Der Börsen-TagDas "Fake"-Goldilocks-Szenario und der DAX
Die erste positiv verlaufene Handelswoche liegt hinter dem DAX. Doch genau genommen beginnt jetzt das Börsenjahr erst richtig: Erst dann dürften alle Marktteilnehmer aus dem Urlaub zurückgekehrt sein und sich wieder voll der Börse widmen. Daher dürfte dann auch die Jahresanfangsrally auf ihre Haltbarkeit getestet werden. Sollte es im Wochenverlauf nicht zu kräftigen Gewinnmitnahmen kommen, könne von einer positiven Grundhaltung der Marktteilnehmer ausgegangen werden. In der Vorwoche legte der DAX knapp fünf Prozent zu, schloss bei einem Stand von 14.610 Punkten und wird aktuell mit Kursen um 14.750 noch einmal deutlich fester taxiert – auch weill die Wall Street ihre anfängliche Schwäche beheben konnte.
Das Thema Inflation sollten Anleger nicht zu optimistisch angehen: Zwar zeigten die jüngsten Barometer wie Verbraucherpreise (CPI) und Produzentenpreise (PPI) in Europa nach unten, zum Vormonat legte das CPI aber in der Kernrate schon wieder zu. Gegen Vorjahr ging es um 5,2 Prozent nach oben. Das zeigt genau das von den Bären erwartete Szenario einer Inflation, die sich ausgebreitet und festgefressen hat - egal ob die Energiepreise nun wieder sinken oder nicht.
Europa-Volkswirtin Ulrike Kastens vom Vermögensverwalter DWS geht davon aus, dass sich die EZB wegen der zunehmenden Volatilität der Preisdaten sogar noch stärker auf die Entwicklung der Kernrate konzentrieren werde - und diese noch nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht habe. Daher dürfte es auch im Februar um weitere 50 Basispunkte bei den Leitzinsen nach oben gehen. Spätestens dann wird sich zeigen, ob die Märkte mit ihrem Zinsoptimismus nicht zu weit vorgeprescht sind.
Die Credit-Analysten der Bank of America warnen sogar davor, dass sich die Börsen gerade ein "Fake"-Goldilocks-Szenario zurechtzimmern könnten. Sichtbar sei dies unter anderem in den Kreditmärkten, wo Risikoprämien kaum noch die Gefahr einer Rezession einpreisen würden.
Zum Wochenauftakt veröffentlicht die Investment-Beratungsfirma Sentix ihr Barometer zu den Konjunkturerwartungen der Börsianer im Januar. Im Dezember blickten die Investoren so optimistisch auf die Wirtschaft im Euroraum wie seit einem halben Jahr nicht mehr. Dennoch gilt dies noch nicht als ein Wendesignal, zumal die Rezessionsgefahr nicht gebannt ist. Zudem legt das Statistische Bundesamt Zahlen zur deutschen Produktion im November vor. Trotz Materialknappheit, Energiekrise und hoher Inflation hatten die deutschen Unternehmen ihre Produktion im Oktober nahezu stabil gehalten. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zusammen 0,1 Prozent weniger her als im Vormonat.