"Die Zwei" reloadedJauch mit (Gott)Schalk im Nacken

Von wegen Jugendwahn! Der 63-jährige Thomas Gottschalk und der nur sechs Jahre jüngere Günther Jauch moderieren eine Sendung, auf die ganz Deutschland gewartet hat. Super, dass es am Montag in den meisten Teilen Deutschlands geregnet hat, da konnte man ja wirklich mal vor dem Fernseher sitzen bleiben.
Wenn wir "Die Zwei" bei Wikipedia suchen, dann bekommen wir folgende Antwort: "Die zwei charakterlich sehr gegensätzlichen Hauptfiguren der Krimiserie sind der eher flapsige amerikanische Geschäftsmann Danny Wilde, aus der New Yorker Bronx stammend, und der etwas steife Engländer Lord "Lordchen" Brett Sinclair aus alter Adelsfamilie. Beide langweilen sich als Millionäre und Playboys, bis sie beginnen, im Auftrag des pensionierten Richters Fulton Kriminalfälle zu lösen, deren Akten noch nicht geschlossen werden konnten." Aber halt! Stopp mal, das sind ja andere "Die Zwei", das sind ja Tony Curtis und Roger Moore, die uns nachhaltig in Erinnerung geblieben sind, weil sie in einer Serie mitgewirkt haben, die in der Synchronisation besser angekommen ist als im Original.
Wenn wir das Ganze nun aufs heutige deutsche Fernsehen übertragen, dann sind das zwei ganz andere Supernasen, dann kann es sich bei "Die Zwei" nur um Thomas Gottschalk und Günther Jauch handeln. Auch sie bedienen die Prädikate "flapsiger Geschäftsmann" und "eher steifer Adliger" ganz gut, der Richter ist modernerweise eine Frau - Barbara Schöneberger - und sie lösen zwar keine Kriminalfälle, aber sie unterhalten das Publikum auf gar nicht mal so üble Weise. So geschehen am Montagabend bei RTL, als das Herbstwetter das deutsche Sommermärchen zu beenden drohte und die fernsehentwöhnte Nation es sich mal wieder so richtig schön gemütlich vor der Glotze machen wollte. Und was soll man sagen? Es war herrlich. Denn der Montagabend hatte plötzlich etwas ganz Samstagabendliches.
Das Setting allerdings diente eher der Untermalung: Es sollte "gegen Deutschland", gegen "alle", gespielt werden. Nun ja, das war einen Versuch wert, Deutschland stellte sich jedoch wesentlich schlechter an als die beiden Show-Dinos. Es war eine Ratesendung, in der es oft um Schätzfragen ging - und in der der eine Moderator deutlich mehr zu Hause war als der andere: Der Herr Jauch, sonst immer seine Moderationskarten bei "Wer wird Millionär?" knetend, saß auf dem heißen Stuhl, zur Unterstützung hatte er seinen alten Kumpel - bereits aus Radiozeiten - Tommy Gottschalk dabei.
Sleep well in your Bettgestell
Nein, an Schlaf war nicht zu denken, denn die beiden, angeleitet und zurechtgewiesen von der großartigen Frau Schöneberger, donnerten ein Funken sprühendes Feuerwerk an Spontanitäten ab, dass man kaum an eine Live-Sendung glauben mochte - wer sich noch gruselnd an das letzte "Sommer-Wetten, dass..?" erinnerte, wurde eines Besseren belehrt. Da saßen zwei, die sich blind verstanden und die die Arena der 500 Studio-Gäste nutzten, um zu zeigen, dass die um die 60-Jährigen auf keinen Fall zu der werbeirrelevanten Zielgruppe gehören, zu der man in Deutschland ja bereits ab 49 gehört. Theoretisch. Denn Herr Jauch und Herr Gottschalk hatten eine Menge zu sagen - sich, und dem Rest der Nation. Gottschalk, ungewöhnlich handzahm gekleidet, und Jauch, ungewöhnlich lässig, bewiesen, dass Sprücheklopfen keine Selbstverständlichkeit der Jugend sein muss. "Ein paar Leute haben wir schon weggekegelt", gestand der Günther, und Tommy legte nach: "Die Hauptsache für mich ist, dass ne Blondine dabei ist." Die Sendung könnte daher auch locker in "Die Drei" umbenannt werden, denn Barbara Schöneberger, jene Blondine, die behaupten darf, "den Fuß hab’ ich jetzt in der Tür, die Hunziker (Anm.d.Red.: Gottschalks Ex-Assistentin) ist ja hochschwanger", hat gezeigt, dass ihr enges Kleid ihr durchaus nicht die Luft zum Atmen und Witzeln genommen hatte. Wir erfuhren daher, dass die beiden Herren sich schon ewig kennen, der Jauch total beeindruckt war Ende der 70er Jahre, weil der Gottschalk da bereits einen eigenen Tiefgaragenplatz beim Bayerischen Rundfunk hatte ("Der hat’s geschafft") , und der Gottschalk wiederum eine viel strengere Frisur als der Günther und Strickkrawatten trug. An eine Show-Karriere war noch nicht zu denken.
Der Schlaue und der Hübsche
Beide Herren jedenfalls interessierten sich schon immer für Autos, bedingt für Fußball und für Frauen mit dem Namen Thea. Sie erzählten ihre Schwänke aus der Jugend in dieser "Hoppla, jetzt komm ich"-Art, die wir an dem ehemaligen "Wetten, dass ..?"-Moderator Gottschalk so schätzen und die wir doch irgendwo vermisst haben. Jauch und Gottschalk frotzelten sich gegenseitig zu Höchstleistungen, die in einem kurzen Rückblick auf die Karrieren der beiden begannen, sich über echte Teamarbeit fortsetzten ("Wenn’s intellektuell wird, dann ist der Günther dran, ich mach’s eher so aus dem Bauch") und darin endeten, dass Herr Jauch später tatsächlich minutenlang an einer "Helikopter-Kufe" hängen musste. Währenddessen durfte Gottschalk beweisen, dass er doch nicht nur aus dem Bauch handelt, sondern auch etwas im Kopf hat, nämlich indem er Fragen zu allerlei, zugegeben nicht allzu schwierigen Themen, beantworten musste.
Der ehemals unglückliche Teenager Jauch, heute einer der reichsten Potsdamer und Hobby-Winzer, und der stets saloppe Lockenkopf und Teilzeit-Amerikaner Gottschalk, sind ein Ideal-Paar. Sollte man sich in letzter Zeit sowohl bei dem einen als auch bei dem anderen ab und an gefragt haben, ob er eventuell seinen Zenit schon überschritten haben mochte, wurde der Zuschauer bei "Die Zwei – Gottschalk und Jauch gegen Alle" eines Besseren belehrt. Okay, die Schalte zu Otto Waalkes war eine technische Katastrophe, und auch der Henry Maske musste anscheinend mal wieder entstaubt werden, aber erstaunlich wenig "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Darsteller waren anwesend und auch das Thema "Scripted Reality" war ganz weit weg. Dass der Tommy auch noch von den ganz jungen Zuschauern erkannt wird, verdankt er sicher seiner Schwäche für Gummibärchen und anderen gelatinehaltigen Naschwaren, und der Herr Jauch ist inzwischen einfach der Wissenstester für alle Altersklassen. Jauch, der früher Hosen trug, die gut das Testbild einer Fernsehanstalt hätten dienen können, blühte förmlich auf an der Seite seines alten Kumpels, und dieser nahm allen Unkenrufern den Wind aus den Segeln, indem er sich über seine eigenen Schwächen lustig machte ("Ich hab’ immerhin noch keiner Frau ans Knie gefasst heute").
Drei sind nicht einer zu viel
Die Fernsehunterhaltung wurde an diesem Montagabend nicht neu erfunden, das war auch nicht die Absicht. Keiner der beiden Herren ist ein Angeber, der mit Wissen oder Körperkraft protzt. Die jüngeren Kollegen - durchaus mit Qualitäten, aber wenig Bescheidenheit ausgestattet - dürfen sich gerne mal eine Scheibe abschneiden. Nicht wahr, Herr Lanz? Finden Sie nicht auch, Herr Raab?
Bei Tony Curtis und Roger Moore hieß es in einer Folge: "Junge, lass’ doch die Sprüche, die setzen ja die nächste Folge ab". Das wird hier nicht passieren, geplant ist der 7. Oktober, und bis dahin werden zwei EU-Staaten ihre Regierung neu gewählt haben, der Mond mal mehr oder weniger voll gewesen sein und ... wie war noch die dritte Antwortmöglichkeit? Ach ja, heimische Pflichtspiele der Bayern. Schön, dass Saal-Kandidatin Viola zwar nicht den Jackpot, aber immerhin sichere 2000 Euro mit nach Hause nehmen durfte, und die beiden Herren ihr leise, aber doch hörbar versprachen, dass die Reise mit dem Sohn sicher dennoch zustande kommen würde. So geht entspanntes Fernsehen. Und eines noch: Überziehen kann nicht nur der Gottschalk, das kann auch die Schöneberger, die endlich so was wie "Zuhause angekommen" zu sein scheint.