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"Er ist wieder da" ist im Eichborn Verlag erschienen.
"Er ist wieder da" ist im Eichborn Verlag erschienen.

"Er ist wieder da"-Autor Timur Vermes: "Um 'Mein Kampf' kommt man nicht rum"

Seit Wochen tummelt sich ein Buch in den deutschen Bestsellerlisten. Der Titel: "Er ist wieder da". Mehr als 50.000 Exemplare sind bereits aufgelegt und ausländische Verlage reißen sich um die Rechte. Sogar über einen Film wird schon spekuliert. Worum es in dem Buch geht, wieso das Thema eigentlich ein Stimmungstöter ist und warum sich dazu jeder selbst eine Meinung bilden sollte, verrät n-tv.de der Autor Timur Vermes.

n-tv.de: Herr Timur Vermes, Ihr Buch "Er ist wieder da", Ihr Erstlingswerk, dreht sich um den "Gröfaz" Adolf Hitler. Wie würden Sie den Inhalt des Buches kurz beschreiben?

Timur Vermes: Im Grunde ist es ein fantastischer Roman, mit einem einzigen fantastischen Moment: Ich lasse Adolf Hitler in Berlin in der Gegenwart aufwachen. Ich erkläre nicht, warum, und schaue, was er tun würde. Man kann es auch als eine Art Experiment bezeichnen. Der Leser verfolgt dieses Experiment von einem Logenplatz aus: direkt aus dem Kopf des Führers selbst.

Autor Timur Vermes bei einem RTL-Buchevent.
Autor Timur Vermes bei einem RTL-Buchevent.(Foto: Olivier Favre)

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Die Idee ist im Urlaub entstanden: Ich bin im Ausland auf ein englisches gebrauchtes Buch gestoßen: "Hitler's Second Book". Ich wusste ganz einfach nicht, dass er ein zweites Buch geschrieben hatte. Ich habe angenommen, das sei ein Gag. Dann dachte ich: Naja, dann könnte ich ja genauso gut das dritte schreiben! Danach habe ich mich mit der Idee auseinandergesetzt und sie wurde immer unterhaltsamer. Damit wuchs dann auch die Lust, das Buch zu schreiben.

Hatten Sie Angst, für das Buch einen Verlag zu finden?

(Lacht) Angst ist nicht das richtige Wort. Wenn man anfängt, etwas zu schreiben, ist man nie sicher, ob das Ganze einen Verlag findet. Dann dachte ich: Gut, solange es keinen Verlag gibt, kann es ja erst einmal mir Spaß machen. Schlimmstenfalls hat man halt für den Papierkorb gearbeitet. Das muss einem klar sein.

Auffällig ist die Sprache Hitlers …

Genau, das muss auch so sein. Ich wollte ein Buch als Hitler schreiben und dann muss ich mich auch an diesem Vorbild orientieren. Um "Mein Kampf" bin ich nicht herumgekommen. Da bekommt man schnell einen Eindruck davon, wie Hitler selbst geschrieben hat, nämlich schwülstig und auch sehr umständlich. Sehr langatmig, einfach weil er glaubte, so müsse ein Buch geschrieben werden. Hitler ist kein Intellektueller. Aber er will so schreiben, will besonders gebildet wirken.

Wie haben Sie recherchiert?

Neben "Mein Kampf" habe ich noch Protokolle von seinen Reden gelesen. "Mein Kampf" ist, wie er schreibt. Es gibt Protokolle bei Tisch im Führerhauptquartier, da drückt er sich ganz anders aus. Da protokolliert jemand, wie Hitler so gewissermaßen beiläufig erzählt. Und da merkt man, dass Hitler anders redet, als er schreibt.

Gab es Schwierigkeiten bei der Recherche?

Nein. Ich konnte auf ein gewisses Vorwissen zurückgreifen, da ich mich für den Zweiten Weltkrieg und die Geschichte des Dritten Reiches immer interessiert habe. Daher wusste ich, welches Personal ich verwenden muss und will. An welchen "Promis" des Dritten Reichs man nicht vorbeikommt.  

Das Gemeine an dem Buch ist, dass der Leser zum Teil dazu gezwungen wird, die Eindrücke Hitlers über die jetzige Zeit, über Medien und Politik zu teilen …

Ja, das war Teil der Spielregeln für mich beim Schreiben. Ich hätte ja auch hergehen und Hitler alles in den Mund legen können, was ich nicht mag. Das wäre aber zu einfach gewesen. Ich wollte schon herausfinden: Wie tickt er? Damit ich umgekehrt sagen kann: Was hätte er merkwürdig gefunden? Schaut man seine Politik an, findet man nicht nur Judenverfolgung, sondern auch banale Sachen, über die man sich selbst schon geärgert hat. Wenn man beispielsweise die Stellen liest, in der er über die Demokratie schimpft, die Abläufe, die ritualisierten Kämpfe im Parlament - dann entdeckt man Sachen, die uns ärgern, die aber eben auch schon Hitler aufgefallen sind.

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Man muss weg davon, immer gleich zu sagen: Indem wir wissen, was Hitler macht, wissen wir automatisch, was böse ist. Das Buch zeigt: Man muss seinen eigenen Kopf verwenden, man muss sich tatsächlich immer seine eigene Meinung bilden. Ein anderes Beispiel: Man kann aus Hitlers Äußerungen durchaus ableiten, dass er ein Tempo-20-Limit vor Schulen verlangen würde. Die Forderung wird nicht schlechter, nur weil sie von Hitler kommt. Dieses vorgezeigte Raster taugt nicht. Man muss sich von diesem Hitler-Etikett lösen.

Apropos, Hitler-Etikett. Das lädt natürlich ein, das Buch auch zu kritisieren …

Absolut. Da wäre natürlich zum einen der thematische Vorwurf: Man dürfte über das Dritte Reich nicht lachen. Und zum anderen habe ich auch Reaktionen von Lesern bekommen, die sagen, dass Hitler in dem Buch viel zu sympathisch rüberkommt, zu menschlich wirkt. Da macht mir wiederum der Umkehrschluss Angst: Glauben diese Leser denn, dass man böse, schlechte oder gefährliche Menschen daran erkennt, dass die immer und ständig völlig unsympathisch sind? Das erinnert mich immer an die Western aus meiner Kindheit, da hatten die bösen Cowboys immer einen schwarzen Hut auf. Genauso, das ist mein Eindruck, wollen die Leute ihren Hitler haben: Der war böse, der muss einen schwarzen Hut aufhaben.

Gibt es eine Lieblingsstelle, eine Lieblingsszene für Sie in dem Buch?

Ja, es gibt eine Stelle, die für mich das Buchprinzip besonders schön zusammenfasst: die Szene mit den Laubbläsern. Die ist, gerade jetzt im Herbst, sehr nah am Leser. Der denkt ja wie Hitler auch: "Leck mich am Arsch, was sind diese Nervensägen heute Morgen wieder unterwegs. Recht hat der Mann!" Und dann vergleicht Hitler sofort die Gründlichkeit des Laubblasens mit der Gründlichkeit der Gaskammern, während man gerade noch eifrig am Mitnicken ist.

Wäre der Hitler von damals heute "unschädlich"?

Das ist schwierig zu sagen, auch weil es schwer zu vergleichen ist. Ich denke, er würde auf jeden Fall wie damals die Öffentlichkeit suchen und diese meiner Ansicht nach auch finden. Die Frage ist natürlich: Was würden wir dann machen? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

Sie sprechen es an: Hitler findet die Öffentlichkeit, er bekommt am Ende des Buches seine eigene Show. Das bietet doch einen wunderbaren Cliffhanger für ein weiteres Hitler-Buch?

Ja, theoretisch schon. Aber im Moment sehe ich es nicht, weil dieses Buch eigentlich alle Fragen aufwirft, die es aufwerfen soll. Es ist allerdings nicht ganz unbemerkenswert, dass viele Leser sagen: Wir hätten gern einen zweiten Teil, weil wir die Welt weiter durch seine Augen sehen wollen. Das ist eine zweischneidige Sache: Für mich als Autor ist das natürlich klasse, wenn die Leser sagen: Das gefällt uns, da wollen wir mehr davon. Aber der Hitler, von dem sie gerne mehr hätten, den habe ich ja nicht irgendwie zurechtgebogen, damit er für sie attraktiver wird - dieser Hitler ist weitestgehend der echte.

Neben Adolf Hitler als Ich-Erzähler kommen auch deutsche Politiker aus der Gegenwart zu Wort, etwa Renate Künast oder Sigmar Gabriel. Gab es deshalb Ärger, Ironie kann man ja auch falsch verstehen …

Man kann Ironie immer falsch deuten. Aber: Speziell die beiden habe ich jetzt nicht ausgewählt, weil ich sie besonders nett oder blöd finde, sondern weil das Personen sind, die relativ häufig und zugleich geschickt im Fernsehen auftreten, das sind keine Leichtgewichte, das sind Medienprofis. Und wenn dann eine Talkshow bei ihnen anfragt, dann kommen die meistens auch. Ob das Ärger gibt, ist schwer zu sagen. Ich wüsste auch gar nicht so genau, was man da als Gegendarstellung einfordern könnte. "Renate Künast: 'Ich sprach nicht mit Hitler'?" (Lacht) Das wäre eine schöne Schlagzeile …

Und auch diese Schlagzeile wären Werbung: Haben Sie mit einem so durchschlagenden Erfolg von "Er ist wieder da" gerechnet?

Man kann Erfolg ja schwer planen. Man kann aber mit einer guten Vertriebsarbeit viel erreichen. Die Hürde ist bei diesem Buch immer dieselbe, die Hürde ist immer der Stimmungstöter "Hitler". In dem Moment, wo sie völlig unvorbereitet zu jemandem gehen und sagen: "Wissen Sie was, ich habe etwas Tolles für Sie, ein Hitler-Buch" - dann fällt der ihnen nicht gerade jubelnd um den Hals. Ich habe das dann so gemacht: Ich bin zu meiner Agentin, habe ihr die ersten 50 Seiten in die Hand gedrückt und gesagt: Lies sie und schaue, ob's dir gefällt. Die Agentin hat das Gleiche mit verschiedenen Verlagen gemacht. Man braucht immer jemanden, der sein eigenes Renommee mit in die Waagschale wirft. Genauso war es beim Vertrieb und den Buchhändlern. Es ist immer wieder dieser persönliche Kontakt nötig, um jemanden dazu zu bringen, das Ding in die Hand zu nehmen. Aber wenn er es dann erst in der Hand hat …

"Grimme"-Preisträger Christoph Maria Herbst spricht das Hörbuch "Er ist wieder da".
"Grimme"-Preisträger Christoph Maria Herbst spricht das Hörbuch "Er ist wieder da".(Foto: picture alliance / dpa)

Nicht nur das Buch, auch das Hörbuch ist überaus erfolgreich. Sind Sie auf Christoph Maria Herbst als Hörbuch-Sprecher gekommen?

(Lacht) Ich gehöre bei Weitem noch nicht zu den Autoren, die sich ihre Hörbuch-Stimme aussuchen könnten. Tatsächlich war aber schnell auch verlagsseitig klar, dass Herbst einer der Top-Kandidaten für die Sprecherrolle ist. Die Alternative wäre noch der Hitler aus "Switch" gewesen, Michael Kessler - oder auch Charly Wagner, der bei Harald Schmidt immer die "Klassiker des Herrenwitzes" vorgelesen hat. Diese onkelige Variante hätte ich auch interessant gefunden.

Nachdem man das Buch gelesen hat, fragt man sich unweigerlich: Wird es "Er ist wieder da" als Film geben?

Interessenten scheint es zu geben. Die Frage ist, wie würde man so etwas umsetzen? Für mich ist das derzeit schwer vorstellbar. Wie beim Hörbuch ist Film ein anderes Medium, man muss Sachen weglassen, sich vielleicht auf einzelne Aspekte konzentrieren. Aber es wäre eindeutig zu wenig, die lustigsten Dialoge abzufilmen.

Ihr abschließendes Fazit zu "Er ist wieder da"?

(Lacht) Ich finde, wer ein Buch hat, sollte dringend ein zweites kaufen. Und auch zwei Hörbücher! Über Klassenbestellungen würde ich mich allerdings nicht nur aus Verkaufsgründen freuen: Ich denke, das Buch könnte im Deutsch- oder Geschichtsunterricht durchaus belebend wirken.

Mit Timur Vermes sprach Thomas Badtke

 

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Quelle: n-tv.de

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