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Frage & Antwort, Nr. 217 Haben Schlafwandler Schutzengel?

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Klischeebild eines Schlafwandlers: Nachthemd, Zipfelmütze, Arme nach vorn und rauf aufs Dach.

Gila, pixelio

Immer wieder lese ich Meldungen von Menschen, die schlafwandelnd aus großen Höhen abstürzen und sich wie durch ein Wunder nicht oder nur geringfügig verletzen. Stürzen Schlafwandler anders als wache Menschen? Gibt es die sogenannte schlafwandlerische Sicherheit oder haben Schlafwandelnde einen Schutzengel? (fragt Bettina W. aus Bern)

Das menschliche Phänomen des Schlafwandelns scheint schon lange Zeit die Fantasie vieler Menschen anzuregen. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Geschichten und Mythen, die sich bis heute halten. So gehen manche Menschen davon aus, dass Schlafwandler mit einer besonderen Fähigkeit ausgestattet sind, wodurch sie sich beim Wandeln nicht verletzen. "Das ist ein Irrglaube, dass sich Schlafwandler bei Stürzen oder anderen Unfällen weniger verletzen als Nichtschlafwandler. Schlafwandler, die aus großen Höhen abstürzen und sich dabei nicht verletzen, haben einfach nur Glück", erklärt Claudio Bassetti, Präsident der Europäischen Schlafgesellschaft. Er schließt damit gleichzeitig Schutzengel oder die sogenannte schlafwandlerische Sicherheit kategorisch aus. Tatsächlich gibt es jedes Jahr sogar mehrere Todesfälle durch Schlafwandeln. "Bei uns sind Schlafwandler militärdienstunfähig", ergänzt der Experte aus der Schweiz.

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Prof. Dr. Claudio Bassetti ist Präsident der Europäischen Schlafgesellschaft.

(Foto: Remy Steinegger)

Schlafwandeln wird auch als Somnambulie bezeichnet. Dabei sind die Betroffenen in einem sogenannten dissoziativen Zustand - das bedeutet, sie zeigen Merkmale von Wachheit, aber auch von Schlaf. Der Körper ist in diesem Zustand quasi schon wach und das Gehirn, zumindest einige Teile davon, befindet sich noch im Schlaf. Aus diesem Grund ist es auch so schwierig, Schlafwandler während einer sogenannten Episode zu wecken. Experten raten auch davon ab, weil Schlafwandler entweder aggressiv reagieren, da sie ja nicht bei vollem Bewusstsein sind, oder auch sich selbst in gefährliche Situationen bringen, da sie sich nach dem Erwachen erschrecken und orientierungslos sein könnten. Kinder sollten sanft wieder ins Bett geführt werden.

Die Forscher gehen davon aus, dass Schlafwandler an einer Aufwachstörung leiden, die oftmals genetisch bedingt ist und durch eine Fehlsteuerung des Nervensystems entsteht. Aber auch andere Krankheiten wie beispielsweise Epilepsie können zum Schlafwandeln führen. Kinder sind mit knapp 80 Prozent wesentlich häufiger betroffen als Erwachsene (bis zu 2,5 Prozent). Es hängt wahrscheinlich mit der Reifung des Gehirns zusammen, denn die Mehrzahl der Heranwachsenden hört während der Pubertät auf, schlafzuwandeln.

Schlafwandler haben starre Gesichter

Die Erscheinungsformen des Schlafwandelns sind vielfältig und nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch von Nacht zu Nacht verschieden. In den banalsten Fällen des Schlafwandelns setzt sich der Betroffene ein- oder mehrmals in der Nacht auf, um sich dann umzudrehen, wieder hinzulegen und weiterzuschlafen. In den schlimmsten Fällen können Schlafwandler nicht nur sich selbst, sondern auch Mitmenschen ernsthaft gefährden. So ist es sogar schon zu Vergewaltigungen und Morden während des Schlafwandelns gekommen. Aber solche aggressiven Verhaltensweisen sind ganz selten und eher die Ausnahme.

Aktive Schlafwandler haben geöffnete Augen, vermeiden jedoch den direkten Blickkontakt. Ihr Gesicht ist eher ausdruckslos beziehungsweise maskenhaft. Schlafwandler können sprechen und sogar auf Fragen antworten. Sie artikulieren sich dabei jedoch ziemlich schlecht und ein echtes Gespräch entsteht nur ganz selten. Auch die Bewegungen dieser Menschen sind eher vorsichtig und unsicher. Während einige Schlafwandler Gegenständen ausweichen können, fallen andere sogar über die Teppichkante und verletzen sich dabei. Es sind sogar schon gierige Essanfälle, das Bedienen von Maschinen oder Autofahrten bei ihnen beobachtet worden.

Schlafwandler leben gefährlich

Weil es weder Schutzengel noch eine "schlafwandlerische Sicherheit" gibt, sollten sich Schlafwandler unbedingt bei einem Spezialisten vorstellen. Medizinern stehen eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung, die jedoch nicht bei jedem Patienten gleich wirksam sind. "Einige davon können die nächtlichen Episoden sogar fördern. Aus diesem Grund müssen die Medikamente unter ärztlicher Anleitung erst ausprobiert werden", sagt Bassetti. Außerdem sollten sich Schlafwandler über mögliche Sicherheitsmaßnahmen beraten lassen. Das Abschließen von Fenstern und Türen gehört beispielsweise dazu. Im schlimmsten Fall werden Betroffene nachts am Bett fixiert.

Die beste Prävention für Schlafwandler allerdings ist ein geregelter Wach-Schlaf-Rhythmus, eine vertraute und ruhige Schlafumgebung und ein stressfreier Alltag. Krankheiten mit Fieber, Alkoholkonsum, Übermüdung und Stress können die Episoden verstärken.

Sind Schlafwandler Mondsüchtige?

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Schlafwandler scheinen vom Licht angezogen zu werden - auch von dem des Vollmondes.

(Foto: picture alliance / dpa)

Einige Schlafwandler neigen tatsächlich dazu, sich auf die hellste Lichtquelle in der Umgebung geradlinig zuzubewegen. In Zeiten vor der Einführung flächendeckender Straßenbeleuchtungen und hell erleuchteten Reklamewänden war der Vollmond die hellste Lichtquelle in der Nacht. In Zeichnungen und Überlieferungen wird geschildert, dass sich Personen direkt auf den Vollmond zubewegt haben und dafür sogar auf Dächer oder Bäume geklettert sind. Aus diesem Grund wurden Schlafwandler auch als Mondsüchtige bezeichnet. Experten vermuten, dass Schlafwandler auf das Licht zustreben, um ihre Orientierungslosigkeit abzumildern.

Übrigens: Auch die Annahme, dass Schlafwandler während ihrer nächtlichen Streifzüge beide Arme ausgestreckt nach vorn halten, ist ein Mythos. Durch Unsicherheit und Orientierungslosigkeit können die Körperbewegungen eines Schlafwandlers aber tatsächlich an einen Balancierenden erinnern.

Quelle: n-tv.de

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