Freihandelszone der Welt aufbauen. Mercosur umfasst Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Das geplante Abkommen soll Zölle und andere Handelshemmnisse in Höhe von vier Milliarden Euro abbauen und für zusätzliche Kosteneinsparungen in Höhe mehrerer Milliarden sorgen. Angesichts des noch immer schwelenden Handelskonflikts wurde die geplante Zusammenarbeit der EU mit den Staaten Südamerikas von Beobachtern zurecht gefeiert.

Neben der Annäherung an Südamerika konnte die EU während des G20-Gipfels einen weiteren Erfolg anbahnen und den Freihandel stärken. Mit Vietnam einigte man sich darauf, binnen weniger Jahre 99 Prozent der Handelshemmnisse abzubauen. Aktuell umfasst das Handelsvolumen zwischen der EU und Vietnam rund dreizehn Milliarden Euro - Tendenz steigend. Schon heute ist Vietnam nach Singapur der zweitwichtigste Handelspartner der EU in Südostasien. Im vergangenen Jahr wuchs die vietnamesische Wirtschaft um rund acht Prozent.

Doch trotz der positiven Signale seitens des G20-Gipfels sollten Handeltreibende und Investoren auf Unternehmensseite sich nicht in allzu großer Sicherheit wähnen. Zwar ist es durchweg positiv, wenn sich die USA und China wieder in Verhandlungen befinden, doch steigt dadurch das Risiko für Deutschland. Beobachter sehen in Deutschland mit seinen Handelsbilanzüberschüssen ein leichtes Opfer für US-Präsident Donald Trump. Dieser könne sich angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahl im Jahr 2020 ein neues Ziel für seine scharfe Rhetorik suchen, um von innenpolitischen Problemen abzulenken und potenzielle Wähler hinter sich zu bringen.

Wie also sollen Beobachter die jüngste Entwicklung interpretieren? Der G20-Gipfel liefert eine Reihe positiver Signale für den Freihandel. Auch die negativen Erwartungen vieler Unternehmen dürften sich damit ein Stück weit relativieren. Allerdings schieben Absichtserklärungen allein noch nicht den Handel an. Zwar deuten Frachtpreisindizes, wie der Baltic-Dry-Index, schon heute eine leichte Erholung der Handelsaktivitäten an, doch reicht das noch nicht, um eine Trendwende zu konstatieren.

Gleichwohl sehen wir bei der weltweiten Handelsaktivität eine Stabilisierung, die sich auch im "Welt-Handelsindex" niedergeschlagen hat. Gepaart mit den jüngsten positiven Signalen vom G20-Gipfel halten wir es für möglich, dass sich der Index schon bald wieder über der Marke von siebzig Zählern stabilisiert. Dass das Handelsbarometer selbst vorgezogenen Handel aus Sorge vor höheren Zöllen registriert, zeigt wie exakt der Indikator auf kleine Veränderungen reagiert. Die weiteren Wochen werden zeigen müssen, inwiefern der Welthandel zu seiner alten Stärke zurückfinden kann. Die Binnenkonjunkturen in China und den USA sind robust genug, um auch den Welthandel in Schwung zu halten. Es obliegt den handelnden Akteuren, dieses Potenzial im Sinne des Freihandels zum Wohle aller zu nutzen.

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Funktionsweise Welt-Handelsindex

Der Welt-Handelsindex fasst alle relevanten Daten aus den vier primären Transport- und Handelswegen (Schifffahrt, Schiene, Straße und Lufttransport) zusammen, gewichtet diese und verdichtet sie in einem Index. Der Index bietet zum ersten Mal ein Gesamtbild des Welthandels zusammengefasst in einer Zahl, erfasst damit unter anderem auch die Auswirkungen der Globalisierung und überwindet funktionale und regionale Beschränkungen, der zum Beispiel nur regional ausgerichteten Indikatoren. Weißt der Welt - Handelsindex einen Stand zwischen 85 und 100 Punkten aus, befindet sich der Welthandel im Expansionsmodus. Je höher oder tiefer die Punktezahl ist, umso besser respektive schlechter steht es um den Welthandel. Weißt der Welthandelsindex dagegen einen Stand zwischen 55 und 85 Punkten aus, befindet sich der Welthandel in seinem Trendwachstumskanal. Indexstände zwischen 55 und 0 Punkten bedeuten, dass der Welthandel sich in Kontraktion befindet und schrumpft.

Quelle: Die Vermögensverwaltungsges. Dr. Markus C. Zschaber mbH stellt den Index monatlich exklusiv dem "manager-magazin-online" und dem "Nachrichtensender n-tv" zur Verfügung. Informationen zum Index unter www.zschaber.de oder www.kapitalmarktanalyse.com

Quelle: n-tv.de