Wirtschaft

Anleger verlieren Vertrauen Rupie stürzt in die Tiefe

Hübsch gefaltet als Mitgift - doch der Wert der Rupie sinkt weiter.

Hübsch gefaltet als Mitgift - doch der Wert der Rupie sinkt weiter.

(Foto: REUTERS)

Die indische Währung kennt derzeit nur den Weg nach unten. Auch mehrere Versuche der Regierung, Investoren zu besänftigen, schlagen fehl. Die Aussicht auf steigende Zinsen trübt die Stimmung zudem noch weiter. Die Kapitalflucht erreicht weitere Schwellenländer und schürt auch dort Krisenängste.

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Die Indische Rupie und der Aktienmarkt des Landes sind am Montag abermals unter Druck geraten. Die Rupie fiel dabei zum US-Dollar auf den tiefsten Stand aller Zeiten, obwohl sich die indische Regierung am Wochenende nach Kräften bemüht hatte, die Anleger zu beruhigen. Weltbank-Chefvolkswirt Kaushik Basu warnte vor Überreaktionen.

Unter Investoren wächst die Besorgnis, dass Indien aus den weltweit wieder anziehenden Zinsen Probleme erwachsen könnten. Die Anleger bezweifeln, dass die Regierung die wirtschaftlichen Probleme Indiens in den Griff bekommt und angesichts des Verfalls der Rupie und der schwächelnden Wirtschaft das Vertrauen der Investoren gewinnen kann. Der Markt sei im "Panik-Modus", sagt Pramit Brahmbhatt, Chef des in Mumbai ansässigen Devisenhändlers Alpari Forex (India) Pvt.

Zwölf Prozent Abwertung seit Jahresbeginn

Am Montagmorgen mussten für einen US-Dollar 62,44 Rupien gezahlt werden. Damit hat die indische Währung seit dem späten asiatischen Handel am Freitag um 1,3 Prozent nachgegeben. Seit Jahresbeginn steht eine Abwertung um zwölf Prozent zu Buche.

Am Aktienmarkt ist der Leitindex S&P BSE Sensex am Montag um zwei Prozent gefallen. Am Freitag büßte der Index fast vier Prozent ein. Es handelte sich um den größten prozentualen Verlust seit fast zwei Jahren. Seit Anfang des Jahres ist ein Minus von 5,3 Prozent aufgelaufen. Gleichzeitig stieg die Rendite zehnjähriger indischer Staatsanleihen am Montag auf 8,99 Prozent.

Bei Analysten überwiegt Skepsis

Ministerpräsident Manmohan Singh versuchte die Anleger am Wochenende zu beruhigen. Die aktuelle Situation lasse sich nicht mit der 1991 vergleichen, sagte er. Damals hatte Indien seine Devisenreserven nahezu erschöpft und lief Gefahr, seine internationalen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr leisten zu können. Das Land war gezwungen, seine Goldbestände zu verpfänden, um Importe finanzieren zu können. Nun verfüge Indien über ausreichende Reserven, um seine Einfuhren bis zu sieben Monate lang bezahlen zu können, sagte der Regierungschef. Die Krise Anfang der 90er Jahre war Anstoß für eine Reihe von Reformen, mit denen die Öffnung der indischen Wirtschaft begann. Als deren Retter wurde Singh gefeiert, der damals Finanzminister war.

Weltbank-Chefvolkswirt Basu, der früher Chefberater des indischen Finanzministeriums war, sagte, das Land solle die Rupie mit Hilfe ausländischer Devisenreserven stabilisieren. Diese seien ausreichend vorhanden. Einen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) benötige es nicht.

Analysten bleiben gleichwohl skeptisch. Mit jedem neuen Versuch, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen, würden die Bemühungen weniger erfolgreich, sagt Nicholas Spiro, geschäftsführender Direktor des Beratungsunternehmens Spiro Sovereign Strategy Ltd. in London. Die Stimmung mit Blick auf Indien verschlechtere sich, wofür aber weniger die fundamentale Schwäche des Landes verantwortlich sei, sondern vielmehr das Fehlen glaubwürdiger politischer Maßnahmen, mit denen diese Schwäche überwunden werden könnte.

Indien auf ausländisches Kapital angewiesen

Indien hat in den vergangenen Monaten unter dem Ausverkauf sogenannter Schwellenländer-Anlagen gelitten, die wiederum von der Erwartung befeuert worden waren, dass die US-Notenbank ihre massiven geldpolitischen Stimuli bald zurückfahren wird. Gleichzeitig hat sich das Wachstum der indischen Wirtschaft stark verlangsamt. Im Ende März ausgelaufenen Fiskaljahr erreichte das Wachstum den niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Volkswirte haben kürzlich ihre Schätzungen für das laufende Jahr zurückgenommen und erwarten im Konsens nun nur noch ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent. Zu Jahresbeginn hatten sie noch mit einem Plus von 6,5 Prozent gerechnet.

Die Indische Rupie neigt auch deshalb zur Schwäche, weil Indien sehr viel ausländisches Kapital benötigt, um das große Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren. Das Land importiert erheblich mehr als es exportiert.

Die Citigroup glaubt, dass die indische Währung weiter schwächeln wird, weil die indische Zentralbank zögert, Devisenreserven zur Stützung der Währung einzusetzen. Im Zuge steigender Realzinsen in den USA dürften Volkswirtschaften wie Indien, die viel Portfoliokapital importierten, unter Druck bleiben, sagte Analyst Siddharth Mathur. Das werde auch dann so bleiben, wenn sich das Handelsbilanzdefizit aufgrund von Regierungsmaßnahmen verringere. Das Anlegervertrauen habe Schaden genommen. Deshalb seien potenzielle Nettozuflüsse beschränkt.

Indonesien leidet ebenfalls unter Kapitalflucht

Ähnliche Probleme zeigen sich derzeit in Indonesien. Dort fiel die Währung Rupiah auf ein Vierjahres-Tief zum Dollar, und die Börse brach um mehr als fünf Prozent ein. Die Marktteilnehmer treibt die Angst um, dass das zunehmende Leistungsbilanzdefizit, die anziehende Inflation sowie die Konjunkturabkühlung in eine Krise umschlagen könnten.

Indien und Indonesien gehören zu den Hauptleidtragenden der aktuellen Kapitalflucht aus Schwellenländern. Diese ist insbesondere Folge der Erwartung an den Finanzmärkten, dass die ultralockere Geldpolitik der US-Notenbank sich dem Ende zuneigt. Mit ihrem Kurs zur Stützung der US-Konjunktur hat die Federal Reserve in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass Massen billigen Geldes in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas angelegt wurden, wo hohe Renditen winkten. Auch in Brasilien war der Real zuletzt trotz Interventionen der Zentralbank auf den tiefsten Stand seit 2009 gesunken.

Quelle: ntv.de, jwu/DJ/rts