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Ungewöhnliche PreisentwicklungRohöl stellt Experten vor ein Rätsel

07.08.2014, 12:52 Uhr
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Auf Reede vor der Küste Floridas: Die USA sind der mit Abstand größte Abnehmer von Energierohstoffen. (Foto: AP)

An den Rohstoffmärkten beobachten Analysten derzeit ein beunruhigendes Phänomen. Obwohl die politischen Spannungen zunehmen und in zwei Förderländern massiv gekämpft wird, sinken die Preise immer weiter zurück. Liegt es wirklich am Überangebot?

Langsam wird es unheimlich: Die Ölpreise zeigen auch am Donnerstag kaum Reaktionen auf das außergewöhnlich hohe Maß an geopolitischen Spannungen. Selbst die Handelssanktionen Russlands, die Moskau im Gegenzug für die Strafmaßnahmen des Westens ankündigt, zeigen am Rohölmarkt keine spürbare Wirkung.

Am Vormittag kostet ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im August 104,33 US-Dollar. Das sind 27 Cent weniger als zur Wochenmitte. Der Preis für ein Fass der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) gibt um 29 Cent auf 96,58 Dollar nach.

Mit Blick auf die wachsenden Spannungen zwischen Russland und dem Westen kamen Spekulationen auf eine abflauende Nachfrage auf. "Die anhaltende Verschärfung der Sanktionen zwischen der EU, den USA und Russland wird sich negativ auf das weltweite Wachstum auswirken", sagte zum Beispiel Analyst Olivier Jakob vom Research-Haus Petromatrix. Das russische Importverbot für bestimmte Waren werde voraussichtlich weitere Strafen der EU und der USA nach sich ziehen. Dies könne die westeuropäische Konjunktur abwürgen, warnte Olivier.

Marktbeobachter sehen die Entwicklung bei den Ölpreisen mit Sorge. Nach den gängigen Mustern im Rohölhandel müssten die Preise eigentlich mit den zunehmenden Spannungen deutlich anziehen. Blutige Auseinandersetzungen gibt es derzeit nicht nur im Osten der Ukraine, sondern mit Libyen und dem Irak auch in zwei wichtigen Ölförderländern. In den vergangenen Wochen und Monaten mussten die Konflikte dort wiederholt als Begründung für andauernde Preisanstiege herhalten.

Überangebot und leere US-Lager?

Doch seit einigen Tagen ist von steigenden Risikoaufschlägen für Rohöl nichts mehr zu sehen, obwohl es an militärischen und politischen Konflikten nicht mangelt. Einige Beobachter nennen das nach wie vor reichliche Ölangebot als Grund für die augenscheinliche Gelassenheit der Investoren. Allerdings liegen auch Hinweise vor, die auf eine anziehende Nachfrage in den USA hindeuten.

Am Vorabend wirkte sich zum Beispiel ein überraschend deutlicher Rückgang der US-Lagerbestände stützend auf die Preise aus. Sowohl die Rohöl- als auch die Benzinbestände waren in der vergangenen Woche in den USA stärker als erwartet gesunken. Vor diesem Hintergrund nehme sich der Preisanstieg aber moderat aus, erklärten Börsianer.

Rohöl-Experten warnen bereits vor den Risiken der auffallend stabilen Notierungen. "Wir sind der Ansicht, dass der Markt die Angebotsrisiken unterschätzt", schrieben die Experten der Commerzbank in einem Kurzkommentar zur Lage am Rohölmarkt. "Irak und Libyen versinken im Chaos, was nicht ohne Auswirkungen auf das Ölangebot dieser beiden Länder bleiben wird." Seit Wochen sind die Ölpreise auf Talfahrt, was Händler in London überwiegend auf ein hohes Angebot bei niedriger Nachfrage zurückführen. Noch Mitte Juni hatte Brent mehr als 115 Dollar gekostet.

Kämpfe um Städte und Ölfelder

Im Irak haben die sunnitischen Rebellen des Islamischen Staates zuletzt im Norden des Iraks drei weitere Städte erobert. Die radikal-islamischen Kämpfer seien in der Nähe des Kurden-Gebietes vorgerückt, berichteten Augenzeugen. Sie hätten Machmur, Al Kwair und die überwiegend von Christen bewohnte Stadt Tilkaif unter ihre Kontrolle gebracht.

Am Wochenende hatten die Kämpfer den kurdischen Peschmerga-Milizen im Norden eine empfindliche Niederlage beigebracht. Die früher als Isis bekannte Bewegung Islamischer Staat hatte drei Städte, den Mossul-Staudamm sowie ein Ölfeld samt Raffinerie erobert. Daraufhin hatten die Kurden eine Gegenoffensive angekündigt. Derzeit stehen die Kämpfer rund 100 Kilometer vor Bagdad und drohen, auch die Hauptstadt des Iraks einzunehmen. Der Islamische Staat hat ein Kalifat in Teilen des Iraks und Syriens ausgerufen.

Libyer greifen Ägypten an

In Nordafrika droht der Bürgerkrieg mittlerweile von Libyen auf das Nachbarland Ägypten überzuspringen: Bei einem Zusammenstoß mit libyschen Rebellen in der ägyptischen Hafenstadt Marsa Matruh waren am Dienstagabend fünf Polizisten und vier Angreifer getötet worden. Die Extremisten hätten versucht, einen Militärstützpunkt anzugreifen, berichtete die ägyptische Staatszeitung "Al-Akhbar". Die Extremisten seien auf dem Weg Richtung Alexandria gewesen, als eine Polizeieinheit im Hafenort Marsa Matruh die Verfolgung aufgenommen habe, berichtet zudem die Nachrichtenseite "Al-Arabija".

Immer häufiger greifen Islamisten aus Libyen Militäreinrichtungen entlang der ägyptischen Grenze an. Allein im letzten Monat kamen 22 ägyptische Soldaten bei Attacken ums Leben. Ein Großteil der rund 1100 Kilometer langen Grenze zwischen Libyen und Ägypten verläuft durch unbewachtes Wüstengebiet; Extremisten nutzen das, um Waffen zu schmuggeln. Die Angriffe gehen mittlerweile weit über Grenzorte hinaus: Marsa Matruh liegt rund 220 Kilometer von der libyschen Grenze entfernt.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa/rts