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"Er ist wieder da" ist im Eichborn Verlag erschienen.
"Er ist wieder da" ist im Eichborn Verlag erschienen.(Foto: Eichborn Verlag)

"'Bild' finanzierte den Führer": Adolf Hitler - Er ist wieder da!

Von Thomas Badtke

Sommer 2011: Adolf Hitler erwacht auf einem Grundstück in Berlin: ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva - dafür im tiefsten Frieden, unter Tausenden Ausländern und Angela Merkel. "Ey, was'n det für'n Opfa?" sind die ersten Worte, die er hört. Doch Hitler ist nicht erwacht, um sich von Pimpfen anpöbeln zu lassen. Der Gröfaz hat andere Pläne.

Adolf Hitler ist tot. Seit 1945. Er hat am 30. April Selbstmord begangen. Sich mit seiner Walther PPK in den Kopf geschossen. So steht es in den Geschichtsbüchern. Aber wird Geschichte nicht von den Siegern gemacht, wie es so schön heißt? Fakt ist, der Gröfaz, der "größte Führer aller Zeiten", lebt: Im August 2011 erwacht Hitler auf dem Erdboden liegend auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Über ihm der blaue Himmel mit ein paar Wolken verziert, kommt er zu sich. Sein Kopf schmerzt und er hat keine Ahnung, wo er ist oder wie er hierher kam. Alkohol am Vorabend kann es nicht gewesen sein - der Führer trinkt nicht.

Timur Vermes zeichnet für den satirischen Bestseller "Er ist wieder da" verantwortlich.
Timur Vermes zeichnet für den satirischen Bestseller "Er ist wieder da" verantwortlich.(Foto: FinePic)

Hitler steht langsam auf, klopft sein nach Waschbenzin riechendes Soldatenwams ab. Er blickt sich um. Und vernimmt Stimmen: "Ey, Alter, kiek ma!" "Ey, wat'n det für'n Opfa?" Drei Hitlerjungen, die Fußball spielen, schießt es Hitler durch den Kopf. Er muss wohl einen hilfsbedürftigen Eindruck machen. Die Buben eilen herbei: "Allet klar, Meesta?" Hitler ist entsetzt. Was war aus dem deutschen Gruß geworden? "Wo ist Bormann?", fragt er. "Wer is'n ditte?", lautet die lapidare Antwort. "Bormann! Martin!" - "Kenn ick nich." "Nie jehört." "Wie siehta'n aus?" - "Wie ein Reichsleiter, zum Donnerwetter!" Irgendetwas ist hier absolut ungewöhnlich. Hitler schaut sich die drei Buben noch einmal genauer an. Sie tragen grellbunte Sportleibchen. Er fragt: "Hitlerjunge Ronaldo! Wo geht es zur Straße?" Keine Reaktion. Dann sieht sich der kleinste der Buben zu einem Fingerzeig bemüßigt. Er weist mit seinem Arm schwunglos in eine Ecke des Grundstücks. Tatsächlich, ein Durchgang, denkt Hitler und macht sich im Geiste eine Notiz: "Rust entlassen" oder "Rust entfernen", denn gerade im Bildungswesen ist kein Platz für eine derartige Schlamperei.

Hitler bricht zur Straße auf, ihm stockt der Atem: Statt zerbombter staubiger Trümmer dort, wo einst eine Straße war, jagen bunte Wagen zu Dutzenden über den tadellosen Asphalt. Hitler wird schwindelig ob des grellen Lichts. Er lässt sich auf einer Parkbank nieder und beginnt seine Situation zu rekapitulieren. Er ist definitiv in Deutschland, definitiv in Berlin. Aber es ist nicht die Reichshauptstadt, die Hitler kennt. Er braucht eine Zeitung, einen "Stürmer", einen "Völkischen Beobachter", selbst ein "Panzerbär" würde schon reichen. Er blickt sich um und sieht einen Kiosk. Und viele türkische Blätter. Die Türkei war doch neutral geblieben? Zu einem Kriegseintritt an der Seite des Reiches war sie nie zu bewegen gewesen. Was machen denn dann die vielen Türken mitten in Berlin? Hitler grübelt - und erfährt es kurze Zeit später, als er am Kiosk auf die Zeitungen blickt. 2011 steht da in der Datumszeile. Das kann doch nicht sein! 2011. 2011. 2011. Hitler wird schwarz vor Augen. Er kippt um.

"Ganz Deutschland rätselt …"

Der Kioskbesitzer hilft ihm auf die Beine. Er denkt, dass Hitler in seiner ganzen Aufmachung und mit Schirmmütze ein Künstler ist. Ein Comedian wie dieser "Stromberg" oder der andere aus "Switch reloaded". Er gibt Hitler etwas Wasser und einen Müsliriegel. Hitler denkt: Was ist nur aus dem deutschen Brot geworden? Ist die Versorgungslage dermaßen schlecht? Die beiden kommen ins Gespräch und am Ende darf Hitler für ein paar Tage im Kiosk bleiben: "Sie räumen mir doch den Kiosk nicht aus?", fragt der Besitzer. Hitler blickt ihn empört an: "Sehe ich etwa aus wie ein Verbrecher?" - "Sie sehen aus wie Adolf Hitler", antwortet der Kioskbesitzer. "Eben", sagt Hitler.

Von da an nimmt Hitlers neue Karriere Fahrt auf. Er hilft im Kiosk aus und wird "entdeckt". Ein paar Leute aus einer TV-Produktionsfirma erkennen Hitler, der wiederum fest und steif behauptet: "Ich bin Adolf Hitler". Das bringt er so glaubhaft rüber, dass die Firma - mit Namen Flashlight - ihn unter Vertrag nimmt. Hitler bekommt ein eigenes Büro, eine Halbtags-Sekretärin, ein Smartphone, das nach langem Hin und Her mit Wagners Walkürenritt klingelt, und Auftritte als Teil in einer Comedy-Sendung. Dort stiehlt er dem Hauptact schnell die Show. Hitlers Auftritte werden bei Youtube zum Hit und er dank der "Bild"-Zeitung schnell zum "Irren Youtube-Hitler", und "ganz Deutschland rätselt: Ist das noch Humor? … 'Bild' verspricht: Wir bleiben dran."

"Ein Haufen Waschlappen"

Christoph Maria Herbst leiht Adolf Hitler für das Hörbuch "Er ist wieder da" seine Stimme.
Christoph Maria Herbst leiht Adolf Hitler für das Hörbuch "Er ist wieder da" seine Stimme.(Foto: Eichborn Verlag)

Hitler ist überrascht, obwohl "man weiß, dass die größten Dummköpfe eines Landes mit Vorliebe in seinen Redaktionen zu finden sind". Doch bei Flashlight feiert man den Medienhype um Hitler und schmiedet große Pläne. Die hat Hitler natürlich auch: Deutschland ist 2011 um einiges kleiner, als er es in Erinnerung hat und das Thema "Lebensraum" hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eher noch zugespitzt.

Hitler macht sich auf nach Berlin-Köpenick. Einen Kameramann nun immer mit im Schlepptau, klopft er an die Tür des "Carl-Arthur-Bühring-Hauses". Doch die NPD-Zentrale enttäuscht den Führer aufs Gröbste. Das teilt Hitler dann auch gleich dem herbeizitierten Bundesvorsitzenden Holger Apfel in einem Vier-Augen-Gespräch mit, nachdem er die "bizarre Gestalt" kurz betrachtet und zudem festgestellt hat, dass Apfel klingt, "als hätte er ständig ein Wurstbrot im Mund, und letztlich sah er auch so aus". Hitlers enttäuschtes Fazit: "Ein Haufen Waschlappen". "Nur so viel: Ein anständiger Deutscher hat hier nichts verloren."

Der Kameramann hat alles gefilmt. Flashlight ist aus dem Häuschen und plant eine Sondersendung. In der Zwischenzeit macht man sich die "Bild"-Zeitung genehm: Ein Exklusiv-Interview, mit dem die Zeitung Hitler entlarven will, geht nach hinten los. Der gewiefte Propagandist trifft sich mit einer Reporterin der Zeitung im Adlon. Die Rechnung für die Getränke bezahlt sie und Hitlers rechte Hand hat das mit dem Smartphone gefilmt. Die passende Schlagzeile dazu: "'Bild' finanzierte Hitler" macht das Blatt handzahm. Die NPD-Sondersendung bringt Hitler dann auch noch den "Grimme"-Preis ein. Er hat es wieder einmal geschafft. Nun fehlt nur noch eine Partei und dann …

Satire mit einer Portion Gänsehaut

Hingehört - und losgelacht! Hörbuch "Er ist wieder da"
Hingehört - und losgelacht! Hörbuch "Er ist wieder da"(Foto: Eichborn Verlag)

Wenn man Timur Vermes' Buch "Er ist wieder da" liest, kommt man aus dem Lachen nicht mehr heraus. Bereits die ersten Seiten, als Hitler - wie auch immer - in der Gegenwart auftaucht und sich verwirrt versucht, in der neuen Welt zurechtzufinden, sind so irrwitzig, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Hitler stößt auf ein zynisches Deutschland, in dem Erfolgsgeilheit hemmungslos ausgelebt wird. Die Sucht nach Anerkennung läuft über Quoten, Klicks, "I like"-Buttons. Und das nutzt Hitler gnadenlos für seine Zwecke aus. Er verdreht sich dabei nicht, er ist einfach nur er selbst. Die Menschen in seiner Umgebung sehen in ihm aber nicht den gefährlichen Demagogen, sondern nur eine Witzfigur. Sie nehmen nur den Comedian wahr, der seine Rolle so perfekt spielt. Es muss einfach eine Rolle sein, schließlich ist Hitler ja bereits seit mehr als 65 Jahren tot. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Das Buch ist eine schonungslose Satire auf die heutige mediengeile Zeit. Als Hitler im Buch von ein paar Neonazis zusammengeschlagen wird, weil auch sie nur einen Komiker in ihm vermuten, der "Deutschland durch den Dreck zieht", bekommt Hitler im Krankenhaus nicht nur Genesungswünsche. Die Vorsitzenden nahezu jeder deutschen Partei klingeln durch und an und wollen, dass Hitler in ihre Partei eintritt. Der Leser muss darüber anfangs schmunzeln, aber sobald er die Tragweite dessen erahnt, was hinter all der Satire und Persiflage steckt, ist die Gänsehaut garantiert.

Vermes zeigt mit seinem Romandebüt eindrucksvoll, wie einfach es auch nach Jahrzehnten gelebter Demokratie in Deutschland ist, einem Demagogen zu verfallen. Die Mittel haben sich geändert, sind moderner geworden. Die Idee dahinter ist noch immer so abartig wie damals. Vermes Buch hält der Gesellschaft von heute einen Spiegel vor, und bei allem Gelächter, das Bild darin sieht nicht gut aus.

Wann folgt der Film?

"Er ist wieder da" ist eines dieser Bücher, das man gelesen haben muss. Es liest sich flüssig, auch wenn Hitlers Sprache und Gedanken ob ihrer Verschachtelung nicht immer leicht nachzuvollziehen sind. Wer dennoch Lesemuffel ist und sich die knapp 400 Seiten für 19,33 Euro ersparen will, sollte auf alle Fälle zum Hörbuch greifen. Auch das kostet zwar 19,33 Euro, aber der Sprecher ist das Geld allemal wert: Der "Grimme"-Preisträger Christoph Maria Herbst leiht dem Führer seine Stimme. Er tut dies so eindrucksvoll, dass man die komplette Hörbuchversion von "Er ist wieder da" in einem Ruck durchhört. Herbsts Hitler-Stimme und seine Intonationen geben der Romanfigur den letzten Kick, sie sind gewissermaßen das i-Tüpfelchen.

Da Vermes das Ende des Buches offen lässt, bleibt nur zu hoffen, dass ein weiterer Teil folgt - und eine Verfilmung. 

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Quelle: n-tv.de

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