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"Die alten Knacker" tauschen Jugenderinnerungen aus.
"Die alten Knacker" tauschen Jugenderinnerungen aus.(Foto: Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2015)

Neue Comics aus Frankreich: Alte Knacker und andere Revolutionäre

Von Markus Lippold

Drei alte Knacker kämpfen mit ihren Schrullen und den Tücken der Moderne. Zwei Revolutionäre flüchten vor der chilenischen Militärjunta. Und zwei französische Glücksritter ziehen in den Dschihad.

Auf Pierrot, Antoine und Mimile trifft der Begriff "alte Eisen" nur insofern zu, als dass ihre ausgeprägten Dickschädel die Durchschlagskraft von Kanonenkugeln haben. Die drei Jugendfreunde haben zwar längst das Rentenalter erreicht und etwas Rost angesetzt, aber wenn es sein muss, feuern sie aus allen Rohren und bringen ihre Mitmenschen zur Verzweiflung. Denn sie hadern nicht nur mit dem modernen Leben und dessen Tücken, sondern auch mit den Geheimnissen ihrer Vergangenheit. Das macht sie jedoch umso mehr zu den sympathischen Helden der herrlich satirischen Comicserie "Die alten Knacker" von Autor Wilfrid Lupano und Zeichner Paul Cauuet.

Ein großartiges Quartett: Antoine, Mimile, Sophie und Pierrot.
Ein großartiges Quartett: Antoine, Mimile, Sophie und Pierrot.(Foto: Splitter Verlag GmbH & Co. KG, Bielefeld 2015)

Alles beginnt mit einer Beerdigung - der von Antoines Frau Lucette. Sie hat ihrem Mann einen Brief hinterlassen, der Antoine rasend macht und ihn zu einer Spritztour nach Italien veranlasst, wo er ein Hühnchen mit seinem Ex-Chef zu rupfen hat. Seine beiden Kumpel folgen ihm, um schlimmeres zu verhindern, zusammen mit Antoines hochschwangerer Enkelin Sophie. Dieses Quartett bildet den Mittelpunkt der gesamten Serie und je weiter diese fortschreitet, desto mehr erfährt man über die Biografien der Protagonisten und die Gründe ihrer (zahlreichen) Macken. Langsam entsteht so ein Panorama, das auch die Nachbarn, ja die gesamte Gemeinde einschließt.

Autor Lupano zieht seine Helden dabei genüsslich durch den Kakao, offenbart ihre Schrullen und Schwächen, ohne sie jedoch bloßzustellen. Da ist etwa Pierrot, der der Gruppe "Augenlos und frei" angehört. Die Rentner-Aktivisten sprengen als eine Art Flashmob Veranstaltungen aller Art, bekämpfen kapitalistische Auswüchse und konfrontieren ihre Mitbürger mit der Realität des Rentnerdaseins. Mimile dagegen war als Seemann lange in der Welt unterwegs, bis er in die französische Provinz zurückkehrte, um Ruhe zu finden. So unterschiedliche die Biografien sind, sie haben doch eines gemeinsam: Sie weisen Brüche auf, die einen ein Leben lang begleiten.

"Die alten Knacker", bisher sind drei Bände bei Splitter erschienen, 56 bzw. 64 Seiten im Hardcover, 14,80 bzw. 15,80 Euro.
"Die alten Knacker", bisher sind drei Bände bei Splitter erschienen, 56 bzw. 64 Seiten im Hardcover, 14,80 bzw. 15,80 Euro.

Zeichner Cauuet wiederum versteht es, dies zeichnerisch umzusetzen. Mit Gestik und Mimik lässt er seine Figuren zwischen Altersgebrechen und Wutausbrüchen schwanken. Rückblenden hebt er geschickt aus der Haupthandlung heraus. Beim Seitenaufbau verzichtet er auf Experimente, gestaltet ihn jedoch stets lebendig. "Die alten Knacker" ist eine der besten Comicserien, die Frankreich derzeit zu bieten hat. Die lebensnahen Episoden und klugen Dialoge machen Spaß, die wendungsreiche Handlung sowie wiederkehrende Seitenstränge sorgen dafür, dass nie Langeweile aufkommt. Vor allem aber greift die Serie bei allem Humor auch gesellschaftlich relevante Themen wie das Altern, Umweltzerstörungen und Raubtierkapitalismus auf.

Band 1, Band 2 und Band 3 von "Die alten Knacker" direkt bei Amazon bestellen. Leseproben gibt es hier.

Auf der Flucht vor den Häschern der Diktatur

Carmen und Miguel bereiten sich auf den bewaffneten Kampf vor.
Carmen und Miguel bereiten sich auf den bewaffneten Kampf vor.(Foto: Verlag bbb Edition Moderne AG 2016)

Als die Armee um Augusto Pinochet vor mehr als 40 Jahren die Macht in Chile an sich reißt, gibt es nur wenig Widerstand. Einzig die Mir, die Bewegung der revolutionären Linken, kämpft bis zuletzt an der Seite von Präsident Salvador Allende. Doch der Kampf ist aussichtslos, als der Präsident sich schließlich selbst erschießt gehen die Aktivisten in den Untergrund. Unter ihnen sind auch Carmen Castillo und ihr Lebensgefährte Miguel Enríquez, der Anführer der Mir. Sie verstecken sich vor dem Geheimdienst des Regimes, der vor allem Linke brutal verfolgt, foltert oder ermordet. Tausende kommen so ums Leben, Zehntausende werden in den Kellern der Junta gequält - und einige verraten unter Schmerzen ihre Kameraden.

Castillo hat Haft und Folter nur knapp überlebt - dank ihres Vater, eines bekannten Architekten, wurde sie ins Ausland abgeschoben. Dort schrieb sie ihre Erinnerungen nieder, auf denen der Comic "Überlebt!" von Autor Maximilien Le Roy und Zeichner Loïc Locatelli Kournwsky basiert. Fast schon dokumentarisch zeichnet das Buch die Ereignisse von 1973 und 1974 nach. Geschickt vermischt er dabei politische Hintergründe und persönliches Schicksal, die bei Castillo eng verbunden sind. Hinzu kommt eine zweite Zeiteben, in der Castillo nach Jahren des Exils die Orte des damaligen Geschehens besucht.

"Überlebt!" ist in der Edition Moderne erschienen, 136 Seiten im Hardcover, 29 Euro.
"Überlebt!" ist in der Edition Moderne erschienen, 136 Seiten im Hardcover, 29 Euro.

Aus dem Verhältnis zwischen historischen Ereignissen und subjektiver Perspektive bezieht der Comic seine Spannung - wobei Autor Le Roy seine Sympathien für Castillo nicht verhehlt. Kournwskys bietet dazu realistische, teilweise drastischen Zeichnungen, die in Rot und Braun getränkt sind. Immer wieder rücken die Gesichter der Protagonisten in den Mittelpunkt, in deren Mimik sich die zunehmende Dramatik und Tragik der Ereignisse spiegelt. Ereignisse übrigens, bei denen die USA und andere westliche Staaten, inklusive der Bundesrepublik, eine unrühmliche Rolle spielten.

"Überlebt!" direkt bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Zwei Glücksritter ziehen in den Dschihad

Die beiden Franzosen kämpfen an der Seite der Berber gegen die Kolonialherren.
Die beiden Franzosen kämpfen an der Seite der Berber gegen die Kolonialherren.(Foto: Schreiber & Leser 2016)

Revolutionär und Islamist: Abd al-Karim ist vielen kein Begriff. Dabei nahmen Che Guevara und Mao Zedong seine Guerilla-Taktiken zum Vorbild. Auch bei Islamisten ist der marokkanische Emir hoch angesehen. Denn er führte den vielleicht ersten Dschihad des 20. Jahrhunderts an: den Aufstand der Rifkabylen gegen spanische und französische Kolonialtruppen zwischen 1921 und 1926. Dem Comic "Der marokkanische Frühling", dessen erster von zwei Bänden nun vorliegt, dient dies als historischer Hintergrund für die (fiktiven) Abenteuer zweier französischer Glücksritter im Maghreb.

Calixtus von Prampeand und Leon Matilo könnten unterschiedlicher nicht sein: Der eine ist ein selbstbewusster Spross aus altem Adel, der andere ein mittelloser Kleinkrimineller aus Korsika. Doch die gemeinsame Zeit in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs schweißt zusammen. Als Calixtus, der die Kriegserfahrung nicht verarbeiten kann, mit seiner Familie bricht, hat er nichts besseres zu tun, als sich mit Leon in ein Abenteuer zu stürzen: Gemeinsam wollen sie Waffen an die aufständischen Berber von Marokko verschieben. Doch bis dahin geht so einiges schief - und plötzlich kämpfen die beiden an der Seite der Berber gegen die Kolonialherren.

"Der marokkanische Frühling, Band 1: Lockruf Tanger" ist bei Schreiber & Leser erschienen, 128 Seiten gebunden im Albenformat, 24,80 Euro.
"Der marokkanische Frühling, Band 1: Lockruf Tanger" ist bei Schreiber & Leser erschienen, 128 Seiten gebunden im Albenformat, 24,80 Euro.

Dass hier ausgerechnet zwei Europäer im Mittelpunkt stehen, während es doch um den Freiheitskampf der Nordafrikaner geht, ist natürlich kurios und verzerrt das tatsächliche Geschehen. Aber "Der marokkanische Frühling" ist ja auch mehr augenzwinkerndes Abenteuer als Geschichtslektion. Trotzdem ist der historische Hintergrund klug gewählt, gibt er den Autoren Maurin Defrance und Fabien Nury doch die Möglichkeit, angesichts der hochexplosiven Gemengenlage dieser Zeit eine wendungsreiche und spannende Geschichte zu erzählen.

Diese bezieht ihre Dramatik zum Großteil aus den Zeichnungen von Fabien Bedouel und Merwan. Ihnen gelingen großartige Bildfolgen, vor allem in den Schlachtszenen. Auch das Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten überzeugt, während einige Zuspitzungen bei den Figuren übertrieben und unnötig sind. "Der marokkanische Frühling" ist aber ein gelungener Abenteuercomic, der nebenbei noch etwas über das derzeit hochaktuelle Verhältnis des Westens zur islamischen Welt erzählt.

"Der marokkanische Frühling, Band 1: Lockruf Tanger" direkt bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Quelle: n-tv.de

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