"Rückzug heute fast unmöglich"Deutsche Firmen verdienen immer noch Geld in Russland

Nach dem Überfall auf die Ukraine verlassen einige ausländische Firmen Russland, doch der Großteil bleibt. Warum der Rückzug schon lange gestoppt ist und wer künftig die großen Gewinne macht, erklärt Vasily Astrov im Interview mit ntv.de. Der Ökonom ist Russland-Experte bei der Denkfabrik Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche.
ntv.de: Russlands Vollinvasion in der Ukraine jährt sich bereits zum vierten Mal. Wie viele deutsche Unternehmen sind immer noch in Russland aktiv?
Vasily Astrov: Laut den Recherchen der Kyiv School of Economics haben sich von 460 deutschen Firmen nur 18 Prozent komplett zurückgezogen. Mehr als die Hälfte betreiben ihr Geschäft weiter wie zuvor. Und dann gibt es noch einen großen Zwischenbereich, in dem Unternehmen zum Beispiel keine neuen Investitionen in Russland tätigen oder ihr Portfolio verkleinert haben, aber vor Ort noch aktiv sind.
Welche Firmen haben sich aus dem Aggressorstaat zurückgezogen, welche sind geblieben?
Gegangen sind vor allem die großen, zum Beispiel Bosch, Siemens oder die Autobauer. Deshalb hatte der Rückzug trotz der relativ geringen Zahl von Unternehmen insgesamt großes Gewicht. Die mittelständischen Firmen sind eher geblieben. Ich vermute, weil da der öffentliche Druck, auch seitens der Regierung, nicht so groß war.
Wie stehen deutsche Unternehmen dabei im Vergleich zu anderen Ländern da?
Das variiert stark von Land zu Land, je nachdem, wie kritisch es Russland gegenübersteht. Firmen aus den nordischen Ländern haben sich viel stärker zurückgezogen als deutsche. Die Schlusslichter in Europa bilden Ungarn, Italien oder auch Malta. Aus der Türkei oder China gab es mehr oder weniger überhaupt keine Rückzüge.
Viele westliche Unternehmen sehen sich nach eigenen Angaben zum Bleiben gezwungen. Ist das nur eine Ausrede?
In den ersten beiden Kriegsjahren, vor allem 2022 war ein massiver Rückzug ausländischer Firmen zu beobachten. Seitdem hat sich sehr wenig getan. Anfangs gab es kaum Hürden, später hat Russland die Bedingungen für einen wirtschaftlichen Rückzug massiv verschärft. Inzwischen darf der Verkaufspreis ausländischer Unternehmen höchstens 40 Prozent des unabhängigen Marktwerts betragen, und bei diesem Marktwert gibt es weiteren Spielraum nach unten. Dazu kommen 35 Prozent "Exit-Steuer" auf den Verkaufspreis. Das heißt, ein ausländischer Investor muss praktisch alles abschreiben, wenn er das Land verlässt. Das ist natürlich nicht wirtschaftlich.
Wie groß ist die Gefahr einer Verstaatlichung durch Russland?
Das waren bislang nur Einzelfälle. Ein Verkauf ausländischer Firmen muss aber gebilligt werden, bei einem Wert von mehr als einer halben Milliarde Dollar sogar von Putin persönlich. Die Genehmigung dauert monatelang. Hinzu kommen Hürden von der westlichen Seite, Unternehmen dürfen nicht an sanktionierte russische Firmen verkauft werden. Inzwischen ist ein Verkauf unterm Strich fast unmöglich geworden. Aber es gibt natürlich auch Unternehmen, die auf Zeit spielen, damit sie nach Kriegsende einen Startvorteil haben. Russland ist ein großer Markt.
Gibt es auf der anderen Seite auch leuchtende Beispiele von Unternehmen, die Russland schnell verlassen haben, obwohl der wirtschaftliche Schaden groß ist?
Die größte ausländische Bank zum Beispiel, die Russland innerhalb von Monaten verlassen hat, war die französische Société Générale. Auch die westlichen Autobauer, deren Produktion Russland gezielt angeworben hatte, haben sich praktisch alle zurückgezogen - obwohl der Großteil der Neuwagen nicht sanktioniert wurde. Heute wird mehr als die Hälfte der Fahrzeuge aus China nach Russland importiert. Daneben gibt es heimische Produktion, teils auf Basis chinesischer Komponenten.
Werden da deutsche Autobauer künftig noch Absatzchancen in Russland haben?
Ich denke schon. Die russischen Konsumenten haben zurzeit einfach nicht viel Wahl. Westliche Produkte sind zu teuer, weil sie großteils über Drittländer importiert werden müssen. Wenn europäische Firmen nach Kriegsende nach Russland zurückkehren, haben sie sicherlich gute Verkaufschancen.
Welche Geschäfte sind denn zurzeit trotz der zahlreichen Sanktionen überhaupt noch möglich in Russland?
Bei langlebigen Konsumgütern gibt es Absatzeinbußen, allein schon weil die Konsumkredite sehr teuer sind. Aber die Nachfrage nach Basisgütern wie etwa Lebensmitteln ist relativ stabil. Manche Bereiche profitieren sogar, weil durch die Sanktionen neue Nischen entstanden sind. Die österreichische Raiffeisenbank zum Beispiel machte enorme Profite, weil westliche Banken im Gegensatz zu vielen russischen nicht vom Swift-Zahlungsverkehr abgeschnitten wurden. Die Bank profitierte deshalb stark beim grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr.
Firmen aus dem Medizinbereich begründen ihr Bleiben etwa damit, die medizinische Versorgung nicht unterbrechen zu wollen. Ließen sich deren Produkte nicht von anderen Herstellern ersetzen, ist das nur vorgeschoben?
Der Medizin- und der Pharmabereich sind aus humanitären Gründen von den Sanktionen ausgenommen. Trotzdem verzeichnet Russland Einbußen bei westlichen Medizingütern. Bei den großteils importierten Stents für Herzoperationen zum Beispiel gab es einen Mangel. Westliche Firmen wollten wohl vor allem aus Imagegründen weniger exportieren.
Wie groß ist denn der Imageschaden von Firmen, die bleiben? Wurden Unternehmen wegen ihres Engagements in Russland ernsthaft boykottiert?
Vor allem in der Ukraine. In Österreich zum Beispiel ist das kein großes Thema. Das hängt stark von der jeweiligen öffentlichen Wahrnehmung Russlands ab. In Finnland, Schweden, den baltischen Staaten und Polen ist das natürlich schon ein Thema.
Kommen ausländische Firmen in Russland überhaupt noch an ihr Geld?
Die Profite und Dividenden werden auf speziellen Konten gesammelt, auf die die westlichen Firmen derzeit keinen Zugriff haben. Und dieses Geld würde Russland als erstes verstaatlichen, falls zum Beispiel die EU doch noch auf die eingefrorenen russischen Milliarden zugreift. Wer in Russland geblieben ist, geht also auch ein finanzielles Risiko ein.
Zurzeit laufen Verhandlungen über ein mögliches Kriegsende. Rechnen Sie bei einem Friedensschluss mit einer großen Rückkehr westlicher Firmen?
Wenn sie zurückkehren dürfen, werden sie es auch tun. Die USA und Russland reden bereits viel über Kooperationsmöglichkeiten, etwa Investitionen in die Ölförderung. Russland fehlt zum Beispiel Technologie für die Produktion von Schieferöl und -gas. Und das Land muss zunehmend in die Öl- und Gas-Produktion in der Arktis investieren, wofür ebenfalls westliche Technologien nötig sind.
Werden nach Kriegsende also vor allem US-Firmen in Russland Gewinne machen?
Auch europäische Firmen, etwa im Energiebereich und in der Luftfahrt. Die russische Luftfahrtbranche steckt in großen Schwierigkeiten, weil der Schmuggel in dem Bereich schwierig ist. Die Boeing- und Airbus-Maschinen müssen gewartet und repariert werden. Und ohne Sanktionen wird Airbus auch wieder Flugzeuge nach Russland verkaufen.
Mit Vasily Astrov sprach Christina Lohner