Frage & Antwort

Frage & Antwort Wieso klingen Zahnarzt-Bohrer so schaurig?

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Riesig, dafür aber geräuschlos: das Modell eines Zahnarzt-Bohrers im Haus der Natur in Salzburg.

(Foto: imago stock&people)

Da kann ein Zahnarzt noch so nett und kompetent sein - man ist froh, wenn man seine Praxis nicht von innen sieht. Ein Loch im Zahn zu reparieren, ist unangenehm für Patienten. Schon allein dieses Geräusch beim Bohren ... Muss das sein?

Kaum betritt man die Zahnarzt-Praxis, hat man es auch schon in den Ohren: dieses grässlich hohe Surren des Bohrers. Es gehört zu den unbeliebtesten Geräuschen überhaupt, vielen Menschen jagt es eine Gänsehaut über den Rücken. Der Fluchtimpuls ist stark, aber Kneifen gilt nicht, das Loch im Zahn muss schließlich weg. Also Platz genommen auf dem Hightech-Sessel, schicksalsergeben, und … Spritze, bitte. Das ist schonmal die halbe Miete. Aber eben nur die halbe. Denn dann startet der Bohrer, dessen Dauerton durch Mark und Bein geht. Warum nur muss der so scheußlich klingen?

Pure Technik. Und zwar eine, über die man durchaus ins Schwärmen geraten kann: Wie Alexander Lehnartz sagt, schafft die Turbine (so heißt dieser Bohrer) bis zu 500.000 Umdrehungen pro Minute. "Dafür muss eine Gerätschaft auch einmal lauter werden", findet der Zahnarzt aus Münster. Er selbst nennt die Turbine "Kreischer". So richtig schön findet also auch Lehnartz das Geräusch nicht. Kein Wunder: Bei unseren Verwandten in der Urzeit wiesen schrille Töne oft auf Gefahr hin. Das hat sich das menschliche Gehirn bis heute gemerkt. So reagiert es bei Tönen zwischen 2000 und 5000 Hertz weiterhin mit einem Alarmsignal - selbst wenn die Situation harmlos ist. In diesen Frequenzbereich fällt auch der Turbinenbohrer.

Der Rosenbohrer rumpelt

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Das Buch ist bei LV-Buch Münster erschienen und kostet 19,95 Euro.

Und egal wie er klingt: Lehnartz weiß zu schätzen, was dieser Bohrer leistet. Denn nein, ein Zahnarzt bohrt nicht aus Spaß an der Freud‘, sondern weil es sein muss – aus folgendem Grund: Kariesbakterien breiten sich im Zahn weiter aus als man zunächst sehen kann. "Den Eisbergeffekt gibt es auch bei Karies", sagt Lehnartz. "Das Loch im Zahn selbst ist insgesamt viel größer als es von außen scheint." Deshalb also steckt der Zahnarzt auf die Turbine einen diamantgeschliffenen Bohraufsatz, einen Schleifkörper. Irre schnell drehend, vergrößert dieser Schleifkörper die sichtbaren Kariesschlupflöcher zu einer Höhle – so weit, bis alle kariesbefallenen Zahnteile weggefräst sind und außerdem die Füllung im Loch gut halten kann.

Doch komplett überstanden ist die Bohrerei an dieser Stelle noch nicht. Für die Feinheiten ist eine Nachbearbeitung nötig. Immerhin ändert sich jetzt die Akustik: Der Rosenbohrer kommt. Er pfeift nicht hoch, sondern lässt es von der Mundhöhle bis in die Ohren rumpeln. "Es sind nur noch 25.000 Umdrehungen, statt wie vorher bei der Turbine 500.000", erklärt Lehnartz das neue Geräusch und sagt auch gleich, warum der Rumpler zum Einsatz kommt: Seine Keramik-Schäufelchen entfernen die weiche Karies. "Wenn so viel weg ist, dass die verbleibende Zahnoberfläche matt speckig glänzt, dann weiß ich: Die Karies ist weg." Und dann ist wirklich das Schlimmste überstanden.

"Ein Star mit vielen Talenten"

Lehnartz weiß, wie schwer es vielen Menschen fällt, zum Zahnarzt zu gehen. Um Vertrauen zu schaffen und den nächsten Zahnarzt-Besuch zu erleichtern, hat er zusammen mit Cornelia Höchstetter ein Buch geschrieben: "Doc Alex‘ wunderbare Welt der Zähne" beantwortet kurzweilig und humorvoll zahlreiche Fragen rund um unsere Kauwerkzeuge und die Zahnarzt-Praxis. Dabei kommen die Autoren auch auf die Bohrer-Geräusche zu sprechen.

Außerdem verraten sie zum Beispiel, ob Bienenwachs gegen Mundgeruch hilft, warum Zähne im Alter gelber werden und ob ein Apfel das Putzen ersetzt. Auf verständliche Weise beschreiben Lehnartz und Höchstetter, warum jeder Zahn "ein Star mit vielen Talenten" ist. Sie widmen sich dem Schreckgespenst Karies sowie der Dreiecksbeziehung zwischen Zahn, Gesundheit und Ernährung. Und dann ist da noch die Angst vor dem Zahnarzt und was man dagegen tun kann... Nina Eckes hat die 168 Seiten liebevoll und informativ bebildert. Und so gelingt es dem Buch tatsächlich, dass man herzlich lachen kann, wenn man an den Zahnarzt denkt.

Übrigens: Formel 1-Rennen hören sich eigentlich auch nicht besser an als der Zahnarzt-Bohrer. Vielleicht hilft der Gedanke an den letzten Grand Prix beim nächsten Praxis-Termin. Musik aufs Ohr könnte auch eine Lösung sein. Und dann: Augen zu und durch. Denn Zähne zusammenbeißen ist ausnahmsweise mal keine gute Idee…

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Quelle: n-tv.de

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