Wirtschaft

Nachhaltig oder Greenwashing? "Lieber sollten Schuhe aus Vietnam anreisen"

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Lieber teure nachhaltige Produkte als billige Discountware? Nicht immer ist in einem Produkt auch drin, was drauf steht. Es gibt jede Menge Etikettenschwindel. Manche Hersteller nutzen den Hype um Nachhaltigkeit, um sich mit ökologischen Federn zu schmücken.

(Foto: picture alliance / dpa)

Je lauter Produkte als sozial nachhaltig und umweltverträglich angepriesen werden, desto mehr Skepsis ist angesagt. Das Online-Magazin Peppermynta durchforstet seit vier Jahren den Nachhaltigkeits-Dschungel auf der Suche nach fairen Produkten. Die Redaktionsleiterin des Hamburger Startups, Lara Keuthen, erklärt n-tv.de, wie das funktioniert und was dabei vor allem zählt.

n-tv.de: Ihr nachhaltiges Online-Magazin Peppermynta gibt es seit vier Jahren. Trägt sich das Geschäftsmodell?

Wir haben inzwischen zwei feste Redakteurinnen und drei bis vier freie Autoren. Wie Magazine finanzieren wir uns über redaktionelle Werbeanzeigen, sogenannte Advertorials. Freie Banner-Plätze, die über externe Dienstleister mit Werbeanzeigen gefüllt werden, bieten wir bewusst nicht an. Das kann keiner gut genug kontrollieren. Wir ziehen es vor, unsere Partner selbst auswählen. Da wir uns über das Magazin allein jedoch nicht finanzieren können, arbeite ich freiberuflich noch bei anderen Projekten mit.

Kosmetik, Kleidung, Reisen - das Peppermynta-Angebot ist vielfältig. Wie finden Sie diese Produkte und Ideen?

Wir besuchen regelmäßig Fachmessen und informieren uns vor Ort. Zu vielen Unternehmen haben wir mittlerweile einen sehr ehrlichen und persönlichen Kontakt. Wir recherchieren in Social Media und haben auch eine tolle Community, die uns Dinge vorschlägt. Zertifikate wie zum Beispiel Fairtrade oder Fair for Life sind ebenfalls gute Indikatoren. Kleine Marken können sich die teuren Labels aber häufig nicht leisten. Hier müssen wir uns dann mit den Menschen hinter den Marken auseinandersetzten. Danach entscheiden wir, ob wir ihnen vertrauen oder nicht vertrauen.

Die Diskussion, was nachhaltiger Konsum ist, gibt es seit den 90er-Jahren. Trotzdem gibt es immer noch keine verbindliche Definition. Welche Kriterien wenden Sie an?

Produkte und Projekte, die wir vorstellen, sollen nicht auf Kosten von Menschen, Tieren oder der Umwelt entstanden sein. Wir verzichten auf die Zusammenarbeit mit Großkonzernen und Projekten, die von Investoren getrieben werden. Und wir achten auf Zertifizierungen, auch wenn wir sie nicht als Allheilmittel sehen. Vertrauen ist wie gesagt auch ein wichtiger Indikator. Dazu gehören auch Offenheit, Dialog und ebenso kritisches Nachfragen. Einen messbaren Indikator für Vertrauen gibt es nicht. Es hilft aber auch nicht, wenn wir Menschen mit einer Idee und der Vision, etwas besser zu machen, misstrauen.

Die Produkte auf Ihrer Seite sind Made in Morocco, Vietnam oder Malaysia. Kontrolliert irgendjemand die Firmen vor Ort?

In erster Instanz die Menschen, die die Marke gegründet und die Produktion vor Ort initiiert haben oder dort produzieren lassen. Kürzlich haben wir das Label Con Corazon kennengelernt, das sich auf den Handel von Kunsthandwerk aus Kriegsländern spezialisiert hat. Es wäre für uns unmöglich, hinzufahren, um die Goldschmiede und Keramikkünstler vor Ort zu besuchen und die Produktion kennenzulernen. Auch hier steht Vertrauen wieder an oberster Stelle - zusammen mit dem Appell an das Unternehmen, transparent zu sein.

Ein vietnamesisches Startup rühmt sich auf Ihrer Seite mit kurzen Transportwegen zwischen den Produktionsschritten. Der Transport weg vom Produktionsort zum Kunden, also von Vietnam nach Deutschland, ist dann aber alles andere als nachhaltig. Hat das Sinn?

Ich finde, ein paar Schuhe aus Vietnam sollten eher nach Deutschland reisen als ich nach Vietnam. Natürlich ist der Transport der Güter über ganze Kontinente hinweg eine CO2-Belastung. Aber der Tourismus als größte Welt-Wirtschaftskraft ist es noch viel mehr. Außerdem blicken wir auf 250 Jahre Industrialisierung zurück, die auch mit einer starken Kolonialisierung einhergegangen ist. Manche Länder leiden noch heute darunter. Menschen vor Ort mit sozialen, ökologischen Projekten zu unterstützen, ist nur fair.

Nachhaltigkeit beinhaltet eine ganzheitliche Betrachtung. Können Sie bei Ihren Produkten die ganze Wertschöpfungskette eines Produkts analysieren?

Wir trauen uns zu, all das, was in unserer Macht steht, zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen. Alles genau zu analysieren und jede Wertschöpfungskette zu kennen, ist schon alleine aus zeitlichen und ebenso räumlichen Gründen nicht möglich. Ein sehr aktuelles Thema ist die Diskussion zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht, über die wir uns auch mit der Grünen-Abgeordneten Renate Künast unterhalten haben. Auch sie sagt, dass es personell fast nicht möglich ist, alle Lieferketten zu überprüfen, und dass hier vor allem digitale Lösungen gefunden werden müssen. Zugleich sehe ich wirklich in erster Linie die Unternehmen in der Pflicht. Das deutsche Label Wunderwerk zum Beispiel oder der Möbelhersteller Grüne Erde sind wundervolle Beispiele für eine transparente Lieferkette und Kommunikation.

Ein Bikini-Oberteil für 95 Euro ist nicht gerade ein Schnäppchen. Der ganze Hype um Nachhaltigkeit sei etwas für Leute mit schlechtem Gewissen und zu viel Geld, sagen manche. Was erwidern Sie ihnen darauf?

Das sehe ich nicht so. Wenn ich ein Bikini-Oberteil für 5,99 Euro kaufe, dann kann ich mir sicher sein, dass irgendwo auf der Welt ein Mensch den Preis dafür zahlt. In der Regel sind nachhaltig und fair produzierte Kleidungsstücke langlebiger. Ob ich jetzt drei Sommer lang hintereinander sechs Bikini-Oberteile kaufe, weil sie verwaschen, ausleiern oder kaputt gehen oder ob ich in ein gutes, hochwertiges Teil investiere, das kommt finanziell aufs Gleiche raus. Ein Problem ist, dass wir den Bezug zum eigentlichen Wert der Dinge verloren haben. Das betrifft Kleidung ebenso wie Kosmetika oder Lebensmittel. Ich kann gerade mal einen Knopf annähen. Wie kann und soll ein Bikini-Oberteil dann 5,99 Euro kosten?

Viele Unternehmen schmücken ihre Produkte zu reinen Marketingzwecken mit dem Label "nachhaltig". Das nennt sich dann "Greenwashing". Wie schützen Sie sich davor?

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Lara Keuthen ist seit 2018 Redaktionsleiterin von "Peppermynta".

Klar, Nachhaltigkeit ist angesagt und mehr als die Hälfte der Deutschen gibt an, dass sie sich dafür interessieren. Das ist die perfekte Steilvorlage für Marketing. Wenn die Firma Garnier - welche zu L’Oreal Paris und diese wiederum zu Nestlé gehört - eine Naturkosmetik-Serie herausbringt, dann ist das für uns Greenwashing, weil Konsumenten mit dem Kauf der Produkte einen Großkonzern unterstützen, der alles andere als nachhaltig ist. Wenn ein Discounter Kleidung aus Bio-Baumwolle zu Spottpreisen verkauft, ist das ebenfalls verdächtig. Manche Produkte sind schwerer zu identifizieren. Wir versuchen, die Marktgeschehnisse und Verkäufe kritisch und aufmerksam zu beobachten und schnell öffentlich darüber zu diskutieren. Als wir uns nach dem Verkauf von Logocos und Sante an L’Oreal Paris öffentlich von den Firmen distanziert haben, haben wir viel positives Feedback bekommen.

Haben Sie das Gefühl, Sie bewegen etwas?

Wir sind nur ein kleiner, bunter, fröhlicher Fisch im großen Nachhaltigkeits-Becken, aber wir wissen, dass wir bereits viele Menschen inspirieren konnten. Wir haben Peppermynta ins Leben gerufen, um Interessierten zu helfen, in einer Welt voller Werbebotschaften diejenigen Produkte, Menschen und Institutionen zu finden, die ihren Ansprüchen an Nachhaltigkeit, Qualität und Authentizität gerecht werden. Nicht mehr und nicht weniger. Als logische Konsequenz haben wir dieses Jahr unseren "Peppermynta Brandfinder" programmiert. Er funktioniert über eine Schlagwortsuche und vereinfacht das Suchen nach nachhaltigen Produkten zu unterschiedlichen Lebensweisen.

Mit Lara Keuthen sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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