Verivox-Chef im Interview"Strom ist mitnichten umsonst, wenn der Börsenstrompreis negativ ist"

Seit Beginn des Iran-Kriegs stehen vor allem die steigenden Spritpreise im Zentrum der Aufmerksamkeit. Bei den Heizkosten zeige sich inzwischen eine vergleichbare Entwicklung, sagt der Chef des Vergleichsportals Verivox, Daniel Puschmann. Allerdings funktioniere - anders als auf dem Höhepunkt der letzten Energiekrise 2022 - der Markt. Ein Eingreifen der Politik etwa mit Preisbremsen sei diesmal nicht nötig.
ntv.de: Wie wirkt sich der Iran-Krieg bislang auf Gas- und Strompreise aus?
Daniel Puschmann: Zunächst sehen wir vor allem im Großhandel, besonders beim Erdgas, eine deutliche Steigerung. Dazu kommt eine hohe Volatilität, die den gesamten Konflikt um die Straße von Hormus bisher begleitet. In der Spitze lagen die Großhandelspreise für Gas zeitweise bis zu 80 Prozent höher. Aktuell liegen sie rund 30 Prozent über dem Vorkrisenniveau.
Wie macht sich das für die Verbraucher bemerkbar?
Bei den Gas-Verbraucherpreisen schlägt das nicht sofort durch. Viele Haushalte haben Zwölf- oder 24-Monatsverträge; Preiserhöhungen kommen daher zeitverzögert an. Bei Neukundentarifen sehen wir die Effekte schon: Aktuell liegt der bundesweite Durchschnitt für Neukunden bei etwa 10 Cent pro Kilowattstunde – rund zwei Cent beziehungsweise etwa 25 Prozent mehr als vor Kriegsbeginn.
Der Iran-Krieg und die Schließung der Straße von Hormus betreffen vor allem den Öl- und Gasmarkt. Schlägt das auch auf den Strompreis durch?
Ja. Auf dem Strommarkt gilt die sogenannte Merit-Order. Das heißt, dass das teuerste Kraftwerk den Preis bestimmt. Wenn Gaskraftwerke gebraucht werden und Gas teurer wird, zieht das den Strompreis mit nach oben. Seit Kriegsbeginn schwankt der Börsenstrompreis etwas stärker. Auch bei den Verbraucherpreisen sehen wir ein Auf und Ab. Bei Neukundentarifen lag der Strompreis vor wenigen Tagen fast bei 28 Cent pro Kilowattstunde, aktuell bei rund 25 Cent. Das ist etwa ein Cent mehr als vor dem Krieg. Anders als beim Gas wirken hier gesunkene Netzentgelte etwas preisdämpfend. Bleiben die Gaspreise länger hoch oder spitzt sich die Lage zu, dürften auch die Strompreise an der Börse weiter steigen – und mit Verzögerung die Endkundenpreise.
Diesen starken Zusammenhang zwischen Gas- und Strompreis kennen wir aus der Energiekrise 2022/23. Hat sich seitdem nichts geändert?
Im Kern nein. Die Mechanik ist unverändert. Was anders ist: 2022 gab es einen externen Schock ganz anderer Größenordnung. Wir haben Preissteigerungen beim Gas von bis zu 300 Prozent gesehen, mit massiven Folgen für die Anbieter. Jetzt ist der Effekt auf den Gasmarkt indirekter: Deutschland bezieht sein Gas überwiegend aus Norwegen, den Niederlanden dazu Belgien sowie zu einem kleineren Teil durch direkte LNG-Lieferungen aus den USA. Den Iran-Krieg spüren wir hier indirekt über steigende Weltmarktpreise. Außerdem gehen wir auf den Sommer zu, also in eine Phase geringerer Nachfrage, in der wir die Speicher normalerweise günstiger füllen. Steigt der Gaspreis in dieser Zeit, verteuert das die Befüllung – und diese höheren Kosten schlagen sich mit Verzögerung in den Preisen nieder, beim Gas und, über die Verstromung, auch beim Strom.
Mildert der gestiegene Anteil erneuerbarer Energien das Risiko beim Strompreis?
Ja, etwas. Der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion ist seit 2022 um rund zehn Prozentpunkte gestiegen - von etwa 46 auf etwa 56 Prozent im Jahr 2025. Die Grundmechanik bleibt aufgrund der Merit-Order gleich. Mehr Erneuerbare helfen, weil sie dafür sorgen, dass seltener Gaskraftwerke zugeschaltet werden müssen. Je weniger Gas im System gebraucht wird, desto schwächer schlägt ein höherer Gaspreis auf den Strompreis durch.
Die öffentliche Diskussion dreht sich seit Kriegsbeginn vor allem um die Spritpreise. Werden die Belastungen durch steigende Strom- und Gaspreise unterschätzt?
Im Moment richtet sich der Blick vor allem auf die Spritpreise. Das liegt wohl daran, dass man die Zahlen an der Zapfsäule ständig vor Augen hat – und Tanken macht man regelmäßig. Da ärgert man sich jedes Mal. Schaut man auf die Steigerungen - Super E10 ist von Februar bis April um rund 20 Prozent teurer geworden, Diesel um etwa 30 Prozent - sehen wir beim Gas die gleiche Größenordnung. Viele nehmen das nur noch nicht wahr, weil es für Strom und Gas kein täglich sichtbares Preisschild gibt und viele noch in Laufzeittarifen stecken. Aber diese Anstiege werden sich in höheren Kosten niederschlagen, mit einer ähnlichen Belastung für die Haushalte wie die Spritpreise.
Was folgt daraus?
Es ist sinnvoll, sich jetzt die Preise anzuschauen: Was zahle ich aktuell? Wie entwickeln sich die Tarife? Und welche günstigen Alternativen gibt es? Dann eine Haltung bilden, ob man jetzt einen neuen Vertrag abschließt – das geht ja oft auch, wenn der aktuelle noch drei bis sechs Monate läuft, oder ob man wartet. Wer erwartet, dass sich die Lage beruhigt und die Preise wieder fallen, kann abwarten. Wer das Risiko anders einschätzt, sollte einen Wechsel jetzt prüfen. Nur weil Strom- und Gaspreise weniger sichtbar sind als der Preis an der Zapfsäule, sollte man sie nicht aus dem Blick verlieren.
Sie sehen keinen Grund, nach der Politik zu rufen, damit sie eingreift?
Manche Verbraucherschützer fordern mehr Regulierung . Ich sage: Die Menschen treffen täglich wichtige Entscheidungen – Job, Partnerschaft, Kinder, Auto, Haus. Ein Stromvertragswechsel ist da machbar, ohne dass wir ihnen alles abnehmen. Solange der Markt funktioniert – viele Anbieter, fairer Wettbewerb – sollten Verbraucher sich informieren, eine Meinung bilden und entscheiden.
Der Gaspreis lag zwischenzeitlich bei 11 Cent. Das ist nah an dem Niveau, bei dem die Regierung in der letzten großen Krise mit Gas- und Strompreisbremse eingegriffen hat. Sollten wir schon darüber nachdenken und uns vorbereiten, falls die Preise wieder dorthin gehen?
Aus unserer Sicht haben Gas- und Strompreisbremse 2022 in einer Ausnahmesituation gut funktioniert. Wir hatten einen maximalen, externen Schock und enorme Unsicherheit, wohin die Preise noch steigen. Heute ist die Lage anders. Ja, es gibt ein höheres Preisniveau, aber auch Phasen mit sinkenden Preisen. Deutschland ist besser aufgestellt, die Gasquellen sind diversifizierter.
Die Politik sollte nicht eingreifen?
Ich sehe aktuell keine Notwendigkeit für einen Eingriff. Der Markt funktioniert. Wir haben intensiven Wettbewerb mit echten Einsparpotenzialen für Verbraucher. Ich habe selbst Ende letzter Woche meinen Stromtarif gewechselt, weil ein Anbieter einen attraktiven Neukundentarif hatte – 2022 gab es so etwas kaum. Damals wurden die Anbieter von der Situation komplett überrollt, legten keine Neukundentarife mehr auf und konnten teils Bestandskunden nicht zu geplanten Preisen versorgen, weil Beschaffung kaum möglich war. Diese Situation haben wir heute nicht. Bei aller Volatilität gilt: Wer sich informiert und vergleicht, kann attraktive Tarife finden.
Haben Sie einen Tipp für unsere Leserinnen und Leser? Wir haben zuletzt einen leichten Rückgang bei den Neukundentarifen gesehen. Sollte man warten, bis sich die Lage weiter normalisiert, oder raten Sie eher, sich jetzt mit möglichst langfristigen Tarifen gegen neue Preisanstiege abzusichern?
Am Ende ist das eine individuelle Entscheidung. Ich kann aber sagen, was ich gemacht habe: Ich habe letzte Woche den Stromtarif gewechselt und mich privat für zwölf Monate festgelegt. Implizit gehe ich also davon aus, dass die Krise länger dauert und die Preise mittelfristig eher steigen. Eine Marktprognose möchte ich aber nicht abgeben.
Wir haben über die hohe Volatilität, die Schwankungen beim Strompreis gesprochen. Mit dynamischen Tarifen, die nicht zu einem variablen Preis orientiert an der Strombörse abrechnen, können Verbraucher das für sich nutzen. Sehen Sie da mehr Interesse oder bleibt das ein Nischenprodukt?
Zunächst denken bei dynamischen Tarifen viele an negative Strompreise – also Strom nutzen, wenn er besonders günstig ist. Viele Verbräuche lassen sich im Alltag aber nicht beliebig verschieben. Ich will morgens nicht kochen und nachts nicht unbedingt waschen. Unsere Berechnungen zeigen zudem: Für einen durchschnittlichen Haushalt war es in den letzten fünf Jahren meist günstiger, regelmäßig in preiswerte klassische Laufzeittarife zu wechseln, statt dauerhaft einen dynamischen Tarif zu nutzen.
Sie raten von flexiblen Tarifen ab?
Nicht generell. Interessant wird es für Haushalte mit E-Auto, Wärmepumpe, Batteriespeicher und einem Energiemanagementsystem. Eine Wärmepumpe hat Trägheit: In teuren Zeiten kann ich sie drosseln, das Haus wird nicht sofort kalt; in günstigen Zeiten läuft sie stärker. Einen Batteriespeicher kann ich füllen. Beim Auto lassen sich Ladezeiten begrenzt steuern. Mit intelligenten Systemen klappt das gut. Man braucht dafür aber diese Großverbraucher und man akzeptiert mehr Komplexität. Aber bei allem darf man nicht vergessen, dass es auch starke Preissprünge nach oben gibt. Deshalb ist ein dynamischer Tarif für den Durchschnittshaushalt bisher eher nicht zu empfehlen.
An der Strombörse gab es zuletzt einen neuen Negativ-Preisrekord. Mit zunehmendem Ausbau vor allem der Solarenergie dürfte dieses Phänomen häufiger werden. Werden flexible Stromtarife damit perspektivisch attraktiver?
Man sieht in der Tat negative Strompreise, stundenweise bis zu minus 50 Cent pro Kilowattstunde. Das heißt, man kann für den Verbrauch von Strom sogar Geld bekommen. In der Diskussion wird aber oft übersehen, dass Netzentgelte, Steuern, Umlagen und Gebühren weiterhin anfallen. Und diese Preisbestandteile machen unabhängig vom reinen Strompreis einen erheblichen Teil der Kosten aus. Strom ist also mitnichten umsonst, nur weil der Börsenstrompreis negativ ist.
Dynamische Tarife bleiben also etwas für Spezialisten?
Mein – nicht repräsentativer – Eindruck aus Gesprächen ist: Schon die Beschäftigung mit dem Thema Stromtarife schreckt viele ab. Obwohl ein Wechsel in drei Minuten geht, ist die Verunsicherung oft noch groß. Deshalb sind variable Tarife aus meiner Sicht aktuell nur für Menschen, die sich wirklich damit beschäftigen und Freude daran haben, eine ernsthafte Option.
Mit Daniel Puschmann sprach Max Borowski.