Wirtschaft

Treueschwüre und bizarre Partys So funktionierte das System Wirecard

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Drei Ex-Manager von Wirecard sind in Untersuchungshaft, einer ist auf der Flucht.

(Foto: REUTERS)

Jahrelang wurden bei Wirecard Bilanzen frisiert. Die Staatsanwaltschaft spricht von "gewerbsmäßigem Bandenbetrug" und fragt sich, wie es zu den umfangreichen Manipulationen kommen konnte. Eine entscheidende Rolle spielt der frühere Vorstand Jan Marsalek, der untergetaucht ist.

Die Affäre Wirecard entwickelt sich zum größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Staatsanwälte gehen von jahrelangem und "gewerbsmäßigem Bandenbetrug" aus und rätseln, wie das Frisieren der Bilanzen so lange unentdeckt blieb, obwohl die "Financial Times" und andere seit Jahren über Unregelmäßigkeiten berichtet hatten.

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Nach Zeugenaussagen war womöglich Ex-Chef Markus Braun der Kopf: In Vernehmungen sei von "Korpsgeist" und einem "streng hierarchischen System" unter dem Vorstandsvorsitzenden die Rede, sagt die leitende Staatsanwältin. Doch ohne eine Schlüsselfigur hätte das System nicht funktioniert: Jan Marsalek.

Der 40-Jährige war bei Wirecard für das Tagesgeschäft zuständig. Bekannte beschreiben ihn als "abgezockt", "unnahbar" und "abgebrüht". Das scheint durchaus zuzutreffen. Es deutet einiges darauf hin, dass sich der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Österreicher nach Russland abgesetzt und dort unter Aufsicht des Militärgeheimdienstes GRU Unterschlupf gefunden hat.

Vieles aus Marsaleks Privatleben und seinen geschäftlichen Projekten ist nur aufgrund von Medienrecherchen bekannt oder bleibt Spekulation - das dürfte Marsalek gefallen. Aus der Öffentlichkeit hielt er sich weitgehend heraus und umgab sich mit der Aura des Geheimnisvollen. "Er war der Typ, der immer sein Notebook zugeklappt hat, wenn man ihm zu nahe kam", sagte ein Manager der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Halb Wirecard habe Angst vor ihm gehabt, zitiert das "Handelsblatt" einen langjähriger Mitarbeiter in der Zentrale in Aschheim. Ein anderer Manager beschreibt Marsalek dort als "Phantom", das er fast nie gesehen habe.

"Einer muss Schuld haben"

Marsalek hat sein halbes Leben bei Wirecard verbracht, mit 20 Jahren fand er einen Job bei dem Vorgänger-Unternehmen des Zahlungsabwicklers. Zuletzt steuerte er als Vorstand das Asiengeschäft und stellte damit sicher, dass die Wünsche Brauns Realität wurden - zumindest in den Bilanzen. Wirecard weist über Jahre hinweg ein rasantes Wachstum aus. Dafür sorgt stetig das angeblich außerordentlich wachstumsstarke und margenträchtige Asiengeschäft.

Wirecard sollte durch die erfundenen Geschäfte wertvoller und finanzkräftiger erscheinen, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Auf dieser Basis hätten Banken und andere Investoren insgesamt 3,2 Milliarden Euro bereitgestellt. Das Geld sei voraussichtlich verloren. Erst eine Sonderprüfung von KPMG im Frühjahr weckte Zweifel an den Zahlen. Der Bilanzprüfer EY stellte dann Mitte Juni fest, dass rund 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf Treuhandkonten bei philippinischen Banken lagen, nicht existierten - ebenso wie große Teile des Asiengeschäfts. Auch für weitere, seit Langem kursierende Vorwürfe sehen die Ermittler nun konkrete Anhaltspunkte. Braun und seine Manager hätten überhöhte Preise für Unternehmen gezahlt und Wirecard damit ebenfalls geschädigt.

Marsalek verhält sich zu seinem Ex-Chef Braun auch derzeit loyal - das geht zumindest aus Chatprotokollen hervor, die dem "Handelsblatt" vorliegen. Er schrieb demnach einem Vertrauten über den Messengerdienst Telegram am 21. Juni: "Einer muss Schuld haben, und ich bin die naheliegende Wahl."

Auf die Frage, ob Ex-Vorstandschef Braun vom Absturz Wirecards überrascht gewesen sei, textet Marsalek: "Es wäre schlimm, wenn er das nicht gewesen wäre." Und weiter: "Es geht zunächst mal darum, die Firma, Mitarbeiter und Kunden zu schützen. Ein vereinfachter Narrativ hilft da." Außerdem schrieb er: "Ich dementiere die Vorwürfe auch nicht."

Ausschweifende Partys

Marsalek soll weder studiert noch Abitur haben. Dennoch kam er im Jahr 2000 als Projektmanager für Zahlungssysteme zu Wirecard. Später arbeitete er in der IT und der Produktentwicklung und leitete nach Angaben von Wirecard nicht näher genannte "Tochterunternehmen im Konzern". 2009 übernahm Marsalek demnach "Leitungsfunktionen im Vertrieb". Im Februar 2010 stieg er schließlich in den Konzernvorstand auf.

Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" verbirgt sich hinter der Heimlichtuerei Marsaleks ein bizarres Privatleben. Er habe angeblich "Feind"-Diagramme verteilt und extravagante Partys gefeiert, heißt es. Von Sushi, serviert auf dem nackten Körper einer Frau, ist die Rede. Marsalek soll Champagner-Rechnungen über Hunderte Euro in bar bezahlt haben.

Marsalek wird nachgesagt, er sei fasziniert von Geheimdiensten. Angeblich hat er sogar tatsächlich Kontakte geknüpft. Im Telegram-Chat gibt er mit Beziehungen zum Mossad, zur CIA und zu anderen Geheimdiensten an und prahlt mit einem Vermögen in Millionenhöhe. Er habe "mehrere Pässe, wie jeder gute Geheimagent", schreibt er.

Die "New York Times" berichtete von einem Doppelleben und "unüblichen" persönlichen Investitionen abseits der europäischen Finanzbranche. Bei Recherchen und Gesprächen mit Geschäftspartnern stieß die Zeitung unter anderem auf Verbindungen nach Libyen: Neben wirtschaftlichen Beteiligungen in dem Bürgerkriegsland soll sich Marsalek besonders für den Aufbau einer 15.000 Mann starken Grenzmiliz interessiert haben.

Dem "Spiegel" zufolge hat sich Marsalek in Mailand offenbar mit Vertretern einer Firma getroffen, die für ihre Spähprogramme berüchtigt ist, mit denen auch Dissidenten ausspioniert werden. Allerdings soll der Österreicher nicht als Wirecard-Vorstand in Italien gewesen sein, sondern als "Repräsentant" des Karibikstaates Grenada.

Braun hinter Gittern

Auch Verbindungen zu mehreren Geheimdiensten, allen voran dem russischen GRU, werden Marsalek von einigen Medien nachgesagt. Dabei ist sogar von einer Reise nach Syrien und Insiderwissen über den Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien die Rede.

Derweil ist der Aufenthaltsort des ehemaligen Wirecard-Vorstands weiter unbekannt. Er hatte über seinen Anwalt erklären lassen, sich nicht der Justiz stellen zu wollen. Medienberichten zufolge befindet sich Marsalek unter GRU-Aufsicht auf einem Anwesen westlich von Moskau. Zuvor habe er erhebliche Summen in Form von Bitcoins aus Dubai nach Russland geschafft, so das "Handelsblatt". Die Erkenntnisse nähren laut "Spiegel" die These, Marsalek habe mit russischen Geheimdiensten kooperiert oder für sie gearbeitet.

Im Chat macht sich Marsalek über die Pressegerüchte lustig. "Scheinbar habe ich eine philippinische Ehefrau. (Lach-Smiley) Ich dachte, ich bin in China? Oder bin ich von dort nach Russland? (Lach-Smiley)" Doch auf die Frage, ob das politische Systeme denn stabil genug sei, in dem er jetzt befindet, antwortet Marsalek: "Ja, sind immer noch dieselben Leute am Ruder wie vor 25 Jahren."

Das trifft im Grunde auf Russland zu, wo seit der Präsidentschaft Boris Jelzins die "Silowiki" Politik und Wirtschaft prägen - also einflussreiche Angehörige der Geheimdienste und des Militärs. Konkreter wird Marsalek in Sachen Aufenthaltsort nicht. Doch er witzelt über ein Wiedersehen mit seinem Chatpartner: "Müssen wir aber eventuell entweder im Gefängnishof machen, oder falls ich die 1,9 Milliarden finde, auf (m)einer Karibikinsel. (Zwinker-Smiley)"

Derweil befinden sich drei ehemalige hochrangige Wirecard-Manager in Untersuchungshaft: Braun, der frühere Finanzvorstand Burkhard Ley und der ehemalige Chef der Buchhaltung.

Quelle: ntv.de, mit dpa/AFP