Wirtschaft

Konsolidierung einer BrancheVivendis Telekom-Sparte ist heiß begehrt

07.03.2014, 11:41 Uhr
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Objekt der Begierde: Für die Vivendi-Tochter SFR bieten die Interessenten Milliardenbeträge. (Foto: REUTERS)

In Europa ordnet sich die Telekommunikationsbranche neu: In Frankreich bringt Vivendi die Welle ins Rollen. Um die Tochter SFR ringen zwei Interessenten. Die kolportierten Summen bewegen sich im Milliardenbereich. Unklar ist indes das Verhalten der Behörden.

Der Bieterstreit um die Telekommunikationssparte des französischen Mischkonzerns Vivendi entpuppt sich zunehmend als Machtkampf in der Konsolidierung der französischen Telekombranche. Das französische Konglomerat Bouygues bietet 10,5 Milliarden Euro in bar, um die Vivendi-Tochter SFR mit den eigenen Telekom-Aktivitäten zu verschmelzen. Gleichzeitig mischt auch der Geschäftsmann Patrick Drahi mit, der SFR laut einem Insider in seinen französischen Kabelbetreiber Numericable integrieren will. Er und sein Investment-Vehikel Altice wollen elf Milliarden Euro hinblättern - ebenfalls bar.

Allerdings steht beiden Kontrahenten unter Umständen ein nervenaufreibendes Ringen mit den Wettbewerbshütern bevor: Durch eine Übernahme würde sich die Zahl der Mobilfunkbetreiber in Frankreich von vier auf drei reduzieren.

Aufseher sind unbekannte Größe

Glückt Bouygues der Deal, entstünde ein größeres Gebilde als der einstige Monopolist Orange SA, ehemals France Telecom, es war. Auch europäische Aufseher könnten ein Wörtchen mitreden wollen. Deren Reaktion wäre zugleich ein Indikator dafür, wie die Kartellbehörden über die Konsolidierungswelle in der europäischen Mobilfunkbranche urteilen.

Telekom-Unternehmen quer durch Europa drücken aufs Tempo, um innerhalb ihrer Landesgrenzen fusionieren zu können. Der harte Wettbewerb nagt erheblich an ihren Margen. Vor allem französische Betreiber leiden unter einem Preiskrieg. Dieser begann vor zwei Jahren, als der Billiganbieter Iliad auf den Markt drängte. "Es gibt in unserer Branche heute zu viele Spieler und deswegen ist es nicht möglich, notwendige Investitionen zu tätigen", sagte Orange-Chef Stéphane Richard jüngst bei einer Telefonkonferenz.

Aber die EU-Kommission macht gravierende Bedenken bei Übernahmen geltend. Es drohten erhebliche Wettbewerbseinbußen, wie sie bereits bei der anderen Großübernahme, diesmal in Deutschland, von E-Plus durch Telefonica Deutschland mit der Marke O2 warnten. Auch hier würde sich die Zahl der Anbieter von vier auf drei reduzieren.

Anleger dürften profitieren

Die französische Wettbewerbsbehörde verfolgt einen harten Kurs. Vor gut einem Jahr kündigte ihr Chef Widerstand gegen immer weniger Mobilfunkbetreiber auf dem Markt an. Französische Regierungsvertreter reagieren dagegen wohlwollender. Dadurch ergeben sich durchaus Chancen, dass eine Übernahme doch glückt. Ein Sprecher der Wettbewerbsbehörde wollte sich nicht äußern.

Bouygues-Manager stellen bereits Zugeständnisse in Aussicht, etwa den Verkauf von Aktiva. An massive Preiserhöhungen sei auch nach einer Fusion nicht gedacht.

Anleger indes bejubeln die Perspektive einer Marktkonsolidierung: Die Aktien von Bouygues und Orange schossen nach oben, und sogar die von Iliad, denn das Unternehmen könnte sich Frequenzen und Netzinfrastruktur sichern, sollten diese als Auflage für eine Kartellgenehmigung verkauft müssen. "Wir werden in jedem Fall alle Gewinner sein", freute sich Iliad-Hauptaktionär Xavier Niel.

Vivendi streicht die Segel

Die aktuelle Konsolidierungswelle hat Vivendi ausgelöst. Das Konglomerat will sich aus dem Telekommunikationssektor verabschieden. Eigentlich sollte erst diesen Sommer ein Deal erreicht werden. Doch plötzlich zog der Konzern seine Verkaufspläne für SFR vor.

Bei einer Einigung mit Bouygues behielte Vivendi zunächst 46 Prozent der Anteile des zusammengelegten neuen Mobilfunkunternehmens. Bouygues würde 49 Prozent halten und JCDecaux die restlichen 5 Prozent.

Das Angebot von Drahis Investmentvehikel Altice würde Vivendi mit 11 Milliarden Euro zwar etwas mehr Geld in die Kassen spülen. Dafür erhielte Vivendi im Gegenzug aber auch nur 32 Prozent an dem neuen Unternehmen, so eine mit der Angelegenheit vertraute Person.

Beide Angebote räumten Vivendi die Möglichkeit ein, ihre Beteiligung ganz zu versilbern und sich aus dem Geschäft zu verabschieden, berichtet ein weiterer Insider.

Für den Unternehmenstycoon Martin Bouygues würde ein Deal so etwas wie einen Schlussstrich markieren und ihn zum Partner eines früheren Rivalen machen: In den 1990er Jahren hielt der junge Bouygues einem feindlichen Übernahmeversuch des französischen Industriellen Vincent Bolloré stand. Jetzt ist Bolloré Vize-Chairman Vivendis und soll ab Sommer die Geschicke des Konglomerats in Händen halten.

Quelle: ntv.de, jwu/DJ