"Haudegen mit Vollgummi"110 Jahre erste Autofernfahrt
1894 zuckelten Theodor Baron von Liebieg und Franz Stransky mit 5 PS in einem Benz-Viktoria-Wagen vom böhmischen Reichenberg (Liberec) über Mannheim nach Gondorf bei Koblenz.
Scheuende Pferde, erschreckte Fußgänger und nervende Pannen: 1894 zuckelten Theodor Baron von Liebieg und Franz Stransky mit 5 PS in einem Benz-Viktoria-Wagen vom böhmischen Reichenberg (Liberec) über Mannheim nach Gondorf bei Koblenz. Rund 200 Liter Benzin und 1500 Liter Kühlwasser verbrauchten die Autopioniere auf den 939 Kilometern.
Dieses Abenteuer gilt heute als erste internationale Autofernfahrt der Welt. Zu ihrem 110-jährigen Jubiläum im Sommer 2004 wollen deutsche und tschechische Oldtimerfreunde erstmals die Strecke mit historischen Autos nachfahren.
Zwar hatte bereits 1888 Bertha Benz, die mutige Frau des Auto- Erfinders Carl Benz, dessen dreirädriges Erstlingswerk von Mannheim nach Pforzheim und zurück gesteuert. Doch dies waren "nur" jeweils rund 100 Kilometer innerhalb des Deutschen Reiches gewesen. Dokumente, die dagegen eine internationale Autofernfahrt vor 1894 belegen, seien nicht bekannt, sagt Wolfgang Rabus vom DaimlerChrysler Konzernarchiv in Stuttgart.
Die "Baron von Liebieg-Gedächtnisfahrt" ist vom 18. bis 25. Juli 2004 geplant. Auch Liebieg und Stransky waren seinerzeit im Juli in sieben Tagen von Böhmen an die Mosel gefahren. "Wir wollen nur Autos zulassen, die vor 1914 gebaut worden sind, und ihre Zahl auf etwa zehn beschränken", erklärt der Initiator Volker Haas aus Lahnstein bei Koblenz. Sein Mitstreiter Gert Stens aus dem nahen Fachbach ergänzt: "Wir suchen auch einen originalen Benz-Viktoria. Zur Not fährt er nur auf einem Anhänger mit."
Baron von Liebieg (1872-1939), Spross einer bedeutenden Textilfabrikanten-Familie, war 1893 mit 21 Jahren eigens nach Mannheim gereist, um von Carl Benz einen "pferdlosen Wagen" zu kaufen. Dann erwarb Liebieg einen der ersten Führerscheine im deutschsprachigen Raum und brauste begeistert durch seine Heimatstadt. Zu seiner Idee einer Reise zum Schloss seiner Mutter in Gondorf an der Mosel bemerkte Benz misstrauisch, bei einer so langen Fahrt könne er für den Viktoria keine Garantie übernehmen.
Dennoch brachen Liebieg und der Arzt Stransky am 16. Juli 1894 auf. Ihre Durchschnittsgeschwindigkeit während der 69 Fahrstunden betrug 13,6 Kilometer pro Stunde. Dem tschechischen Historiker Petr Kozisek zufolge verursachten sie derart große Menschenaufläufe, dass die Polizei sie in Dresden und in Erfurt aus der Stadt auswies. In Eisenach verwehrte ihnen ein Gastwirt eine Übernachtung - aus Angst vor einer Benzinexplosion. In Mannheim empfing sie Carl Benz ergriffen mit den Worten: "Ich wagte nicht zu hoffen" und spendierte seinen rund 50 Arbeitern ein Fass Bier.
In Gondorf verbrachten Liebieg und sein Freund Stransky einen ganzen Monat, unterbrochen von einem langen Ausflug nach Reims in Frankreich. Bei ihrer Rückkehr nach Reichenberg am 31. August 1894 - wieder über Mannheim - hatten sie rund 2500 Kilometer zurückgelegt.
Die Motive für eine Oldtimer-Rallye auf ihren Spuren sind nach Worten von Haas "die Liebe zu alten Autos, Abenteuerlust und der Ehrgeiz, das Gleiche zu schaffen wie Liebieg und Stransky". "Das waren echte Haudegen mit Vollgummireifen." Haas will sich mit seinem Renault AX von 1906 und Stens mit seinem amerikanischen Runabout von 1912 auf die nostalgische Reise machen.
Für die Routenplanung sind die beiden die Strecke mit modernen Autos abgefahren. "Wir haben immer Nebenstraßen ohne Ampeln und ohne zu große Steigungen gesucht", berichtet Haas. Auf den historischen Umweg über Mannheim verzichten die Oldtimer-Fans. Pannen wie platzende Reifen und abbrechende Gussteile kalkulieren sie ein. Dafür begleitet sie der Kfz-Meister Werner Schwarz aus Vallendar bei Koblenz. Erfahrungen mit Abenteuern dieser Art haben Haas und Stens bereits: 1992 tuckerten sie mit Oldtimern vom russischen St. Petersburg durch das Baltikum und Polen nach Deutschland.
Bei der "Baron von Liebieg-Gedächtnisfahrt" will nach eigener Aussage auch Paul Ernst Freiherr von Liebieg, der Enkel des Autopioniers, mitfahren. Der 73-jährige Textilkaufmann, der im hessischen Bad Soden-Salmünster lebt, hatte als Kind seinen Großvater noch als bedeutenden Textilfabrikanten erlebt: "Zu der Zeit ist er aber längst chauffiert worden."