Ökonomen rechnen vorSo stark trifft der Ölpreisschock die deutsche Wirtschaft
Von Christina Lohner
Die Inflationsrate dürfte infolge des Iran-Kriegs wieder deutlich steigen - ein neues Risiko für die seit Jahren schwächelnde Konjunktur. Selbst wenn sich die Energiepreise bald wieder erholen, ist den deutschen Unternehmen zusätzlicher Gegenwind garantiert.
Der Ölpreisschock wird die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung von Ökonomen wertvolles Wachstum kosten. Mindestens 0,2 und bei anhaltend hohen Energiepreisen 0,4 Prozentpunkte, wie Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser ntv.de vorrechnet. Vor allem die Industrie dürfte einen weiteren Rückschlag erleiden. Auf die Verbraucher könnten wieder deutliche Preiserhöhungen zukommen.
Der Preis für ein Barrel Rohöl der Nordsee-Sorte Brent war zeitweise um bis zu 29 Prozent auf fast 120 Dollar gestiegen. Die US-Sorte WTI verteuerte sich um bis zu 21 Prozent auf ebenfalls knapp 120 Dollar. Die Teuerung seit Beginn des Iran-Kriegs vor gut einer Woche belief sich damit vorübergehend auf fast 60, bei WTI-Öl sogar knapp 70 Prozent. Denn die Schifffahrtsroute durch die Straße von Hormus bleibt praktisch geschlossen, einige große Ölproduzenten am Golf haben begonnen, ihre Förderung zu drosseln.
Die akute Panik an den Finanzmärkten zu Handelsbeginn am Morgen hat sich zwar inzwischen etwas gelegt. Konjunkturexperten gehen zudem davon aus, dass die Preise für Öl und Gas innerhalb der nächsten Wochen weiter zurückgehen, wie sie ntv.de mitteilten. Doch auch ein solch kurzfristiger Energiepreisanstieg würde das hiesige Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um 0,2 Prozentpunkte schmälern, wie Ifo-Konjunkturchef Wollmershäuser und RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt vorrechnen. Das Ifo erwartet daher nur noch 0,8 Prozent Wachstum in diesem und 1,2 Prozent im nächsten Jahr.
"Inflationsrate wird deutlich steigen"
"Die direktesten Folgen spüren die Verbraucher bereits an den Tankstellen", sagt Schmidt. "Aber auch die Industrie wird die Verteuerung von Öl und Gas schnell spüren. Dabei trifft es erneut die energieintensive Industrie, die bereits unter dem Gaspreisanstieg des Jahres 2022 massiv gelitten hatte." Von dem damaligen Kostenschock infolge von Russlands Angriff auf die Ukraine hätten sich viele Unternehmen noch nicht erholt.
Auch das Bundeswirtschaftsministerium sieht angesichts der gestiegenen Energiepreise ein deutlich höheres Risiko, dass die erwartete Erholung der Industriekonjunktur einen Rückschlag erleide. Hinzu kommt, dass der Industrie auch Lieferkettenprobleme drohen. Denn über die Straße von Hormus werden nicht nur Öl und Flüssiggas transportiert, sondern auch andere Güter.
Sollten die Energiepreise nicht nur Wochen, sondern für einen längeren Zeitraum so hoch bleiben, sieht Ifo-Konjunkturchef Wollmershäuser das Wirtschaftswachstum um weitere 0,2 Punkte niedriger bei dann nur noch 0,6 Prozent in diesem Jahr. Im kommenden Jahr stünde demnach ein Minus von 0,4 Punkten auf 0,8 Prozent. Denn die Inflation könnte in diesem Fall auf bis zu 3 Prozent steigen.
Falls sich die Öl- und Gaspreise innerhalb der nächsten Wochen beruhigen, wird die Inflationsrate laut Ifo auf 2,5 Prozent steigen. Das RWI erwartet einen ebenso klaren Anstieg: "Wir gehen davon aus, dass die Inflationsrate in den kommenden Monaten deutlich steigen wird", sagt Konjunkturchef Schmidt. "Im Sommer dürfte die Rate gegen 3 Prozent gehen. Für den Jahresdurchschnitt 2026 erwarten wir eine um 0,5 Prozentpunkte höhere Inflationsrate." Vor Beginn des Iran-Kriegs waren Ökonomen fürs Gesamtjahr von knapp über 2 Prozent ausgegangen.
Wie reagieren EZB und Bundesregierung?
Carsten Brzeski, ING-Chefökonom für Deutschland, warnte bereits vor einer Woche sogar vor Inflationsraten von fünf Prozent, falls der Ölpreis einige Monate über 100 Dollar pro Barrel bleibt. Der daraus folgende Kaufkraftverlust wäre "Gift für die Konjunktur", sagte er im Interview mit ntv.de. Da ein Ölpreisschock die Inflation treibe und das Wachstum dämpfe, stehe die Europäische Zentralbank (EZB) vor einer schweren Entscheidung: "Erhöhe ich die Zinsen und bremse damit das Wachstum weiter?"
RWI-Konjunkturchef Schmidt meint in Erwartung bald wieder sinkender Energiepreise: "Auf diesen temporären Anstieg der Verbraucherpreise sollte die Geldpolitik nicht reagieren." Auch für ein kurzfristiges Gegensteuern der Wirtschaftspolitik durch einen Tankrabatt oder ähnliche Maßnahmen sieht er derzeit keinen Anlass. Stattdessen sollte die deutsche Wirtschaft ihre Abhängigkeit von Öl und Gas aus klima- und geopolitischen Zielen weiter reduzieren. "Dazu sollte die Wirtschaftspolitik die aktuellen Preissignale wirken lassen."