Kolumnen

Inside Wall Street Arme müssen durch die Hintertür

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Das Leben in New York ist alles andere als billig.

(Foto: REUTERS)

In Manhattan kennen die Immobilienpreise nur eine Richtung: nach oben. Was für Investoren erfreulich ist, ist für Normalverdiener ein großes Problem.

An Tausenden New Yorker Straßenlampen flattern bunte Banner, auf denen mal der "Theater District" und mal die "Fashion Mile" beworben wird, mal ist die Metropole "die Stadt, die niemals schläft", und mal ist sie "Real Estate Capital of the World" - das globale Immobilienmekka. Da ist durchaus was dran: In New York wird gebaut, verkauft und vermietet, die Preise liegen längst jenseits von Gut und Böse.

Wer wochenends den Immobilienteil der "New York Times" liest, der muss sich manchmal kneifen. Die Rubrik "Big Ticket" auf Seite zwei beschreibt jede Woche die jeweils teuerste Transaktion der vergangenen Tage. Das ist manchmal ein Backsteinbau an der noblen Upper East Side, mal eine mehrgeschossige Wohnung mit Blick über den Central Park, mal ein Luxus-Apartment am Gramercy Park, zu dem ein Schlüssel für die letzte private Gartenoase der Stadt gehört. Die Preise sind immer achtstellig. Und zu den bis zu 50 Millionen Dollar für ein Apartment kommen monatliche Eigentümerkosten hinzu, die sich noch einmal auf 20.000 Dollar summieren können.

Wer hat so viel Geld? Selbst in einem Amerika, das zunehmend den Bestverdienern gehört, gibt es nicht annähernd so viele Superreiche, um den gigantischen Wohnungsmarkt in der Hudsonmetropole in Schwung zu halten. Immer mehr kommen die Käufer aus Russland, China und dem arabischen Raum – immer weniger ziehen selbst in die neuen vier Wände. Mit Blick auf einen der gefragtesten neuen Wolkenkratzer fragte das "New York Magazine" jüngst: "Schläft irgendjemand in One57?" – Die Antwort lieferte eine Grafik. Von den bisher verkauften 25 Einheiten zwischen 3,5 und 31,7 Millionen Dollar wurden ganze 15 von Firmen gekauft, die eigens für diesen Zweck gegründet wurden. Die wahren Eigentümer sind oft unklar, und Branchenexperten sagen offen, dass in Manhattans Türmen Geld gewaschen wird. "Ein Apartment in New York ist heute das, was früher einmal das Schweizer Bankkonto war", fasst Autor Andrew Rice zusammen.

Hohe Gewinne

Beispiele für den internationalem Einfluss auf den New Yorker Immobilienmarkt gibt es genug: Im Finanzdistrikt, unweit der Wall Street, entstand vor wenigen Jahren das Williams Beaver House - bekannt nach der Straßenkreuzung zu Füßen des Turmes. Von 170 verkauften Wohnungen gingen neun direkt an ausländische Käufer und weitere 87 an obskure Firmen, die als Kontaktadresse lediglich ihren Anwalt eintrugen. Die Botschaft ist klar: Nachfragen unerwünscht.

In einem derart starken Immobilienmarkt lassen sich gute Geschäfte machen und hohe Gewinne erzielen. Entsprechend ist die Wall Street nicht weit vom nächsten Deal entfernt. Invitation Homes ist eines von zahlreichen Unternehmen in einem neuen Geschäftszweig: Sie kaufen Häuser billig auf, oft bei Zwangsversteigerungen, investieren minimal und vermieten die Immobilen weiter. Das Unternehmen hat Kontakte zur Wall Street, wandelt Häuser in investorenfreundliche Objekte um. Richtig investorenfreundlich ist wohlgemerkt, was am meisten Gewinn macht, und diese Maximierung der Rendite geht auf Kosten der Mieter. Eine Studie unter kalifornischen Mietern hat ergeben, dass ganze 46 Prozent Probleme mit schlecht verlegten Leitungen haben, 39 Prozent der Häuser leiden unter Insektenbefall, in 22 Prozent der Gebäude wühlen Termiten. Andere Mieter kämpfen mit undichten Dächern, Schimmel und Problemen mit Heizung und Klimaanlage.

"Poor Door" geplant

So zeigt sich auch im Immobilienmarkt, wie sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Wer Kapital hat, vermietet an diejenigen, die keines haben und hat dabei kein faires Geschäft mehr im Sinn, sondern das schnelle Geld auf Kosten des anderen.

Nirgends treffen Arm und Reich so sehr aufeinander wie in New York City - entsprechend treibt die Ungleichbehandlung der Klassen hier die tollsten Blüten. Großinvestoren, die in Manhattan bauen wollen, müssen oft günstigen Wohnraum anbieten, um die Genehmigung für ihre Luxustürme zu bekommen. Diese Mischnutzung passt nicht jedem, vor allem nicht den Reichen. Die Baufirma Extell löst das Problem auf eine ganz neue Weise: Jüngst hat man die Pläne für einen 33-stöckigen Bau am Westufer Manhattans veröffentlicht. Der verspiegelte Bau bekommt eine eindrucksvolle Lobby, ein eigenes Fitnessstudio samt Swimming Pool und viele weitere Extras... und eine Hintertür für die Armen. Wer im günstigeren Teil des Gebäudes wohnt, ist in der Lobby nicht gelitten, sondern muss seitlich durch die "Poor Door" kommen, wie die lokale Presse höhnt. Direkter kann Klassenkampf nicht sein.

Quelle: ntv.de