Wirtschaft

"Wir können helfen" Tech-Szene kämpft gegen das Virus

Auf dem Bildschirm eines Laptops ist der Binärcode zu sehen. Foto: Oliver Berg/dpa/Archiv

Auf dem Bildschirm eines Laptops ist der Binärcode zu sehen. Foto: Oliver Berg/dpa/Archiv

(Foto: Oliver Berg/dpa/Archiv)

Die deutsche Tech-Szene hat eine schlaflose Nacht und einen langen Tag vor sich. Bis 24.00 Uhr am Sonntagabend wollen Programmierer aus allen Teilen des Landes Prototypen von Software entwickeln, die der Ausbreitung des Coronavirus entgegenwirkt. 43.000 Teilnehmer haben sich angemeldet.

Freitagabend, 22.45 Uhr, Online-Videokonferenz: André, einer der Teilnehmer, hat gerade mit einem Kollegen außerhalb der Gruppe gesprochen, der sich in einem Krankenhaus um die IT kümmert. "Der sagt, dass die wirklich noch per Email und Telefon mit anderen Krankenhäusern kommunizieren, wenn sie Materialien aufstocken müssen. Da gibt es keine digitale Oberfläche, auf der diese Informationen automatisch ausgetauscht werden." Email? Telefon? Für einen hauptberuflichen Programmierer wie André sind das Zustände wie in der Steinzeit: langsam, ineffektiv, hoffnungslos veraltet. "Unsere Idee ist, dass wir denen diese Oberfläche jetzt zur Verfügung stellen“, sagt er.

Eine Stunde später löst sich die Gruppe für diesen Abend auf. Schlaf ist dringend nötig. Das Wochenende wird anstrengend genug. Die Zeit drängt. Bis Sonntagnacht um 24.00 Uhr soll ein Prototyp der Software stehen. Sie soll einen Baustein liefern im Kampf gegen die Ausbreitung, aber auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen des grassierenden Coronavirus. Wenn der Prototyp gut ist, wird er in der kommenden Woche weiterentwickelt. Dann möglicherweise mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung.

Die Idee aus der Online-Videokonferenz ist nur eine von mehr als 2000, die seit Montag bei der Tech-Initiative "WirVsVirus" - wir gegen das Virus – eingegangen sind. 43.000 Kreative, Web-Designer, Software-Architekten, Entwickler haben sich angemeldet. Dazu mehr als 3000 Mentoren, die mit ihren Fachkenntnissen die Brücke schlagen sollen zwischen technischen Möglichkeiten und der Praxis im echten Leben. Die Initiatoren von "WirVsVirus" sind völlig überwältigt. In ihren kühnsten Träumen hatten sie nicht mit solch einer Resonanz gerechnet.

"Mehr Flausch und Liebe"

"Das ist ein Riesenerfolg. Wir haben richtig Gänsehaut bekommen", sagt Christina Lang von Tech4 Germany einem Technologie-Netzwerk zur Stärkung der digitalen Infrastruktur in Deutschland. Am Freitagabend sprechen sie und ihre Mitinitiatoren von sechs weiteren Netzwerken in einem Livestream zu Zehntausenden Unterstützern. YouTube hat die Übertragungsrate verringert, damit der Stream nicht ins Stocken gerät. Lang ließ sich von einem sogenannten Hackathon in Estland inspirieren, also einem Wettbewerb im Programmieren. "Das muss doch bei uns in Deutschland auch möglich sein", sagt sie. Dann betont Lang: "Die Bundesregierung ist nicht der Adressat der Herausforderungen, sondern wir als Gesellschaft."

Binnen weniger Tage hatte sie Mitstreiter der anderen Netzwerke um sich geschart, die gemeinsam das Konzept entwickelten. "Wir können helfen", lautete die Botschaft mit der sie schließlich ans Bundeskanzleramt traten. Die Behörde zögerte nicht lang und sagte die Schirmherrschaft zu. Am Mittwoch wurde das Konzept dem Kabinett vorgestellt. "Das würde die Bundesregierung niemals alleine schaffen. Es herrschte sofort Einstimmigkeit im Kabinett", sagt Dorothee Bär, Regierungsbeauftragte für die Digitalisierung. Die CSU-Politikerin ist ebenfalls zugeschaltet am frühen Freitagabend. Sie wird regelrecht sentimental: "Es gab so viel mehr Flausch und Liebe im Internet als in den vergangenen Monaten, als wir mehr über Hassrede und Drohungen gesprochen haben. " Sie hoffe, das Internet würde jetzt wieder zu einem besseren Ort.

"Braucht man dazu eine App?"

Zumindest könnte es der Ort werden, der die reale Welt in Kürze wieder zu einer besseren macht. So ist zumindest die Hoffnung. Ein 30-köpfiges Team wählte in der Nacht zum Freitag die besten Ideen aus, führte sie zusammen, strukturierte sie. Rund 900 blieben übrig. Sogar Schüler und Senioren hatten sich an der Ideensuche beteiligt. Viele beschäftigen sich mit der Herausforderung, über einen längeren Zeitraum die eigene sozialen Kontakte möglichst zu minimieren. Ein Lösungsansatz sieht zum Beispiel vor, eine Applikation zu entwickeln, mit dem die heimische Isolation in einen spielerischen Wettbewerb mit anderen integriert wird: Wer bewahrt an einem Tag über den längsten Zeitraum die größte Nähe zu seinem Wohnzimmer? Andere Vorschläge lauten, einen digitalen Bewerbermarkt für Pflegepersonal einzurichten oder eine Applikation, die Krankheitssymptome und eine mögliche Verschlechterung mithilfe Künstlicher Intelligenz registriert. Mancher Vorschlag sorgt in der Online-Videokonferenz am Freitagabend für Stirnrunzeln. "Hier will einer den stillgelegten Flughafen Tempelhof in Berlin zu einem Krankenhaus umrüsten." - "Braucht man dazu eine App?", fragt ein anderer.

*Datenschutz

Bis zum frühen Sonntagabend sollen die Teams dreiminütige Videos übermitteln, um das Ergebnis ihres Hackathon zu übermitteln. Das größte Problem bei der gesamten Aktion aber ist es, die Kompetenzen und Fähigkeiten von 40.000 Registrierten zu ermitteln und zu verteilen. Am Samstagvormittag streunen zahlreiche Alleingänger durch die Themenforen und fragen nach, ob man ihre Expertise benötigt: "Geht es hier um die Verteilung von medizinischem Personal?" - "Nein, das – so wie ich mich erinnere – findest du in einem anderen Channel."

Auch die Online-Videokonferenz legt am Samstagmittag erst einmal eine Pause ein. Der Mentor muss mit dem Hund raus. Man verabschiedet sich bis nach dem Mittagessen in der Hoffnung, dass dann mehr Klarheit herrscht und mehr Kompetenzen gebündelt sind. Die Initiatoren machen Mut. "Der Hackathon ist nur der Startschuss, die Energie wollen wir weitertragen über die Woche hinaus", sagt Philipp von der Wippel von ProjectTogether, einem der sieben Netzwerke.

Eine Jury wird zu Beginn der kommenden Woche die eingereichten Prototypen bewerten. Unter Umständen sollen auch die Teilnehmer selbst und möglicherweise die Öffentlichkeit zur Bewertung eingeladen werden. Der offizielle Wettbewerb endet bereits am Sonntagabend, aber seine Saat soll in den kommenden Tagen und Wochen erst vollends aufgehen. "Nie war die kollektive Intelligenz wichtiger als jetzt. Lasst uns die Lösungen, die jetzt entstehen, richtig groß machen."

Quelle: ntv.de