Einkommen, Vermögen, ErbeWie sich der Wohlstand in Deutschland besser verteilen lässt
Interview: Christina Lohner
Schwarz-Rot verspricht eine Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen. Auch die Erbschaftsteuer könnte bald reformiert werden. Was den größten Effekt auf die Vermögensverteilung hat und welche Rolle Immobilien dabei spielen, erklärt Finanzwissenschaftlerin Charlotte Bartels im Interview mit ntv.de. An der Uni Leipzig forscht die Professorin zur Einkommens- und Vermögensverteilung.
ntv.de: Neben Kanzler Merz zeigt sich inzwischen sogar CSU-Chef Söder offen, die sogenannte Reichensteuer anzuheben, also den erhöhten Einkommensteuersatz von 45 Prozent ab einem Jahreseinkommen von knapp 280.000 Euro. Was ist aus wissenschaftlicher Sicht von einer höheren Reichensteuer zu halten?
Charlotte Bartels: Empirisch zeigen sich kaum Verhaltensänderungen, dass Menschen weniger arbeiten, wenn Steuersätze steigen, vor allem bei den Besserverdienern. Die größten Verhaltensänderungen, dass Menschen bei höheren Steuersätzen weniger arbeiten, sind im unteren Einkommensbereich, hauptsächlich bei Zweitverdienern, zu finden. Die Sorge, dass sich Arbeiten nicht mehr lohnt, ist also gerade bei den Besserverdienern wenig begründet - die arbeiten sowieso. Es gibt höchstens Effekte, dass Spitzenverdiener dann versuchen, diese Steuern zu vermeiden.
Eine Anhebung des höchsten Einkommensteuersatzes von 45 auf 47,5 Prozent wäre aus Ihrer Sicht also sinnvoll?
Es wäre nur eine Rückkehr zu einem Gleichgewicht, das wir jahrzehntelang hatten. Bis zur rot-grünen Steuerreform um die Jahrtausendwende hatten wir Spitzensteuersätze von über 50 Prozent. Seit den 1960er Jahren hatte sich die Steuerlast so entwickelt, dass das oberste Prozent mit den höchsten Einkommen proportional immer weniger zum Einkommensteueraufkommen beitrug. Das hat sich ab Anfang der 2000er Jahre noch weiter verschoben, weg von den Spitzenverdienern hin zu der Gruppe zwischen der Mitte und den obersten zehn Prozent der Einkommensverteilung. Und da sind die Sozialversicherungsbeiträge noch gar nicht eingerechnet, die diese Einkommensgruppe zusätzlich belasten.
Die Union will im Gegenzug für eine höhere Reichensteuer Gutverdiener entlasten, etwa durch eine höhere Einkommensgrenze für den Spitzensteuersatz oder die Abschaffung des Solidaritätszuschlags. Das würde zu einer Verschiebung der Steuerlast weg von den oberen Einkommen hin zur Spitze passen, oder?
Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr die Spitze entlastet und die obere Hälfte der Einkommensverteilung belastet. Deshalb lässt sich durchaus rechtfertigen, hier wieder eine Verschiebung hin zu den Spitzenverdienern vorzunehmen, also zum obersten Prozent mit sechsstelligen Einkommen von über 200.000 Euro. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen wir immer größere Summen für Rente und Infrastruktur finanzieren müssen und das nicht länger über Neuverschuldung lösen können.
Wie würden Sie die Einkommensteuer reformieren? Die Koalition hat versprochen, ab nächstem Jahr kleine und mittlere Einkommen dauerhaft zu entlasten.
Wir könnten es uns leisten, nicht nur die sogenannte Reichensteuer zu erhöhen, sondern auch schon den Spitzensteuersatz von aktuell 42 Prozent. Diese hohen Steuersätze werden ja nicht auf das gesamte Einkommen erhoben, sondern nur auf den Teil des Einkommens, der über der Einkommensgrenze liegt, ab der der Spitzensteuersatz gilt - der durchschnittliche Steuersatz von Spitzenverdienern liegt weit darunter. Bis Ende der 1990er Jahre lag der Spitzensteuersatz, wie gesagt, bei über 50 Prozent.
Eine stärkere Verteilung der Steuerlast wäre auch im Sinne der Bevölkerung. 81 Prozent der Deutschen empfinden die Verteilung unseres Wohlstands als ungerecht.
Wir haben in den Metropolen so stark steigende Immobilienpreise, dass Menschen, die jetzt eine Immobilie kaufen wollen, unter hohem finanziellem Druck stehen. Das betrifft junge, aber auch ältere Menschen, die zur Miete wohnen und Sorge haben, aus ihrer Mietwohnung rauszufliegen und keine bezahlbare andere Wohnung zu finden. Ich denke, das ist der Grund, warum die Vermögensverteilung wieder stärker in den Fokus rückt. Deutschland ist ein Land mit sehr ungleicher Vermögensverteilung, schon immer.
Warum ist das Vermögen in Deutschland so ungleich verteilt?
Weil nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung unternehmerisch tätig oder an Unternehmen beteiligt ist, also etwa Aktienbesitzer. Und weil weniger als die Hälfte der Bevölkerung Immobilien besitzen - das ist wenig im internationalen Vergleich. Dadurch ist ein großer Teil der Deutschen vom Mietmarkt und dem Zusammenspiel aus Mieten auf der einen Seite und Löhnen und Renten auf der anderen Seite abhängig. Das politisch zu lösen ist komplex, aber wir müssen es versuchen. Wenn wir uns angesichts der demografischen Entwicklung das bisherige Rentenniveau künftig nicht mehr leisten können, sich aber gleichzeitig Jobs in Ballungsregionen konzentrieren, geraten die Immobilienmärkte und die dort lebenden Menschen immer weiter unter Druck. Ältere Bevölkerungsgruppen können sich dann nicht mehr leisten, dort weiter zu wohnen, und jüngere können schwerer in diese Immobilienmärkte einsteigen - sowohl als Mieter als auch als potenzielle Käufer, um selbst Vermögen aufzubauen.
Wo sehen Sie einen Hebel, Druck aus den Immobilienmärkten zu nehmen?
Die Grunderwerbsteuer von bis zu sieben Prozent ist eine zusätzliche Barriere für jüngere Menschen, Immobilien in Ballungsräumen zu erwerben. Die jüngere Generation zieht wegen der Jobs in Metropolregionen, kann es sich wegen hoher Eintrittsbarrieren wie Notarkosten und Grunderwerbsteuer, die proportional zum Kaufpreis anfallen, aber oft nicht leisten, eine Immobilie zu kaufen. Die Bank gibt einem keinen Kredit für die Grunderwerbsteuer. Durch eine Senkung ließe sich der Immobilienkauf erleichtern, allerdings ist die Grunderwerbsteuer eine wesentliche Einnahmequelle der Bundesländer.
Wie ließe sich unser Wohlstand also stärker verteilen?
Um Wohlstand besser zu verteilen, wäre der Vermögensaufbau der ärmeren Hälfte der Bevölkerung - die weder Immobilien noch Unternehmensanteile oder ein nennenswertes Vermögen besitzt - viel wirkungsvoller, als den Reichen etwas wegzunehmen. Das haben wir bei einer entsprechenden Datensimulation gesehen. Damit die ärmere Hälfte künftig im Alter nicht auf die Rente allein angewiesen ist, helfen staatliche Programme, die Menschen dabei unterstützen, Geld gewinnbringend zu investieren, etwa durch vorgegebene Portfolios am Kapitalmarkt. Die ärmere Hälfte der Deutschen, die im Schnitt 20.000 Euro Vermögen besitzt, kann so deutliche Vermögenszuwächse erzielen. Das hätte enorme Effekte auf Ungleichheitsmaße. Durch den wenig verbreiteten Immobilien- und Unternehmensbesitz sparen in der deutschen Bevölkerung überproportional viele sinnlos auf dem Girokonto - wenn sie überhaupt sparen.
Warum besitzen in Deutschland eigentlich so wenig Menschen Immobilien und Unternehmensanteile?
Wenn das Wirtschaftswachstum in Deutschland schon seit dem 19. Jahrhundert darauf basiert, Produkte in die Welt zu exportieren, möchte die Industrie Löhne niedrig halten, um ihre Produkte günstig anbieten zu können. Und wenn man Mieten stark reguliert, also niedrig hält, wie wir es in Deutschland jahrzehntelang gemacht haben, muss man auch nicht so hohe Löhne zahlen. In dem Moment, in dem die Mieten in Metropolregionen nicht mehr günstig sind - wie heute -, stößt das an Grenzen. In den USA zum Beispiel zahlen Arbeitgeber einen Pauschalbetrag für den Hauskauf. In Deutschland sind außerdem die meisten Unternehmen im privaten Besitz und werden nicht öffentlich an der Börse gehandelt. Damit hängt vermutlich auch zusammen, dass weite Teile der Bevölkerung nicht an der Börse investieren.
In der Umfrage zur Wohlstandsverteilung sprach sich die Mehrheit der Befragten für eine Rückkehr zur Vermögensteuer und eine höhere Erbschaftssteuer aus. Würde das den Wohlstand auch gleichmäßiger verteilen?
Für die Vermögensteuer gibt es immer mehr empirische Nachweise, dass sie zu extremen Verhaltensreaktionen führt: Die Menschen unternehmen sehr große Anstrengungen, die Steuer zu vermeiden. Wir müssen uns fragen, wie teuer uns das als Gesellschaft zu stehen käme. Damit fördern wir zum Beispiel eine Beratungsindustrie - deren Beschäftigte anderswo produktiver eingesetzt werden könnten. Der wenig ausgeprägte Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Behörden und Banken bietet in Deutschland außerdem extrem viele Gestaltungsmöglichkeiten, um seine Vermögensteuererklärung zu optimieren. In Schweden zum Beispiel kannten die Finanzbehörden durch hohe Datentransparenz schon fast das gesamte Vermögensportfolio der Menschen, bis auf den privaten Pkw. Dort gaben die Menschen in der Steuererklärung dann an, dass ihr Auto genau so viel wert ist, wie es wert sein darf, um einen geringeren Steuersatz zu zahlen. In Deutschland kommt hinzu, dass für eine Vermögensteuer der Wert der vielen Unternehmen, die nicht an der Börse notiert sind, geschätzt werden müsste.
Hätte eine höhere Erbschaftsteuer einen stärkeren Effekt als eine Vermögensteuer?
Mehrere aktuelle Studien zeigen, dass Erbschaften negative Effekte auf die Arbeitsbereitschaft haben - was uns als Gesellschaft teuer zu stehen kommt. Menschen gehen früher in Rente und reduzieren ihre Arbeitszeit in der Familiengründungsphase, wenn sie eine Erbschaft erwarten. Ökonomen sind sich einig, dass Steuern, die Arbeitsanreize verbessern, aus Effizienzgründen wünschenswert sind. Höhere Erbschaftsteuern wären also ökonomisch sinnvoll. Aus Fairnessgründen wären sie auch sehr gut zu rechtfertigen. Andererseits scheint der Wunsch, Familienbesitz weiterzugeben, in Deutschland sehr stark verankert zu sein.
Ein Gegenargument für höhere Erbschaftsteuern ist außerdem oft, dass gerade mittelständische Familienunternehmen dann aufgegeben würden.
Unternehmen erzielen Studien zufolge höhere Renditen, wenn sie nicht innerhalb der Familie weitergegeben werden, sondern an externe Manager. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive wäre es somit sinnvoller, Anreize zu setzen und Normen zu prägen, dass ein Unternehmen an den oder die beste Managerin übergeben wird - also nicht zwangsläufig das eigene Kind. In Deutschland haben wir allerdings keinen besonders ausgebildeten Markt für Unternehmensverkäufe. Es gibt zum Beispiel keine große Tradition, sein Unternehmen an die Börse zu bringen. Es ist nachvollziehbar, dass ein Unternehmer oder eine Unternehmerin nicht an die nächstbeste "Heuschrecke" verkaufen will. Wir sollten deshalb auch den Kapitalmarkt innerhalb der EU besser ausbilden und Investitionen über die Grenzen hinweg erleichtern.
Mit Charlotte Bartels sprach Christina Lohner