Wirtschaft

Mitarbeiter fürchten Schlussverkauf Was hat Benko mit Karstadt vor?

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Karstadt betreibt derzeit 83 Filialen - davon sollen bis zu 20 auf der Kippe stehen.

(Foto: imago/Ralph Peters)

Die Karstadt-Mitarbeiter stehen vor einer ungewissen Zukunft. Immobilien-Magnat Benko kündigt an, unverzüglich mit der Sanierung zu beginnen. Für einige Filialen wird das wohl das Aus bedeuten.

"Es gibt viel zu tun", sagt Stephan Fanderl. Damit hat der Aufsichtsratschef von Karstadt zweifellos recht. "Wir werden die nächsten Schritte einleiten. Durch den neuen Eigentümer herrscht nun endlich Klarheit", ergänzt er im "Handelsblatt". Das dürften die 17.000 Mitarbeiter allerdings anders sehen. Sie wissen nicht, wohin die Reise geht.

Am kommenden Donnerstag werden sie wohl etwas schlauer sein. Denn dann tagt der Aufsichtsrat des Konzerns, um über ein Sanierungskonzept zu beraten. Konkretes hat der neue Besitzer René Benko noch nicht verlauten lassen. Und so bleibt das Schicksal der größten Warenhauskette Deutschlands ungewiss.

Fest steht allerdings: Für welchen Weg sich Benko auch entscheidet, auf Karstadt kommen gravierende Einschnitte zu. Vor knapp einem Monat hatte Fanderl die Angestellten darauf bereits eingestimmt. Es gebe zwar noch keine konkreten Schließungsbeschlüsse. "Aber das Unternehmen macht sich seit einiger Zeit berechtigte Sorgen um die Profitabilität von mehr als 20 Häusern", so Fanderl. Das entspricht etwa einem Viertel der bundesweit 83 Karstadt-Filialen.

Viel Zeit hat Benko für die Sanierung nicht. "Die Blutungen müssen gestoppt werden. Das ist das Wichtigste. Die Verluste müssen aufhören", sagt Handelsexperte Thomas Roeb. Karstadt schreibt seit Jahren rote Zahlen und hatte 2009 Insolvenzantrag gestellt. Besserung ist nicht in Sicht. Alleine im vergangenen Geschäftsjahr lag der Verlust bei 124 Millionen Euro - bei sinkenden Umsätzen. Oder wie es LBBW-Analystin Barbara Ambrus ausdrückt: "Karstadt ist in einem langfristigen Verfallsprozess."

Häuserschließungen sind vor diesem Hintergrund wohl unvermeidlich. Es werde "keine Tabus mehr in der Hauptverwaltung, der Logistik oder den Filialen" geben, kündigte Finanzvorstand Miguel Müllenbach jüngst an. Das "Handelsblatt" berichtet indes von einer Liste, auf der rund 20 defizitäre Häuser stünden. Jedes komme auf den Prüfstand. Gebe es keine Chance, den Standort in die schwarzen Zahlen zu bringen, werde es geschlossen. Laut "Bild am Sonntag" will der 37-Jährige Karstadt innerhalb von zwölf Monaten sanieren.

Investitionen nötig

Die Gretchenfrage ist, ob Benko im Gegensatz zum Vorbesitzer Nicolas Berggruen ausreichend Geld in das Unternehmen steckt, um den Kern des Unternehmens zu retten. Verschiedenen Medienberichten zufolge hat der Österreicher das vor. Benko wolle zehn Jahre oder mehr bleiben, so die "Süddeutsche Zeitung". Er plane, Markenhändler als zusätzliche Mieter in die Karstadt-Häuser zu holen und diese zu größeren Einkaufszentren umzubauen.

Unklar ist, wie weit Benko dabei geht. Um Karstadt zukunftsfähig zu machen, müsste Benko massiv sowohl in die Filialen als auch ins Online-Geschäft und die damit verbundenen Systeme investieren, sagt Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. "Er müsste viel radikaler als bisher in Deutschland üblich E-Commerce und den stationären Handel verknüpfen." Heinemann schätzt den Investitionsstau auf 1,5 Milliarden Euro. "Das naheliegendste für einen Immobilieninvestor wie Benko wäre es, das Kapitel Karstadt zu beenden und die Häuser Schritt für Schritt zu innerstädtischen Einkaufszentren umzuwandeln", so Heinemann weiter. 

Aber die Sache hätte einen Haken: Ein solcher Schritt wäre teuer. Rund 15 bis 20 Millionen Euro könne die Schließung einer einzelnen Filiale kosten, heißt es in der Branche. Der Konzern müsse sich in vielen Fällen aus langfristigen Mietverträgen herauskaufen. Außerdem müssten Abfindungen an die Mitarbeiter gezahlt und Abschreibungen auf Warenbestände vorgenommen werden.

Was bezweckt Benko dann mit seinem Engagement? Wahrscheinlich arbeitet er daran, nach der Sanierung eine Deutsche Warenhaus AG zu schaffen - also einen Zusammenschluss von Karstadt mit dem Rivalen Kaufhof. Danach wäre ein lukrativer Börsengang denkbar. Benko hatte bereits schon einmal versucht, Kaufhof zu übernehmen, scheiterte jedoch am Unwillen der Metro. Und deren Management erteilt derzeit allen Planspielen in Sachen Fusion eine deutliche Abfuhr.

Bevor Benko einen neuen Anlauf unternimmt, eine Warenhausallianz zu schmieden, muss er Karstadt sanieren. Branchenkenner trauen dem Österreicher das zu. Für Benko wird das eine äußerst kostspielige Aufgabe. Und für zahlreiche Karstadt-Beschäftigte bedeutet es wohl, dass sie sich bald einen neuen Job suchen müssen.

Quelle: ntv.de, mit dpa