Marktberichte

Inside Wall Street Praktikant spuckt in die Mediensuppe

Murdoch.jpgDie Wall Street ist nicht immer der wichtigste Ort in der amerikanischen Wirtschaft, und es muss auch nicht unbedingt Washington sein. In den letzten Tagen etwa blickten Anleger nach Sun Valley im schönen Bundesstaat Idaho, wo sich die Großen der US-Medien zur alljährlichen Sinnfindung und Zukunftssuche trafen.

Das Hauptthema der alljährlichen Konferenz zeichnet sich jedes Mal schon Wochen vor dem Termin ab. Selbst Außenseiter kommen leicht darauf, denn die Medienmächtigen debattieren am liebsten über die neuesten Techniken, mit denen sie ihre Schiffe aufpolieren und noch ein paar Jahrzehnte durch die TV-, Radio- und Zeitungslandschaft steuern können.

Kein Wunder, dass in diesem Jahr Twitter das wichtigste Stichwort war. Wie viele Tweets direkt aus dem sonst eher verschlafenen Idaho abgezwitschert wurden, lässt sich nur grob schätzen. Man gibt sich eben gerne hip, und so traf es die Experten wie ein Schlag aus heiterem Himmel, als sie von der Studie eines 15-jährigen Briten erfuhren, dessen Beobachtungen im Freundeskreis die düsterste – und doch einigermaßen realistische – Zukunftsvision darstellen, mit der sich die Medien nun herumschlagen müssen.

"Teenager benutzen Twitter nicht"

Mathew Robson, ein Praktikant bei Morgan Stanley in London, hat aufgeschrieben was Sun Valley erschüttern ließ. Nämlich die Wahrheit über die fast grenzenlose Medienfaulheit seiner Kollegen. Die lesen keine Zeitung und keine Magazine – schön und gut, damit hatte man gerechnet. Aber: "Teenager benutzen Twitter nicht", fährt Robson fort, und da ging doch manchem Boss die Kinnlade runter.

"…benutzen Twitter nicht?" – Damit hatte man nicht gerechnet. Und doch macht das Sinn. Robson erklärt, dass Twitter (in Großbritannien) teure Handyminuten frisst, und dass die ganzen Tweet eh keiner lese. Wozu also das Gezwitschere? Wer selbst bei Twitter mitspielt – der Autor erklärt sich mitschuldig! – der weiß, dass Robson recht hat. Man stellt sich schließlich selbst immer wieder die Frage, was das ganze soll. Auszug aus meinem heutigen Twitter-Protokoll: Arnold Schwarzenegger bittet, man solle sich im Internet seinen neuen TV-Spot anschauen. Moby sitzt in einem Restaurant in Amsterdam, in dem er 1991 schon einmal aß. Lance Armstrong relaxed und hört die Rolling Stones. Und die Schwester von Sandra Bullock findet, dass ihr Hintern nicht in die neue Jeans passt.

Eigentlich hat nur ein befreundeter Musiker recht, der vor 19 Stunden (frei übersetzt) schrieb: "Wenn einer einen Tweet schreibt und keiner liest ihn, macht er dann ein Geräusch?"

Keine Zeit für lange Texte

Zurück zur Studie: Robson schreibt nach Interviews mit Altersgenossen, dass man für's Fernsehen kaum Zeit habe, und das klassische Radio sei längst von Internetsendern abgelöst worden. Zeitungen? Fehlanzeige. Er kenne niemanden, der es sich leisten könne, "seitenweise Texte zu lesen".

Die Medien-Bosse stehen nur vor einem Scherbenhaufen. Der Report, der laut Morgan Stanley mehr Feedback gebracht hätte als jede andere Studie der letzten Monate, macht Schluss mit der Hoffnung, dass sich mit der fixen Integration neuer die alten Medien retten lassen könnten. Man hat jetzt Angst, dass Content nur noch in Bruchstücken genommen wird und kein Geld mehr bringt. Rupert Murdoch sorgt sich um seine Myspace-Milliarden, und was aus Facebook wird ist offen. Ein Praktikant hat der Medienbranche das Wochenende verdorben – das konnte auch die Sonne über Idaho nicht mehr gutmachen.

Quelle: n-tv.de