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Wann startet der BER? Blamage in Berlin geht weiter

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Wer hat hier eigentlich den Hut auf?

(Foto: picture alliance / dpa)

Warten. Warten. Immer nur Warten. Die Eröffnung des Hauptstadtflughafens wird immer weiter auf die lange Bank geschoben. Heute will der Aufsichtsrat nun den endgültigen Termin nennen. Am Flughafen ist man Kummer gewohnt. Manch einer freut sich schon über eine "planbarere Hängepartie".

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Jawohl, ein Termin muss her.

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Das nennt man wohl gründlich verplant: Noch mal sechs Monate später, noch mal mehr Kosten für den Steuerzahler. Und ein Ende der Hängepartie ist noch nicht einmal in Sicht. Die Blamage um den neuen Hauptstadtflughafen BER nimmt einfach kein Ende. Voraussichtlich erst Mitte bis Ende Oktober kommenden Jahres, am 20. oder 27. Oktober 2013, und damit noch einmal sechs Monate später, wird der erste Flieger von dem neuen Flughafen starten - sage und schreibe 21 Jahre nach den ersten Planungen und vier Eröffnungstermine später. Wenn alles gut geht.

Aber wen kann das noch schrecken? Selbst der Geschäftsführer des Flughafen-Hotels Holiday Inn Schönefeld, Thomas Tarnok, gibt sich im Vorfeld des neuen Termins auffällig unaufgeregt. Nachdem es jetzt einen "verlässlicheren Termin mit Oktober 2013 geben könnte", sei "diese Hängepartie jetzt planbarer". Mehr kann er nicht mehr erwarten. Die Messlatte für den Erfolg des BER hängt niedrig.

Im Laufe des Tages will der Aufsichtsrat das nicht mehr ganz so wasserdichte Geheimnis um den neuen Eröffnungstermin lüften. Viel spannender als der Termin an sich ist die Ankündigung, dass es nun im nächsten Anlauf tatsächlich klappen soll. Ein Versprechen, das Hoffnungen weckt. Nur glauben kann es leider niemand mehr. Auch dieser Termin ist ambitioniert und nicht in Stein gemeißelt. 21 Jahre Fehlplanungen lassen sich nicht mit einem Handstreich ausradieren. Der neue Technikchef Horst Amann, auf dem die großen Hoffnungen ruhen, ist auch nicht Harry Potter. Schon jetzt kursieren Gerüchte, dass die Verantwortlichen mit einem sanften Zeitplan liebäugeln, der ihnen - wenn alle Stricke reißen - auch eine Eröffnung auf Raten ermöglicht.

Eine nähere Betrachtung des Großprojektes ist in jeder Hinsicht ernüchternd: Die Baustelle ist mittlerweile aufgrund der allgemeinen Planlosigkeit in einen tiefen Dornröschenschlaf versunken. Gerade jetzt wird wieder viel Geld der Steuerzahler in die Kanalisation gespült. Selbst ohne laufende Arbeiten verschlingt das Bauprojekt monatlich 20 Millionen Euro. Nach der heutigen Terminfestlegung sollen die Arbeiten immerhin nächste Woche wieder aufgenommen werden, was aber nur ein schwacher Trost sein kann, solange nicht feststeht, ob die Gesellschafter, der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg, am Ende nicht doch eine komplette Bruchlandung hinlegen. Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet.

Wer hat Schuld?

Keine Antwort wird die heutige Aufsichtsratssitzung darauf geben, wie das Projekt jeglicher Kontrolle entgleiten konnte. Nur ein Untersuchungsausschuss wird nach Aufarbeitung aller Pannen die Antwort darauf liefern können. Aber selbst dieses Gremium lässt auf sich warten. Opposition und Koalition sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Auch mit neuen Köpfen kann man heute nicht rechnen. Alle Verantwortlichen, Politiker wie Planer, beweisen ausgesprochen dickes Fell und gutes Sitzfleisch. Kritik perlt schlicht an ihnen ab. Nur ein einziger musste seinen Posten bislang räumen: der alte Technikchef Manfred Körtgen, der durch Horst Amann ersetzt wurde. Angesichts der Pannenserie eine sparsame Personalie.

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Eröffnungstermin 3. Juni 2012 - das war einmal!

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Eigentlich war Flughafenchef Rainer Schwarz als Sündenbock auserkoren. Inzwischen ist aber selbst diese Personalie tabu. Die zweite Devise neben "Gründlichkeit vor Schnelligkeit" lautet: Wechsle keine Pferde während eines Rennens. Schon der Wechsel von Körtgen zu Amann hat kostbare Zeit und damit bares Geld gekostet, wie sich jetzt zeigt. Neue Besen fegen nur gut und schnell, wenn die Angelegenheiten noch einigermaßen geordnet sind. Was hier nicht der Fall ist.

Kritiker schießen sich trotzdem auf die verantwortlichen Politiker ein. Ihre Fähigkeiten, technische wie finanzielle Mammutprojekte zu kontrollieren, werden zunehmend angezweifelt. Auch Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der immerhin nicht weniger als den Aufsichtsratsposten der Flughafengesellschaft inne hat, steht immer mehr im Fadenkreuz. Er habe "wirklich umfangreich bewiesen, dass er das nicht kann", so der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses AntonHofreiter (Grüne). Er forderte Wowereit auf, sein Amt niederzulegen.

Möglichst unauffällig verhalten

Die SPD erinnert umgekehrt an die Mitverantwortung von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), der für den Gesellschafter Bund den Kopf hinhält. Die Sozialdemokraten werfen Ramsauer vor, sich in der Diskussion um den Pannen-Airport wegzuducken und "scheinheilig" zu argumentieren. Er wolle nur alle Probleme auf Wowereit abwälzen, sagte der verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sören Bartol.

Die Politik sieht die Verantwortung bei den Planern, die wiederum kontern, dass sie nicht von Anfang an mit einbezogen worden seien. Der Chef der Bundesarchitektenkammer, Tillman Prinz, weist darauf hin, dass die Politik derartige Projekte immer gerne pusht, Termine und Kosten setzt, ohne die Planer einzubeziehen. Häufig schiebe der öffentliche Auftraggeber den Planern Firmen unter, die nicht so zuverlässig seien wie die Planer sich das wünschten. Die Vorgaben, die außerhalb des Architekturbüros ausgetüftelt würden, mache es den Planern schwer, alles einzuhalten, so Prinz.

Konsequenzen aus dem Terminchaos

Planer auswechseln? Aufsichtsrat auswechseln? Weitere Bauernopfer? Die Pferde wechseln oder doch lieber nicht? Die Geister scheiden sich im Ganzen und im Besonderen. Das Mitleid gilt dem neuen Technikchef Horst Amann, der mit seinem bisher guten Namen für den neuen Termin verantwortlich zeichnet. Floppt der Termin, steht der Buhmann fest. Das nennt man Arbeiten unter erschwerten Bedingungen.

Hilfreich wären geschlossenes Auftreten und die Demonstration eines gemeinsamen Willens, das ganze Desaster aufzuarbeiten. Wie soll man sonst aus diesem Fiasko lernen? Wenn Deutschland Großprojekte dieser Dimensionen nicht zu wuppen vermag, wer dann?

"Jedem Brancheninsider blutet beim Thema BER das Herz", heißt es beim Flughafenverband ADV. "Umso mehr brauchen wir Zuversicht und geschlossene politische Unterstützung - auch auf höchster Ebene", so Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel. Um die Finanzierung durch EU-Gelder zu gewährleisten, gäbe es nach dem Terminchaos keinen Platz für Uneinigkeit. Das Projekt dürfe nicht zerredet werden. Letztlich wird man Politiker und Planer aber nicht an ihren Aussagen, sondern an ihren Taten messen. Dafür muss aber endlich der erste Flieger vom neuen Flughafen Schönefeld starten. Wie geschlossen die Verantwortlichen in dem vermeintlich letzten Akt des Dramas auftreten, wird man heute sehen.

Quelle: n-tv.de

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