Unterhaltung
Video

Der Starman sagt "Goodbye": Berlin war David Bowies Rettung

Von Volker Petersen

Er war Ziggy Stardust, er war der Typ im Maßanzug, er war der grell geschminkte Glam-Rocker - David Bowie war das Chamäleon der Popmusik. Mit Deutschland verband den Sänger eine besondere Beziehung - seine Karriere erlebte in Berlin ihren Wendepunkt.

Dieser türkise Anzug, diese wasserstoffblonden Haare, die exaltierten Tanzbewegungen - als David Bowie Ende Juni 1983 auf die Bühne des Londoner Hammersmith Odeon tritt, ist er ganz bei sich. Er reitet auf der größten Welle des Erfolges, er zählt zu den "Heroes" unter den Popstars, es gibt etwas zu feiern, "Let's dance" ruft er. Es ist der Höhepunkt seines Erfolges, den er in dem kleinen Londoner Theater mit gut 2000 Zuschauern teilt, ein Höhepunkt einer weltweiten Stadiontour, auf der er nur ein paar Wochen zuvor das Londoner Wembley-Stadion dreimal hintereinander ausverkaufte. Der glamouröse, verrückte und einst drogensüchtige Superstar feiert die grandiose Rückkehr auf seine Weise: Er spendet die Erlöse für ein Sozialprojekt im Londoner Arbeiterviertel Brixton - dort wo alles begann, dort wo David Bowie als David Robert Jones am 8. Januar 1947 zur Welt kam.

Little Richard.
Little Richard.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Seine Kindheit gilt als einfach, aber behütet. Bis zu diesem Tag irgendwann 1956: "Ich hatte Gott gehört", sagte Bowie später über den Moment als sein Vater ihm seine erste Platte schenkte: "Tutti Frutti" von Little Richard. Und Gott sprach: "A-wop-bop-a-loo-lop a-lop-bam-boo" - damit dürfte dem jungen David klar geworden sein, dass im Rock'n'Roll alles möglich ist. So saugt er auf, was er bei seinem älteren Bruder Terry entdeckt: Jazz, Beat-Poeten und im Radio sang dazu jemand mit seiner Band, den er später als seinen "größten Mentor" bezeichnen sollte: John Lennon. Schon als 13-Jähriger zieht er mit Terry in Soho um die Häuser, besucht Konzerte und Partys.

David ist 15 Jahre alt, als er seine erste Band gründet, die sogar eine Single aufnimmt. Die floppt allerdings, genauso wie sein nächster Versuch, mit einem Song Erfolg zu haben, diesmal ohne Band. "Ich wollte immer mehr als ein Mensch sein. Ich fühlte mich sehr winzig als Mensch. Ich dachte: 'Fuck that, ich will übermenschlich sein", erklärte er später einmal. Er tummelt sich auf den Bühnen Londons, unter anderem trifft er dort den Pantomimen Lindsay Kemp, der ihn auf Ideen bringt. Bowies Shows werden interessanter, vielseitiger, besser. Und der kleine David gibt sich einen neuen Namen: David Bowie - nach einem Pionier im Wilden Westen.

Durchbruch mit Ziggy Stardust

David Bowie 1972.
David Bowie 1972.(Foto: AP)

In Tony Visconti findet Bowie einen Verbündeten. Der war damals Produzent der Glamrock-Band T-Rex, mit dessen Sänger Marc Bolan Bowie befreundet war. Auch Bowie und Visconti freunden sich an und arbeiten am zweiten Solo-Album David Bowies. Das erste war - wieder einmal - gefloppt. In dieser Zeit schließt sich auch der Gitarrist Mick Ronson dem ehrgeizigen Sänger an, der ihm jahrelang die Treue halten wird. Der Durchbruch kommt dann endlich 1972. Das Album "The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars" passt perfekt in die Zeit: Weltraumbezüge, ein schrilles Bühnenoutfit, melodischer Rock - und eine neue Rolle. "Ich hatte meinen Charakter gefunden, ich hatte meinen Helden gefunden", sagte Bowie später über Ziggy Stardust. "Ich wurde mein eigener Doppelgänger. Dann begann ein Weg chaotischer psychologischer Zerstörung".

Die folgenden Jahre erlebt Bowie wie im Rausch - angetrieben von reichlich Kokain landet er weitere Hits und arbeitet auch mit anderen Künstlern zusammen - darunter Lou Reed, Mott the Hoople und vor allem John Lennon. Mit dem Ex-Beatle freundet sich der Londoner sogar an, 1975 erscheint die gemeinsame Single "Fame". Doch in dem Song singt er: "Fame puts you where things are hollow" - die Leere nach dem Ruhm macht dem Sänger zu schaffen, die Drogen werden zum Problem. Sein Wohnort Los Angeles droht ihn zu ruinieren, finanziell, künstlerisch und seelisch. Schließlich findet er in der Stadt Rettung, die damals wohl der größte denkbare Gegensatz zur kalifornischen Metropole gewesen sein dürfte: im düsteren von der Mauer geteilten Berlin. Mit dem Gedanken hatte er schon länger gespielt - die Stadt sei ihm wie ein Ruheort, eine Schutzzone vorgekommen. "Es war einer der wenigen Orte, an denen ich mich in Anonymität bewegen konnte. Außerdem war es günstig, dort zu leben, denn ich war beinahe pleite."

Bowie bei einem Auftritt 1975.
Bowie bei einem Auftritt 1975.(Foto: RTN / MediaPunch/MediaPunch/IPx)

Nach einem kalten Entzug greift er wieder an. Er zieht in eine Wohnung über einer Autowerkstatt an der Hauptstraße in Schöneberg, taucht ein in die Kultur vor Ort, geht auf Konzerte und in Ausstellungen. Schließlich macht er auch wieder Musik: In den heute legendären Hansa-Studios nimmt er seine drei erfolgreichsten Alben auf, die bis heute das Bild von ihm prägen: "Low", "Heroes" und "Lodger". Im Song "Heroes" erzählt Bowie die Geschichte zweier Liebender, die sich im Schatten der Berliner Mauer treffen. Kritiker bezeichnen die Alben heute als seine besten - vor allem bringen sie Bowie zurück in die Spur, machen ihn fit für das Jahrzehnts des hedonistischen Pops: die 80er. Auch andere Künstler folgen ihm nach Berlin, etwa Brian Eno und Iggy Pop, dessen Song "Lust for Life" er produziert - ein programmatischer Titel.

Queen, Marlene Dietrich und Let's Dance

Mit dem Rückenwind aus Berlin stürzt sich Bowie zurück ins Geschäft, so spielt er in Marlene Dietrichs letztem Film mit ("Schöner Gigolo, armer Gigolo") und spielt mit Queen die Single "Under Pressure" ein, die ein großer Hit in Großbritannien wird. Es läuft gut für Bowie - und so verwundert der Titel seines nächsten Albums nicht: Es heißt "Let's Dance" und erscheint 1983. Die gleichnamige Single wird ein Nummer-1-Hit in den USA, wo sie mit Michael Jacksons "Billy Jean" konkurriert und auch der Song "China Girl" wird ein unzerstörbarer Radiohit. Die dazugehörige Welttournee "Serious Moonlight" führt ihn um die ganze Welt. Es ist die größte und erfolgreichste Tour, die Bowie jemals erlebte.

Bowie bei Live Aid 1985
Bowie bei Live Aid 1985(Foto: AP)

Diesmal kommt Bowie mit dem Erfolg besser zurecht - allerdings wird es ruhiger. Beweisen muss das "Chamäleon der Popmusik" nichts mehr. In den 80ern lebt er von seinem Ruhm, in den 90ern macht er mit innovativen Projekten auf sich aufmerksam. So betreibt er als einer der Ersten eine eigene Webseite, im Album "Earthling" gibt er sich modern mit Drum-and-Bass-Klängen. Längst ist er zu seiner eigenen Marke geworden, jeder weiß etwas mit ihm anzufangen. Das Londoner Victoria and Albert Museum widmet ihm 2013 dann eine umfangreiche Ausstellung, die ihn als das würdigt, was er war: ein unfassbar kreativer, unfassbar vielseitiger Künstler, der immer wieder den nächsten Schritt gemacht hat und Generationen von Musikern inspiriert hat.

Hommage an Berlin

Im gleichen Jahr veröffentlicht Bowie auch mal wieder eine Single - es ist eine Hommage an die Stadt, die ihm neues Leben gegeben hat: Berlin. In "Where are we now" singt er über den Potsdamer Platz und andere Orte in seiner einstigen Wahlheimat - mit dem zugehörige Album "The Next Day" schafft er etwas, das ihm bislang noch nie gelungen war. Er erreicht Platz eins der deutschen Charts. Wie immer war das nächste Album bereits in Planung. Zu seinem 69. Geburtstag erschien "Blackstar", drei Tage vor seinem Tod. Im Refrain heißt es:

Something happenend on the day he died

Spirit rose a metre and stepped aside

Somebody else took his place, and bravely cried.

I'm a blackstar, I'm a blackstar.

In diesen Zeilen dürfte sich der Sänger geirrt haben - seinen Platz wird niemand einnehmen und das Licht seines Sterns wird noch lange weiterleuchten.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen