Wirtschaft
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Donnerstag, 30. November 2017

Plötzlicher Kursrutsch: Platzt jetzt die Bitcoin-Blase?

Von Jan Gänger

Bitcoin jagt von Rekordhoch zu Rekordhoch und bricht dann plötzlich kräftig ein. Dann geht es wieder aufwärts. Was ist da los?

Das nennt man wohl Achterbahnfahrt: Erst überspringt Bitcoin auf kleineren Plattformen locker die Marke von 11.000 Dollar, nähert sich 11.400 Dollar und bricht dann plötzlich innerhalb weniger Minuten um 15 Prozent ein, nur um sich dann wieder deutlich zu erholen. Rund 10.200 Dollar kostet derzeit ein Bitcoin.

Trotz des Rücksetzers blickt die Kryptowährung auf eine beeindruckende Rallye zurück: Seit Jahresbeginn hat der Kurs um mehr als 1000 Prozent zugelegt. Vor drei Jahren kostete ein Bitcoin 274 Dollar, vor fünf Jahren acht Dollar.

Bitcoin

Im Gegensatz zu den offiziellen Währungen wie Euro und Dollar steht hinter den Bitcoins keine Zentralbank. Vielmehr werden sie an leistungsstarken Rechnern produziert, sie können gestückelt werden. Ihre Menge ist begrenzt, irgendwann soll es höchstens 21 Millionen Bitcoins geben. Im Prinzip sind Bitcoins Goldkörner, die mit einer Seriennummer versehen sind. An bestimmten Börsen können sie in reales Geld getauscht werden

Hinter der digitalen Währung steht die komplexe Blockchain-Technologie. Ihr wird zugetraut, herkömmliche Verfahren zur Absicherung des Zahlungsverkehrs abzulösen. Das heißt: Sie funktioniert wie ein virtuelles Kassenbuch, über das sich Geschäfte direkt zwischen den Parteien durchführen lassen. Einen Abwickler für die Geschäfte - wie etwa eine Börse - braucht es nicht mehr.

Das Prinzip einer Blockchain ist, dass verschlüsselte Daten über alle Transaktionen auf mehreren Rechnern gespeichert werden. Dabei werden neue Informationen wie weitere Blöcke in chronologischer Reihenfolge an die Kette vorheriger Daten angehängt - daher auch der Name (etwa: Blockkette).

Dass der Bitcoin-Kurs stark schwankt, ist nicht ungewöhnlich. Doch angesichts des kräftigen Kursrutsches stellt sich die Frage: Platzt derzeit eine Spekulationsblase oder ist das eine ganz normale Konsolidierung?

"Wie viele erfahrene Händler genau wissen: Alles was hoch steigt, fällt um so schneller wieder runter - wenn die Zeit gekommen ist", sagte James Hughes, Marktanalyst beim Brokerhaus Axitrader. Warnungen über eine aufgeblähte Spekulationsblase blieben bislang ohne Wirkung am Markt. Im Gegenteil: Das in London ansässige Unternehmen Blockchain.info - einer der größten Bitcoin-Anbieter - teilte mit, am Dienstag habe sich eine Rekordzahl neuer Nutzer angemeldet.

"Ich war vor zwei Wochen in London. Die U-Bahn war voller Plakate, die den Kauf von Bitcoin und anderer Kryptowährungen anpriesen", sagte Ökonom Markus Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Gespräch mit n-tv.de. "Wenn sich so etwas an normale Menschen richtet und nicht mehr nur an professionelle Investoren, dann ist das ein Zeichen für eine Blase."

Das sieht Christian Gattiker von der Bank Julius Bär ähnlich. "Das ist etwas für Spieler, für experimentierfreudige Leute oder für chinesische Anleger, die versuchen, aus einem geschlossenen System ihr Geld in Sicherheit zu bringen", sagte er n-tv.

Hinzu kommt: Der kräftig steigende Bitcoin-Kurs weckt Begehrlichkeiten. Immer mehr Menschen wollen auf diese Weise schnell Gewinne erzielen und treiben den Preis in die Höhe. Mit anderen Worten: Der Hype nährt den Hype.

Bundesbank warnt vor Totalverlust

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Dabei ist die Bewertung eines Bitcoin willkürlich. Sie beruht allein auf Erwartungen und Annahmen. "Es ist schwierig zu sagen, was Bitcoin eigentlich ist. Ist es eine Währung oder eine andere Form von Wertgegenstand, den wir noch nicht richtig kennen? Ich denke, es handelt sich eher um letzteres", sagte Demary und ergänzte: "Wir wissen nicht, was ein Bitcoin wert ist."

Bei Aktien können die Anleger beispielsweise die Gewinne des Unternehmens, die Umsatzprognosen oder die Dividenden heranziehen. Bei Anleihen bewerten sie, wie wahrscheinlich es ist, dass der Schuldner das Geld zurückzahlt.

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Nicht nur die Bundesbank warnt derweil vor einem Totalverlust. Jüngst sagten auch der ehemalige Chef-Ökonom des IWF, Kenneth Rogoff, sowie die Nobelpreisträger Robert Shiller und Joesph Siglitz einen Bitcoin-Zusammenbruch voraus.

Das heißt allerdings nicht, dass es dazu in nächster Zeit kommt. "Das kann auch auf 100.000 oder eine Million Dollar hochgehen", sagte Julius-Bär-Stratege Gattiker vor dem jüngsten Kursrutsch.

Für die Anhänger von Bitcoin ist der fulminante Kursanstieg keine Blase, sondern der Ausdruck für den Erfolg der virtuellen Währung. Die Warnungen von Ökonomen und Zentralbankern sehen sie als nachvollziehbare Reaktion des Finanz-Establishments auf eine Technologie, die sich gegen Währungen wie Euro und Dollar durchsetzen wird.

Dabei ist der Sinn einer Währung nicht, ihren Besitzer reich zu machen. Geld soll ermöglichen, dass jederzeit alle Güter gekauft und verkauft werden können. Diese volkswirtschaftliche Funktion ermöglichen der Bitcoin nicht. Denn niemand weiß, ob ein Bitcoin in einer Woche 1000 Dollar, 20.000 Dollar oder gar nichts wert ist. Es ist alles eine Frage des Vertrauens, das ganz schnell wieder verschwinden kann.

"Blockchain wird bleiben"

Und wie wirkt sich ein Crash aus? "Das klassische Platzen ist ja zuerst ein Rumms und dann eine kräftige Gegenbewegung und dann noch ein zweiter Rumms, der dann wirklich in die Breite und Tiefe geht", sagte Gattiker. "Dann ist die Sache in der Regel vorbei."

Ökonom Demary erwartet, dass die Auswirkungen begrenzt sind. "Professionelle Investoren können Verluste sicherlich verkraften. Außerdem ist Bitcoin nicht systemisch relevant. Bei dem Platzen der Immobilienblase war das anders, sie sorgte für eine Bankenkrise". So etwas werde durch Bitcoin nicht passieren. "Beunruhigend ist allerdings, dass nun normale Leute Geld in Bitcoin stecken. Für sie wird es schwieriger sein, wenn dieses Geld plötzlich weg ist."

Selbst wenn sich Bitcoin irgendwann in Luft auflöst, ein Ende der Kryptowährungen wäre das nicht. "Die Blockchain-Technologie wird bleiben", ist sich Gattiker sicher. "Aber sie wird wahrscheinlich in anderer Form in die Finanzmärkte einfließen."

Demary erinnert in diesem Zusammenhang an das Platzen der Dotcom-Blase. "Damals verschwanden viele dieser Unternehmen - aber einige Geschäftsmodelle wie Amazon, Google oder Ebay überlebten und setzten sich durch."

Quelle: n-tv.de