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Stefanie Giesinger in der Finalshow.
Stefanie Giesinger in der Finalshow.(Foto: dpa)

Schönheit jenseits von GNTM: "Arbeit an der schönen Hülle ist fruchtlos"

Ob Stefanie nun die schönste Bewerberin um den Titel "Germanys Next Topmodel" war, oder ob Ivana und Jolina eigentlich viel schöner sind, bleibt wahrscheinlich eine nicht zu beantwortende Frage. Denn solange Schönheit mit Leistung gleichgesetzt wird, sagt Philosophin Rebekka Reinhard, muss das Streben nach Schönheit scheitern.

n-tv.de: Was hat eine Fernsehsendung wie "Germanys Next Topmodel", bei der Sie für Ihr Buch "Schön!" recherchiert haben, mit Schönheit zu tun?

Rebekka Reinhard: Aus philosophischer Sicht wenig, weil die Kriterien für das, was dort als Schönheit definiert wird, zu schwammig sind. Schon allein die Expertise der Juroren ist mehr als fraglich. Letztlich wird dort Schönheit mit Leistung gleichgesetzt und die wieder mit Marktfähigkeit.

Aber viele Zuschauer akzeptieren diese Schablone. Ist diese Definition von Schönheit inzwischen allgemeingültig?

Bei GNTM entscheiden sie darüber, was schön ist.
Bei GNTM entscheiden sie darüber, was schön ist.(Foto: dpa)

Das ist eine komplexe Frage. Ein Grund, warum ich das Buch unbedingt schreiben wollte, ist die Tatsache, dass Schönheit inzwischen auch unter Intellektuellen nicht mehr mit Bach, Händel oder Mozart gleichgesetzt wird, sondern mit Beauty. Sie wird weniger mit Hochkultur assoziiert als mit einem populärkulturellen Phänomen.

Wie kommt das?

Das hängt damit zusammen, dass wir die Schriftkultur verlassen haben und in eine Bildkultur eingetreten sind. Dieser iconic turn, wie der Begriff von Gottfried Boehm geprägt wurde, beschreibt einen Paradigmenwechsel hin zum Bild. Durch die Medien wird das Bild allbedeutend. Das Bild schlägt die Schrift, weil die Botschaft viel mehr reinknallt, weil sie vermeintlich eindeutig und damit überwältigend ist.

Reinhards Buch ist bei Ludwig erschienen und kostet 19,99 Euro.
Reinhards Buch ist bei Ludwig erschienen und kostet 19,99 Euro.

Nun ist es ja kein Geheimnis mehr, dass die Models nicht nur stundenlang hergerichtet werden, sondern auch noch die Bilder elektronisch nachbearbeitet werden. Auf den Bildern sind also keine realen Menschen mehr. Was haben Schönheit und Perfektion miteinander gemein?

Es ist klar, das sind künstliche Phantasien, die uns da präsentiert werden. Sie orientieren sich an einem Avantgarde-Schönheitsideal. Diese superschlanke, anorektische Figur, die jetzt auch bei Heidi Klum wieder en vogue ist, ist letztlich ein Ideal homosexueller Modeschöpfer, die für ihre Haut Couture bestimmte Körper brauchen, damit ihre Kleider perfekt fallen. Schönheit ist heute kein Geschenk der Natur mehr, sondern das Ergebnis eines Optimierungswahns. Was machbar ist, muss gemacht werden, schließlich muss ich mich verkaufen. Wenn ich was darstellen will, muss ich so perfekt wie möglich sein. Das betrifft nicht nur das Äußere, sondern auch die Suche nach dem perfekten Partner, dem perfekten Job. Alles muss perfekt sein.

Warum müssen die Frauen von heute, die von ihrem Bildungsstand und oft auch in der Karriere längst unabhängig sind, auch noch schön sein?

Das ist wirklich bemerkenswert und ich denke, das hängt auch damit zusammen, dass es uns schon so lange so gut geht. Wenn wir an frühere Frauengenerationen zurückdenken, sehen wir deutlich, dass die Zeiten auch im ökonomischen Sinn viel schwieriger waren. Wir entfernen uns immer mehr von kollektiven Nöten, wie Krieg oder Hungersnot. Insofern ist es ein Symptom unserer Wohlstandgesellschaft, dass wir uns überhaupt mit dekadenten Luxusthemen wie Perfektion befassen.

Wir sprechen gern von den inneren Werten, die einen Menschen schön machen. Davon, dass sich der gefühlte Selbstwert im Außen ausdrückt. Bei den Beispielen, die Sie für Schönheiten anführen, wie Marilyn Monroe oder Elizabeth Taylor, zeigt sich aber, dass deren Selbstwertgefühl oft sehr wackelig war. Ist das nicht ein Widerspruch?

Genau, deshalb ist es eine zentrale These meines Buches, dass die Arbeit an  der schönen Hülle letztlich total fruchtlos ist. Irgendwann sehe ich aus wie Madonna mit diesem Gesicht wie eine Skipiste, so hat Hemingway die operierten Kriegsversehrten beschrieben. Damit sehe ich aus wie ein lebendiger Tod. Ich kann meine Schönheit nur dann über die Zeit erhalten, wenn ich dafür sorge, einen inneren Reichtum in mir anzuhäufen. Das schaffe ich nur, indem ich ein gelebtes Leben mit Intensität und Leidenschaft zustande bringe. Und das war bei Marilyn Monroe so und sorgt dafür, dass sie uns noch weit über ihren Tod hinaus mit ihrem unglaublichen Charisma betört. Es ist ein Quantensprung so eine Person zu erleben oder Heidi Klum, die Schönheit eher als Rüstung denn als Zauber verkörpert.

Zauber, Anmut, Grazie, Sanftmut - das klingt nach einem Vokabular aus einer anderen Zeit. Ist Schönheit altmodisch?

Überhaupt nicht, aber das Problem ist, dass wir die Schönheit entzaubert haben. Wir haben oft Mühe, den wahnsinnig schönen Satz von Stendhal zu verstehen: Schönheit ist nur ein Versprechen von Glück. Wir haben verlernt zu sehen, dass Schönheit etwas Transzendentes ist, das immer über sich hinausweist.

Das müssen Sie erklären.

Rebekka Reinhard will eine angewandte und lebenspraktische Philosophie.
Rebekka Reinhard will eine angewandte und lebenspraktische Philosophie.(Foto: Peter Lindbergh)

Es gibt diesen tollen Begriff der Kalogathia oder Kalokagathia, der für die griechischen Philosophen zentral war und der die Einheit des Schönen, Wahren und Guten beschreibt. Wir verstehen das zwar noch, aber wir werden durch die Medien darauf konditioniert, diese Einheit nicht mehr wahrzunehmen. Deshalb schreibe ich in meiner philosophischen Gebrauchsanweisung: Wer schön sein will, muss lernen.

Wo kann man das denn noch lernen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Es ist den Leuten völlig einsichtig, dass man Kochen oder Schmecken lernen muss. Bei der Schönheit denkt jeder, er habe die Deutungshoheit und da gäbe es nichts zu lernen. Aber auch Schönheit muss ich sehen lernen. Das heißt knallhart, ich muss ins Museum gehen oder in die Gemäldegalerie: Alte Kunst, moderne Kunst, die verschiedenen Weisen der Schönheit, ob es nun Rubens ist oder Franz von Stuck. Oder wenn ich es mit Malerei nicht so habe, kann ich Fotografien anschauen, beispielweise von Helmut Newton. Wenn ich zu Kunst keinen Zugang habe, kann ich auch verreisen und in anderen Kulturen erfahren, wie schauen da schöne Frauen aus. Noch besser ist es, wenn ich mich von der ausschließlich menschlichen Schönheit verabschiede und mich inspirieren lasse von Naturschönheit oder Musik.

Was macht am Ende Schönheit aus?

Jedenfalls nicht das, was Heidi Klum sagt: Seid tough, seid laut, zeigt her eure Brazilian Waxings! Man muss vielmehr dafür sorgen, dass man eine Persönlichkeit wird. Denn je mehr ich mich aus der Komfortzone herausbegebe, umso mehr lerne ich mich selbst kennen. Aber ich muss mich erstmal verlieren, um mich selbst zu finden. Wenn ich mich selbst kenne, werde ich souveräner und kann von innen heraus strahlen.

Ihr Autorenfoto stammt allerdings von dem Starfotografen Peter Lindbergh, darauf könnten Sie selbst als Model durchgehen. Predigen Sie also Wasser und trinken selbst Wein?

Nein, das Bild ist durch einen Zufall zustande gekommen. Wir haben einen gemeinsamen Freund, der Arzt ist. Peter Lindbergh kam in dessen Arztpraxis, in der eine Broschüre mit einem Schwarz-Weiß-Bild von mir auslag, um einen Vortrag anzukündigen. Daraufhin meinte Lindbergh, das sei ein interessantes Gesicht, das würde er gern fotografieren und ich bekam einen Anruf von der deutschen "Vogue", dass Lindbergh ein Shooting in Berlin mache mit Nadja Auermann und Donata Wenders und noch ein paar Freunden und da könne ich dazukommen. So ist dieses Foto entstanden.

Finden Sie sich auf dem Bild schön?

Ja. Ich finde das Foto schön, weil ich mich darauf wiedererkenne.

Mit Rebekka Reinhard sprach Solveig Bach.

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Quelle: n-tv.de

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