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Gamestop-Feldzug Der Flashmob verklärt die Zockerei

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Das Ensemble stimmt, die Pose auch: Das "Furchtlose Mädchen" nimmt die New Yorker Börse ins Visier.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Viel Geld für überteuerte Aktien auszugeben, um Hedgefonds eins reinzuwürgen: Was derzeit mit Gamestop-Aktien gemacht wird, klingt überhaupt nicht vernünftig. Ist es auch nicht.

Das muss man dem Gamestop-Flashmob lassen: Er hat mit seiner Attacke die Kräfteverhältnisse an der Börse erschüttert - eine Horde von Kleinanlegern sorgt dafür, dass sich mächtige Hedgefonds verzocken und Milliarden versenken. Der Kampf ist spannend, unterhaltsam, lehrreich und sorgt durchaus für eine gehörige Portion Schadenfreude. Doch eines ist er nicht: Er ist kein Feldzug für ein höheres Ideal. Spekulanten kämpfen gegen Spekulanten.

Daran ändert nichts, dass auch hierzulande der Kampf gerne zu einer Schlacht von Gut gegen Böse verklärt wird. Das allerdings mit beeindruckendem Erfolg. Und so wird in sozialen Netzwerken fröhlich dazu aufgerufen, Gamestop-Aktien zu kaufen, um den Hedgefonds noch größere Verluste reinzuwürgen, die auf fallende Kurse gewettet haben. Verkörpern sie für viele Menschen doch all das, was sie mit der Wall Street verbinden - Zockerei, Selbstgefälligkeit, Gier.

Doch die Attacke haben nicht etwa rebellische Idealisten gestartet, sondern private Spekulanten. Vielen von ihnen dürften Zockerei, Selbstgefälligkeit oder Gier nicht fremd sein. Sie machen das, was sie den Hedgefonds vorwerfen: Sie manipulieren den Markt, um damit viel Geld zu verdienen.

Wer sich an ihrer Wette gegen Hedgefonds beteiligt, sollte das nicht vergessen. Doch das scheint nur wenigen wirklich bewusst zu sein. Zu stark ist der Wunsch, das Feindbild "Finanzhai" mit den eigenen Waffen zu schlagen und anarchisch zu demonstrieren, wie kaputt das System sei.

Bei einigen dürfte ein weiteres Motiv mitspielen: Die Hoffnung, als Aktivist zugleich mühelos Gewinne einzustreichen - auf Kosten der Hedgefonds. In den USA wird diese Attitüde durch den Namen der populärsten Kleinanleger-App unterstrichen: Robinhood. Der Firma geht es allerdings nicht um Umverteilung von oben nach unten. Sie will Profite erwirtschaften. Und das gelingt auch dadurch, unerfahrenen Neulingen hochriskante Geschäfte zu ermöglichen.

Derweil geht der Kurs der Gamestop-Aktie durch die Decke - völlig abgekoppelt von der Realität. Irgendwann wird er wieder runterrauschen, die Aktivisten werden dann Geld verlieren, während professionelle Leerverkäufer gewaltige Profite einstreichen. Den Anführern des Feldzugs kann das herzlich egal sein, weil sie bis dahin ihre Gamestop-Aktien längst mit hohem Gewinn verkauft haben und mit anderen Aktien zocken. Sie wollen schließlich Finanz-Wetten gewinnen und nicht die Welt verbessern. Den vielen Rebellen bleibt ein Trost: Ihr Geld ist nicht weg, es haben nur andere.

Quelle: ntv.de

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