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Kommt weitgehend ohne Schießeisen aus: Wotan Wilke Möhring (r.) als "Tatort"-Ermittler.
Kommt weitgehend ohne Schießeisen aus: Wotan Wilke Möhring (r.) als "Tatort"-Ermittler.(Foto: dpa)
Sonntag, 19. Juli 2015

"Feuerteufel": So war der erste Möhring-"Tatort"

Von Johannes Musial

Für Wotan Wilke Möhring ist es die "Tatort"-Premiere. Der Zuschauer-Liebling legt einen souveränen Auftakt hin. Irritierend nur: Was hat es mit der Milch auf sich?

Nach 85 Minuten fehlt im Magazin von Kommissar Thorsten Falke nur eine Kugel, dann ist es vorbei. Keine Explosionen, keine Mafia, keine Verfolgungsjagden. Zwei Leichen, nicht mehr. "Feuerteufel", der "Tatort"-Einstand von Wotan Wilke Möhring, der im April 2013 seine Premiere hatte, verläuft unaufgeregt. Typisch nordisch und irgendwie passend - als wäre er schon immer dabei gewesen. Ein Möhring will keinen großen Auftritt und er braucht ihn auch nicht.

(Foto: dpa)

Möhring spielt den Kommissar Thorsten Falke, Arbeiterkind aus Billstedt, einem Hamburger Bezirk mit hoher Arbeitslosigkeit und vielen Migranten. Er lebt allein, ist Polizist, sonst nichts. Seine Art: schroff und impulsiv. Sein Auto: ein alter Citroën, vollgestopft mit Müll. "Digger" -  so leitet er immer wieder seine Sätze ein, ganz Hamburger. Das muss wohl so.

Und er trinkt eben Milch, viel Milch. Ein ultrahocherhitzter Krimi sozusagen. Da gibt es Milch bei der Besprechung oder beim Autofahren, warm oder "on the rocks" mit Eiswürfeln, nur nicht geschüttelt und auch nicht gerührt. Warum? Ist das in solchen Mengen womöglich schädlich? Egal, authentisch wirkt es allemal. Was dem Horst Schlämmer seine Herrenhandtasche, ist dem Thorsten Falke seine Milch. Problematisch wird es zugegebenermaßen ja auch erst, wenn er dem Verbrecher nicht die Dienstwaffe, sondern die Milchtüte unter die Nase hält. Slapstick im "Tatort", hätte auch was.

"Kann die gut kochen oder was?"

Doch zum Inhalt: In "Feuerteufel" steht Kommissar Falke vor zwei Problemen. Zum einen muss er einen Täter finden, denn wieder einmal wurde ein Auto in der Stadt in Brand gesteckt. Nur diesmal mit Todesfolge: Im Wagen war noch eine Frau. Zum anderen wird sein Teamkollege und bester Freund Jan bald Vater und hat sich deshalb in den Innendienst versetzen lassen. Daraufhin bekommt Falke eine junge Hospitantin aus dem Branddezernat an die Seite gestellt, eine "Hobbyermittlerin", wie er findet.

(Foto: dpa)

Katharina Lorenz, gespielt von Petra Schmidt-Schaller, hat einen anderen Arbeitsstil als Falke, analytischer und bedachter. Immer wieder gerät sie deshalb mit ihrem erfahreneren Kollegen aneinander. Er brauche sie nicht, sagt der. Oder: "Ich stelle Fragen und Sie machen Notizen, oder so." Auf die Anmerkung seines Chefs, sie sei qualifiziert, entgegnet Falke: "Qualifiziert wofür? Kann die gut kochen oder was?"

Der Konflikt zwischen den beiden bekommt viel Raum, denn das Täterknobeln fällt diesmal aus - der Schuldige wird schon nach drei Minuten gezeigt, wie er sich mit seinem Handy vor dem brennenden Auto filmt. Trotzdem ist der "Tatort" nicht langweilig. Da gibt es noch die Bürgerwehr, die ein sichereres Hamburg und ein Ende der Brandserien fordert; kurzentschlossen und zum Ärger von Falke nimmt sie den Schutz ihres Eigentums selbst in die Hand. Genauso wie den Streit und die Versöhnung zwischen Falke und seinem Freund Jan. Außerdem - selbstverständlich - gibt es am Ende noch den berüchtigten Wendepunkt, der den "Tatort" erst zum "Tatort" macht.

Das Leben der anderen

(Foto: dpa)

Im Zentrum aber steht der Brandstifter und sein soziales Umfeld, sein Zweifeln und der Druck auf ihn, der noch weiter zunimmt, als der Witwer des Opfers ein Kopfgeld auf seine Ergreifung aussetzt. Der Zündler ist jung, Anfang 20, hat keinen Job und lebt bei seiner Mutter. Wie Falke kommt er aus Hamburg-Billstedt. Regisseur Özgür Yildirim bezeichnet es als "Ghetto", er kennt sich damit aus, seine Filme "Chiko" oder "Blutzbrüdaz" spielen in ähnlichen Milieus.

Und so dröhnt Sonntagabend Hip-Hop aus den deutschen Fernsehern, es fallen Begriffe wie "Schlampe" oder "Gang Bang". Das Leben des Täters ist der Gegenentwurf zu dem Leben, das die Tote geführt hat, Plattenbau gegen Eigenheim in der Reihenhaus-Siedlung. Es unterscheidet sich auch von dem Falkes, der von unten kam und es geschafft hat, der mittlerweile das Gesetz durchsetzt, statt es zu brechen.

Damit versucht der "Tatort" eine vielschichtige Erzählung zu bieten, eine, die nicht nur auf Klischees aufbaut, aber leider auch nicht ohne sie auskommt. Natürlich ist die neue Kollegin jung, hübsch, blond und - ganz klar - gibt es sie, die Scharfes-Gerät-Szene: Sie will etwas aufheben, beugt sich vor und der Blick ihres Kollegen Falke bleibt auf ihrem Hinterteil kleben.

Möhring, ein Alleskönner

Dennoch, kein Zweifel: Wotan Wilke Möhring passt zum "Tatort". So wie er im Leben bisher überall hingepasst hat, als Model, Punk oder Soldat. Er ist einer, der alles hätte werden können. Einer, dem man auch den Staubsauger an der Tür abkaufen oder mit dem man über Gott reden würde. Jetzt ist er halt der Milch trinkende Ordnungshüter. Möhring selbst sieht im Gespräch mit n-tv.de die "Tatort"-Rolle als "Ritterschlag" und eine "große Herausforderung".

Sein Charakter überzeugt, ist mehr Rüpel als Leisetreter, eher erfahren als belesen. "Das Sein bestimmt das Bewusstsein", sagt er an einer Stelle und antwortet auf die verwunderte Nachfrage seiner Kollegin Lorenz, woher er Karl Marx kenne: "Stand heute im Kalender."

Doch wir wollen nicht gleich in überschwängliches Lob ausbrechen. Sein Debüt ist solide. Punkt. Im Fußballkommentatoren-Sprech, für den leidenschaftlichen Dortmund-Fan Möhring die erste Fremdsprache: "Es ist noch Luft nach oben." Aber man hat ihn gerne gesehen und man will ihn auch gerne wieder sehen. Möhring ist gekommen, um zu bleiben.

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Quelle: n-tv.de

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