Wirtschaft

Finanzmärkte erhöhen den Druck Luft für Spanien wird dünner

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An der Börse in Madrid fallen die Kurse.

(Foto: REUTERS)

Für Spanien wird die Lage am Finanzmarkt von Tag zu Tag dramatischer. Die Rendite für richtungsweisende Wertpapiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren steigt weiter und liegt damit deutlich über dem Niveau, das auf Dauer als finanzierbar gilt. An den Finanzmärkten wächst die Überzeugung, dass Spanien bald unter den Rettungsschirm fliehen muss.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verbreitet mit Blick auf Spanien zwar demonstrativ Optimismus, doch der Anleihemarkt zeichnet ein anderes Bild. "Das Land wird schnell wieder vorangekommen", sagte Schäuble der "Bild-Zeitung". Mit Hilfe des jüngst beschlossenen europäischen Hilfsprogramms werde das Bankensystem des Landes wieder stabiler und widerstandsfähiger. "Das schafft neues Vertrauen", meinte Schäuble. Die Sparanstrengungen der spanischen Regierung werden nach seiner Überzeugung Früchte tragen.

An den Anleihemärkten ist von Vertrauen allerdings nichts zu spüren. Im Gegenteil: Der Abverkauf am spanischen Anleihemarkt ging zum Wochenstart weiter: Die Renditen für richtungsweisende spanische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren stiegen weiter und kletterten über 7,4 Prozent. Damit wachsen die Schwierigkeiten der viertgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, sich am Kapitalmarkt zu refinanzieren – und so wird es wahrscheinlicher, dass Spanien unter den Rettungsschirm der Eurozone flüchten muss.

Hohe Arbeitslosigkeit

Spanien steckt in der Rezession, die Konjunktur beschleunigt ihre Talfahrt. Die Wirtschaft hat der Notenbank zufolge auch im zweiten Quartal kräftig an Fahrt verloren. Das Bruttoinlandsprodukt sei zwischen April und Juni voraussichtlich um 0,4 Prozent zum Vorquartal geschrumpft, teilte die Zentralbank in ihrem Monatsbericht mit. Bereits zum Jahresanfang hatte es ein Minus von 0,3 Prozent gegeben. Die Regierung hat bereits ihre optimistische Wachstumsprognose kassiert und geht nun davon aus, dass die Wirtschaft auch im kommenden Jahr schrumpft.

Auch andere Zahlen zeigen, dass sich Spaniens Probleme verschlimmern. Am Mittwoch meldete die Regierung, dass die spanischen Häuserpreise im zweiten Quartal mit 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr so stark gefallen sind wie noch nie seit Beginn der Immobilienkrise. Der sich im freien Fall befindende Immobilienmarkt ist also noch immer nicht am Boden angekommen. Spanien steckt seit dem Platzen einer Immobilienblase im Jahr 2008 in der Krise. Fast ein Viertel der Spanier sind arbeitslos, bei den jungen Leuten unter 25 Jahren hat sogar mehr als jeder Zweite keine Arbeit.

Spaniens Regierung hofft, dass Strukturreformen und Sparpakete für Wachstum und damit bei Investoren für Vertrauen sorgen - und deshalb zu fallenden Zinsen an den Anleihemärkten führen. Doch bislang ist das nicht eingetreten. Kritiker weisen deshalb darauf hin, dass überzogenes Sparen das Land noch tiefer in die Rezession führe und die finanzielle Lage verschlechtere statt verbessere.

Banken in Schwierigkeiten

Auch im Bankensektor brodelt es weiter. Die Bankeinlagen sind im Mai um den Rekordwert von 5,75 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gesunken. Der Anteil der notleidenden Kredite an den Gesamtkrediten ist auf 8,95 von zuvor 8,72 Prozent gestiegen. Sie belaufen sich jetzt auf 155,84 Mrd. Euro.

Die Euro-Finanzminister hatten am Freitag endgültig grünes Licht für Kredite in Höhe von bis zu 100 Mrd. Euro für die angeschlagenen spanischen Banken gegeben. Mit dem auf 18 Monate ausgelegten Programm sollen bedürftige Geldinstitute rekapitalisiert werden, die aufgrund der geplatzten Immobilienblase in Schwierigkeiten geraten sind.

Doch die Flucht von Investoren aus spanischen Staatsanleihen stoppte das nicht. Verstärkt wird die Skepsis durch die Schwierigkeiten spanischer Regionen. Nachdem Valencia als erste autonome Region bei der Zentralregierung in Madrid einen Antrag auf Finanzhilfe im Umfang von zwei Milliarden Euro stellte, erwägen drei weitere Regionen, ebenfalls Hilfe aus dem 18 Mrd. Euro schweren staatlichen Rettungsfonds zu beantragen. Die 17 autonomen Regionen Spaniens müssen in diesem Jahr etwa 36 Mrd. Euro ihrer Verbindlichkeiten refinanzieren und rund 15 Mrd. Euro aufbringen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Die Lokalregierungen sind praktisch von den Finanzmärkten ausgeschlossen, da sie die hohen spanischen Renditen nicht tragen können.

"Für Spanien wird es zusehends kritischer - die Tage ohne ein volles Hilfspaket dürften gezählt sein", sagte ein Börsianer.

Quelle: ntv.de, jga/rts/DJ/dpa/AFP

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