Startup

Stress, Angst und wenig GeldDas anstrengende Leben eines Gründers

06.12.2020, 19:50 Uhr
imageVon Caspar Tobias Schlenk
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Leitloff will aber potenzielle Gründerinnen und Gründer nicht verschrecken, im Gegenteil. (Foto: Leah Kunz)

Julian Leitloff baut mit Anfang 20 das Startup Stilnest auf. Statt einer glamourösen Karriere lebt er damals am Existenzminium und streitet mit den Investoren. Trotzdem würde er es wieder tun. Warum?

Spätestens, als aus dem Geldautomaten keine Scheine mehr kamen, wusste Julian Leitloff, dass die Situation ernst war. Neben ihm stand sein bester Freund Raoul. "Sorry, ich bekomme kein Geld", sagte Leitloff zu ihm. Doch der Kumpel hatte sein Konto ebenfalls bereits leergeräumt - auch bei ihm spuckte der Automat nichts mehr raus. Beide schauten sich hungrig an, das Mittagessen in einem Imbiss musste ausfallen.

Sie liefen zurück ins Büro und durchwühlten die Schränke, dort hatten sie mal ein paar Dosen Chilli con Carne und Linsensuppe auf Vorrat gekauft. Eine Portion fanden sie noch, wärmten sie auf und stopften das Essen in sich rein.

So hatten sich die beiden das Leben als Startup-Gründer nicht unbedingt vorgestellt. Zusammen hatten die Freunde in Friedrichshafen das Startup Stilnest gegründet, mit dem 3D-Drucker stellten sie Schmuck her und verkauften ihn über das Internet. Jeder Euro und jede freie Stunde neben der Uni flossen in ihr Projekt, die Hochschule hatte bereits 25.000 Euro in die Firma investiert, die Kommilitonen beäugten das Team verwundert, manche auch neidisch.

Sieben Jahre später ist aus Stilnest ein Online-Händler entstanden, der vor allem Schmuck von Influencerinnen verkauft und etwa 15 Leute in Berlin beschäftigt. Julian Leitloff hat sein Unternehmen knapp fünf Jahre nach der Gründung wieder verlassen - und baut gerade sein drittes Startup auf. In dieser Zeit ist viel passiert: Mehrmals platzte die Finanzierung mit den Geldgebern, weil diese in letzter Minute absprangen. In Krisen-Momenten stand das Unternehmen kurz vor der Pleite, er musste irgendwann seinen besten Freund feuern, weil für seine Fähigkeiten kein Platz mehr im Unternehmen waren. Doch es gelang auch der erste Durchbruch, mit mehr als dreihunderttausend Euro Umsatz in nur wenigen Tagen.

Verbreitete Symptome: Schlafprobleme und Zähneknirschen

Leitloff hat seine Erfahrungen als Gründer nun in dem Buch "Keinhorn" aufgeschrieben (zusammen mit dem Autor dieses Artikels). Seine Abenteuer sollen ein Licht darauf werfen, wie es wirklich ist, ein Startup zu gründen. Bekannt sind bislang oft nur die großen Aufstiegsgeschichten von Unternehmern wie dem Tesla-Chef Elon Musk. Dabei ist das Leben von vielen Gründerinnen und Gründern hart: Sie tragen oft schnell eine große Verantwortung für ihr Team, Investoren vertrauen ihnen Millionen an und sie dürfen ihre Kunden nicht enttäuschen. "Über diesen Druck von allen Seiten wird in der Szene noch zu wenig geredet", sagt Leitloff.

Gerade über die existentiellen Momente nicht. Der Stilnest-Gründer hatte einen davon, als er sich im Keller seiner Eltern wiederfand. Am nächsten Morgen musste er einen potenziellen Geldgeber überzeugen, in Stilnest zu investieren - nur so war die Zukunft des Unternehmens zu retten. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass sein Masterstudium auf der Kippe stand, für das er einen 20.000-Euro-Kredit aufgenommen hatte. Und seine Beziehung, die sich gerade erst angebahnt hatte, schien kurz vor einem schnellen Ende zu stehen. "Die Welt krachte für mich damals kurz zusammen", sagt Leitloff.

Es hing so viel für ihn an dem jungen Unternehmen. "Meine Freunde und das Team zählte auf mich", sagt der Gründer. Die anderen Lebensfragen habe er ebenfalls klären müssen. Leitloffs größte Angst damals: dass er wieder im Keller seiner Eltern einziehen müsste - als Gescheiterter. Seine Eltern verstanden eh lange Zeit nicht, was er dort eigentlich machte und warum er keinen normalen Job als gutbezahlter Angestellter annahm. Wie viel Druck auf ihm lastete, habe er selbst lange verdrängt. Schlafprobleme und Zähneknirschen gehören zu den verbreiteten Symptomen in der Startup-Szene. Manche würden mit Sport Ausgleich schaffen, andere mit Alkohol.

Er würde es immer wieder tun

Leitloff will aber potenzielle Gründerinnen und Gründer nicht verschrecken, im Gegenteil."Der Weg war für mich erst keine Karriereoption", sagt Leitloff. Erst in seinem Studium bekam er mit, dass sich Kommilitonen selbständig machten und probierte es selbst. Ein realistischer Blick auf die Szene hätte ihm geholfen. Die Berichte über Gründer, die nur vier Stunden schlafen, seien eher ein Mythos. "Viele Geschichten dienen nur der Legendenbildung", sagt er.

Stattdessen habe es unglaubliche Momente gegeben, als die ersten Mitarbeiter vom andere Ende der Welt nach Berlin zogen, um für sein Startup zu arbeiten. Oder als das Unternehmen innerhalb von wenigen Tagen mehrere hunderttausend Euro Umsatz erzielte - und die Server wegen der Überlastung einbrachen. Sie schicken den Schmuck an Fans überall auf der Welt.

Für viele aus der Startup-Szene sei es ein Ziel, ihre Firma eines Tages für mehrere Millionen zu verkaufen - und auf einen Schlag reich zu werden. "Am Ende darf es nie die einzige Motivation sein", sagt Leitloff, denn die Wahrscheinlichkeit, dass das passiere, sei sehr gering. Vielmehr besteht der Reiz für ihn in der Selbstbestimmtheit. Und er würde es deshalb immer wieder tun. Trotz der Momente mit hungrigem Magen und Existenzängste.

Quelle: ntv.de