Wirtschaft
Auf den Punkt gebracht: Zwei Demonstrantinnen vor der Warteschlange.
Auf den Punkt gebracht: Zwei Demonstrantinnen vor der Warteschlange.
Donnerstag, 03. Juli 2014

Primark-Eröffnung in Berlin: Warum sauber, wenn's auch billig geht?

Von Julian Vetten

Die Billigkette Primark zelebriert die Eröffnung ihrer Filiale im Herzen der deutschen Hauptstadt mit enormem Aufwand, sogar der irische Premier schaut vorbei. Ein Triumph auf ganzer Linie - wären da nicht diese lästigen Demonstranten und eine ganze Reihe enttäuschter Erwartungen.

Vor der gläsernen Tür wabern die Massen auf und ab. Wie ein menschlicher Stausee, nur darauf wartend, dass sich die Schleusen öffnen und der reißende Strom endlich in sein günstiges Flussbett aus schlecht vernähten Textilien findet. Die Menge draußen vor den Glastüren, mühsam zusammengepfercht zwischen stählernen Wellenbrechern, wird langsam unruhig: Bereits vor einer halben Stunde hätte der neue Primark am Berliner Alexanderplatz seine Tore öffnen sollen. Jetzt, um 11:56 Uhr, ist es endlich soweit: Mit einem letzten Blick prüft ein Sicherheitsmann, ob der Weg ins Innere frei ist. Sieht gut aus. Energisch öffnen der blonde Hüne und seine Kollegen die Glastüren und wappnen sich für den großen Ansturm.

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Der fällt allerdings enttäuschender aus, als es von innen den Anschein hatte: Statt einer reißenden Flut plätschern die  ersten Shopper eher in den Laden. Primark-Fashionistas sind, bei allem Hype, eben doch nicht ganz so fanatisch wie Apple-Fans bei der Veröffentlichung des neuen iPhones. Aber mindestens genauso zielstrebig: Die ersten Kundinnen - Männer sucht man im Eröffnungstrubel fast vergebens - sind noch nicht einmal eine Minute in der 13. Deutschland-Filiale des Textildiscounters, schon marschieren manche von ihnen mit einem dicken Berg an Klamotten und Accessoires Richtung Umkleidekabine. Der 2009 als Chef zurückgetretene Primark-Gründer Arthur Ryan steht derweil mit seiner Entourage etwas abseits hinter dem extra aufgebauten Rednerpult und lächelt selig. Kann er auch: Allein im letzten Jahr stieg der Gewinn des irischen Unternehmens um 26 Prozent - die Filiale am Alexanderplatz wird ihren Teil dazu beitragen, dass sich daran so schnell nichts ändern wird.

Fehlen nur noch die "Winkelemente"

Die Eröffnung des Textildiscounters im Herzen der deutschen Hauptstadt wird auch wegen ihres symbolischen Charakters mit enormem Aufwand zelebriert: Neben Dutzenden geladenen Gästen hat die Geschäftsführung einen Großteil der 800 neu verpflichteten Mitarbeiter in den Verkaufsräumen platziert, die zur Eröffnungsrede von Primark-Chefin Breege O'Donoghue für die nötige Stimmung sorgen sollen. Als diese dann endlich mit einigen Minuten Verspätung und dem irischen Premierminister Enda Kenny im Schlepptau eintrifft, könnte man meinen, Rihanna hätte sich zu einem spontanen Gratiskonzert in der Filiale eingefunden, so groß ist der Jubel. Hat da jemand Jubelperser gesagt?

Primark-Gründer Arthur Ryan hält das Band für den irischen Premier Enda Kenny.
Primark-Gründer Arthur Ryan hält das Band für den irischen Premier Enda Kenny.(Foto: dpa)

Artig feiern die Mitarbeiter jeden Satz der Chefin und schwenken riesige Papphände und Luftballons in hübschen Choreografien hin und her. Fehlen nur noch die "Winkelemente", um sich, gerade hier am Alex, wie in einer längst vergangenen Zeit zu fühlen. O'Donoghue referiert derweil über die engen Beziehungen zwischen Irland und Deutschland, warum sie die deutschen Kunden so sehr liebt - und streut zwischendurch zur Auflockerung skurrile und absolut Primarkfremde Stilblüten à la "Herzliche Glückwünsche für das deutsche Fußballteam" ein, die mit einer ordentlichen Portion Extragejohle goutiert werden.

Schließlich schwenkt sie auf ein Thema um, das ihr "persönlich sehr am Herzen" liegt: Ethik. Auch wenn O'Donoghue mit den Zahlen nicht so ganz firm zu sein scheint. Die Chefin spricht von 38 Millionen Kleiderbügeln, die zu Druckerpatronen verarbeitet wurden, die offizielle Broschüre von 23 Millionen. 228 Bäume wurden 2013 laut O'Donoghue dank Recycling der Papiertüten vor dem Fällen gerettet. Klingt nach nicht allzuviel? Auch hier kann die Broschüre aufklären: Es sind wohl 238.000 Bäume, was dann doch ein wenig beeindruckender ist. Die Arbeitsbedingungen in der Produktion schneidet die Primark-Primadonna trotz des Etikettenskandals aus der Vorwoche dagegen nur kurz an. Wozu auch groß drüber reden, immerhin gehört die Kette zu den besten fünf Prozent aller Mitglieder der Ethical Trading Initiative, dort heißt es: "Das Unternehmen setzt sich in seinem gesamten Einflussbereich für die stärkere Achtung der Rechte von Arbeitern ein."

Angela Merkel wartet schon

Das Ganze hat einen Haken, findet Maik Pflaum, Arbeitsrechtexperte der Christlichen Initiative Romero. Denn der "gesamte Einflussbereich" von Primark endet bei den Subunternehmern. Und diese reichen die Aufträge an noch billigere Hersteller weiter, ohne dass das Unternehmen davon erfährt. Zack, Problem gelöst. So einfach kann das manchmal sein.

Wären da nicht diese lästigen Demonstranten draußen auf dem Alexanderplatz, die auf genau solche Missstände aufmerksam machen wollen. Und das ziemlich erfolgreich: Während die Schlange vor dem neuen Store kurz vor der Eröffnung nur gut 500 Menschen zählt und damit deutlich kleiner ausfällt als die von der Polizei erwarteten 10.000, scharen sich auf der anderen Seite des Platzes mindestens ebensoviele Demonstranten um den Feuerwehrwagen der vereinten Protestaktion von BUND, Germanwatch und der Kampagne für saubere Kleidung.

Kreativer Protest und Kleidertausch stehen auf dem Programm, immer wieder starten die Aktivisten zu Aktionen vor der Warteschlange. Als ein bunt angemaltes Pärchen im spärlichen Outfit ihre Slogans vor den Wartenden loswerden wollen, dreht der eigens eingeflogene DJ im blauen Primark-Bulli mit integriertem Soundsystem ganz einfach die laute Musik noch einen Ticken lauter. So geht man souverän mit Protest um.

Von all dem Trubel bekommen die Gäste im Inneren des neuen Primark-Flaggschiffs nichts mit. Stattdessen greift Enda Kenny zur Schere und gibt den bejubelten Startschuss zum Powershopping. Dann eilt der irische Premier unvermittelt Richtung Hinterausgang: Angela Merkel wartet schon. Vorne bereiten sie sich auf die Flut vor. Doch die schwappt nur müde durchs Schleusentor.

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Quelle: n-tv.de