Wirtschaft

Gigantischer Schwund Millionen Bitcoins sind für immer verloren

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Wenn Cybergeld verschwindet, ist die Bank nicht schuld.

picture alliance / Jens Kalaene/

Als Bitcoins nur wenige Dollar wert waren, schenkten die Besitzer ihren digitalen Geldbörsen wenig Beachtung. Mancher bereut das heute. Im Bitcoin-Netz schlummert ein Milliardenvermögen, auf das niemand Zugriff hat.

"Wenn meine Frau das erfährt, bin ich tot", sagt der Spieleentwickler, der aus gutem Grund nur seinen Vornamen verrät. Alex wäre heute Millionär, hätte er besser aufgepasst. Der Technik-Freak hatte in den Anfangszeiten des Bitcoin rund 1000 digitale Münzen am Laptop zusammengeschürft. Es war eher Spaß an der Freud, berichtet er. Viel wert waren die digitalen Münzen 2009 noch nicht. Immerhin dachte Alex noch daran, dass Kryptogeld in seiner Internet-Geldbörse auf einen USB-Stick zu laden. Falls sein Rechner kaputtgehen sollte, wäre es dort sicher, dachte er sich. Dann passierte lange nichts.

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Erst Ende 2013, als der Bitcoin 980 Dollar kostete, habe er sich wieder für sein Krypto-Wallet interessiert, berichtet der Australier news.com.au. "Ich steckte den USB-Stick (in den Rechner), doch der Stick war leer." Es sei einer dieser billigen aus China gewesen, ergänzt er. Ein fataler Fehler, denn bei einem Kurs von über 10.000 Dollar je Bitcoin hätte Alex heute zehn Millionen Dollar auf der hohen Kante haben können. Damals habe ja niemand damit rechnen können, dass der Bitcoin jemals so groß werden würde, verteidigt er sich.

Alex ist kein Einzelfall, wie eine Studie zeigt. Vielen Bitcoin-Fans - vor allem denen der ersten Stunde - ist es ähnlich ergangen: Von den insgesamt 16,4 Millionen Bitcoins, die heute im Umlauf sind, dürften laut der Marktanalyse-Firma Chainalysis zwischen 17 und 23 Prozent auf immer verschollen sein. In der Spitze rechnen die Analysten mit einem Schwund von bis zu 3,8 Millionen Bitcoins. Das entspricht bei einem Preis von 10.000 Dollar für einen Bitcoin einem Gegenwert von mehr als 38 Milliarden Dollar.

Gründe hierfür gibt es viele: Der Computer geht kaputt. Bitcoin-Besitzer verlieren ihre digitalen Wallets durch technische Defekte, sie vergessen die Passwörter. Oder sie sterben und die Erben haben keinen Zugriff auf die Geldbörsen im Internet. In jedem Fall können sich mehrere Millionen Dollar schnell in Luft auflösen. Ein neues Passwort oder eine neue PIN beantragen? Fehlanzeige. In der Cyberwelt gibt es keine Hotline, bei der sich frustrierte Kontoinhaber beschweren, Entschädigung verlangen oder auch nur Hilfe oder Tipps erbitten können. Schon heute steht fest: Wenn die von den Entwicklern festgelegte Schallmauer von 21 Millionen Bitcoins im Jahr 2040 erreicht ist, wird der verfügbare Bestand an Bitcoins deutlich niedriger sein.

Zwar ist es nicht das erste Mal, dass über die Anzahl verloren gegangener Bitcoins spekuliert wird. Laut Fortune sind die Zahlen von Chainalysis aber diesmal belastbar, weil ihnen eine detaillierte empirische Analyse der Blockchain zugrundeliegt. In der Blockchain sind alle Transaktionen aufgezeichnet. Chainalysis genießt in der Branche übrigens einen gewissen Ruf: Die Firma arbeitet unter anderem für die US-Steuerbehörde IRS oder die europäische Polizeiorganisation Europol.

Wo ist Satoshi Nakamoto?

Verloren gegangen sind die meisten Bitcoins laut Studie nicht beim Schürfen oder bei Transaktionen, sondern dort, wo Langzeitinvestoren Bitcoins liegenlassen, wie die Studie weiter zeigt. Die "Hodler" - von "to hold", hinter dem Buchstabendreher verbirgt sich angeblich ein Rechtschreibfehler in einem Forenbeitrag - sollen ganze 50 Prozent ihrer Bitcoins eingebüßt haben.

Einen Totalverlust verzeichnet Chainalysis bei sogenannten Satoshi Coins - das sind Bitcoins der allerersten Stunde, die dem gleichnamigen Erfinder oder der Gruppe an Erfindern zugeschrieben werden. Laut den Analysten schlummern schätzungsweise eine Million Bitcoins in Wallets, die diesem Pseudonym zugerechnet werden. Was es damit auf sich hat, ist den Experten ein Rätsel. Von Satoshi Nakamoto hat man seit 2011 nichts mehr gehört, die Konten sind nicht aktiv. Bis Jahresende will Chainalysis mehr über diese Wallets in Erfahrung gebracht haben.

Das verspricht spannend zu werden, denn sollten die Satoshi-Münzen plötzlich wieder auftauchten, könnten sie große Wellen am Krypto-Markt schlagen. Niemand weiß, ob der hohe Schwund bei Bitcoins im derzeitigen Preis einkalkuliert ist. Eine eindeutige Antwort hierauf haben auch die Analysten von Chainalysis nicht. Dass es nicht irrelevant für Krypto-Fans ist, wer hinter dem Bitcoin steht, zeigen auch die jüngsten Spekulationen um Satoshi Nakamotos Identität.

Ein ehemaliger SpaceX-Praktikant behauptete kürzlich, Elon Musk sei der mysteriöse Erfinder des Bitcoin. Der Technik-Allrounder mit Kryptokenntnissen dementierte dieses Gerücht umgehend. Gleichzeitig verriet er bei der Gelegenheit aber auch, dass er selbst zu denjenigen zählt, die keinen Zugriff mehr auf seine Bitcoins haben. Laut Musk hatte ihm ein Freund vor Jahren ein paar Münzen geschenkt. Auf das Cybergeld angewiesen war der Multi-Milliardär bislang nicht.

Die Analysten sind sich sicher, mit zunehmendem Wert der Bitcoins wird sich der Schwund verlangsamen. Bitcoin-Besitzer werden ihr Cybergeld besser beisammenhalten. Für Alex kommt diese Einsicht zu spät. "Das ist der schlimmste Fehler meines Lebens", gesteht er.

Quelle: n-tv.de

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