Frage & Antwort

Frage und Antwort, Nr. 347 Wie ist Sprache entstanden?

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Die Sprache des Menschen hat sich parallel zu seinem Gehirn entwickelt.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Wie kam es zur Sprache? Wer hat sie erfunden? Und warum gibt es verschiedene Sprachen und nicht eine große Weltsprache? (fragt Kevin M. aus Durach)

"Die erste Form von menschlicher Sprache entstand auf der Basis der Kommunikation von Primaten", sagt Christian Lehmann, ehemaliger Professor für Sprachwissenschaften an der Universität Erfurt auf die Leserfrage. Zunächst hatte die Sprache eine rein beschreibende Wirkung. Man sagte, was man sah. Satzbau oder Grammatik gab es noch nicht. Homo erectus, eine Art des Urmenschen, die vor über einer Million Jahren lebte, begann die tierischen Lautsysteme zu verfeinern und deren Gebrauch zu intensivieren. Diese Kommunikationsform dürfte jedoch auf die Organisation des Alltags beschränkt gewesen sein. Bis zur Entwicklung einer ausgefeilten Sprache, wie wir sie heute kennen, verging noch viel Zeit. Wie viel genau, darüber scheiden sich die Geister: Manche Forscher verorten die erste komplexe Sprache vor etwa 500.000 Jahren, Lehmann geht von nur 100.000 Jahren vor unserer Zeit aus.

Erst denken, dann sprechen

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Die menschliche Sprache hat sich über Millionen Jahre entwickelt.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Der Sprachwissenschaftler erklärt, was eine menschliche Sprache von tierischer Kommunikation unterscheidet: Genau wie Menschen können viele Tiere relativ komplexe Botschaften austauschen. Aber: "Wenn Tiere miteinander kommunizieren, können sie das nur im Rahmen der direkten Sprechsituation. Eine Biene kann einer anderen von einer Blume erzählen, die sie gefunden hat, aber nicht von etwas Fiktivem oder Zukünftigem", so Lehmann.

Für den Experten ist diese Fähigkeit die Grenze zwischen bloßer Kommunikation und einer Sprache. Das heißt: Reden an sich ist nur eine höhere Stufe von Tierlauten. Was die Sprache ausmacht, ist die Möglichkeit, Irreales zu formulieren. Das können die meisten Tiere jedoch nicht. Die besondere Sprachfähigkeit des Menschen hat sich demnach gemeinsam mit seiner geistigen Entwicklung vollzogen. So läuft es übrigens auch beim einzelnen Menschen: Ein Kind muss lernen, abstrakt zu denken, erst dann kann es abstrakt reden. Andererseits kann es abstrakte Gedanken erst durch die Sprache ausdrücken. Sprechen und Denken bedingen also einander.

Für den frühen Menschen war die abstrakte Sprache ein evolutionärer Vorteil: In einer sozialen und damit deutlich komplexeren Lebenswelt war eine höhere Form der Kommunikation notwendig, um das Zusammenleben zu organisieren. Nur auf Basis von abstraktem Denken und Sprechen lassen sich zum Beispiel Regeln festlegen oder gemeinsames Vorgehen, wie zum Beispiel die Taktik bei einer Jagd, abstimmen.

Gibt es eine Ursprache?

Heute werden über 6000 Sprachen auf der Welt gesprochen. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler sind sie alle aus einer Ursprache entstanden. Dazu sagt Lehmann: "Nach der gängigsten Theorie ist die frühe Menschheit aus Afrika ausgewandert. Es ist gut möglich, dass sie da bereits eine Sprache hatte." Diese hätte sich dann in verschiedene regionale Formen aufgeteilt, aus denen über die Jahrtausende die heutigen Sprachen entstanden sind.

Diese These unterstützt auch der US-amerikanische Linguist Merritt Ruhlen. Er behauptet, in Sprachen überall auf der Welt verwandte Wortwurzeln festgestellt zu haben, die er als Überbleibsel jener Ursprache interpretiert. "Die Sprachen teilen offensichtlich eine gemeinsame Herkunft", sagt er. Alle heutigen Sprachen waren demnach ursprünglich nur regionale Dialekte. Über die Jahrtausende haben sie sich weiterentwickelt. Heute sind kaum noch Gemeinsamkeiten zu erkennen.

Es gibt auch Experten, die an der Theorie einer Ursprache zweifeln. Sie gehen davon aus, dass sich komplexere Formen der Kommunikation erst nach der Auswanderung des Menschen aus Afrika gebildet haben.

Weil die Vielzahl an Sprachen die Kommunikation erschwert, werden immer wieder Rufe nach einer Weltsprache laut. Dennoch konnte sich bisher keine Sprache als internationale Norm durchsetzen. Das bekannteste Beispiel für einen solchen Versuch war Esperanto, das heute nur von einer kleinen Gruppe als Hobby gesprochen wird.

Übrigens: Nicht nur Menschen können ihre Sprache einsetzen, um Fiktives zu erzählen. Forscher konnten einen jungen Pavian beobachten, der bewusst log: Der Affe missbrauchte einen Warnruf, um als rangniedrigeres Tier an einen Leckerbissen zu kommen. Dieses Verhalten belegt, dass der Pavian sich in andere hineinversetzen und ihr Verhalten verhersehen konnte. Damit hat er zwar die geistigen Voraussetzungen für komplexes Denken, aber nicht die anatomischen Fähigkeiten zum Sprechen. Affen können nämlich ihre Stimmbänder und Kehlkopfmuskeln nicht gut genug koordinieren.

Quelle: n-tv.de

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