Unterhaltung
Das Leben kommt Ihnen langweilig vor? Dann verreisen Sie doch mal, und sei es nur, um ein paar mexikanischen Drogendealern mal ordentlich die Fresse zu polieren (Szene aus "Die große Odaliske").
Das Leben kommt Ihnen langweilig vor? Dann verreisen Sie doch mal, und sei es nur, um ein paar mexikanischen Drogendealern mal ordentlich die Fresse zu polieren (Szene aus "Die große Odaliske").(Foto: Dupuis 2012, by Ruppert, Bastien Vivés, Mulot (Jérôme) / Reprodukt 2013)

Spannende, bewegende, erotische Sommercomics: Auf der Suche nach dem Kick

Von Markus Lippold

Ein Junge, der im Rotlichtbezirk aufwächst und von der Welt träumt. Ein Gaunerpärchen, das den nächsten Coup plant. Ein Mann, der seine Jugendliebe wiedersehen will. Sie alle suchen das Abenteuer, wollen den alten Trott hinter sich lassen. Ihre Geschichten sind die perfekte Sommerlektüre.

Der Sommer ist da, die Urlaubspläne sind gemacht und manch einer sitzt vielleicht schon auf gepackten Koffern. Hauptsache frei, Hauptsache Urlaub, Hauptsache alles hinter sich lassen. Neue Horizonte entdecken - das verbindet auch Gabi, den Jungen, der in Palmas Rotlichtviertel aufwächst, Alex und Carole, die im Louvre auf Beutezug gehen, Raphael und Marie, die sich nach etlichen Jahren in Rom wiedersehen und Beatrice und Veronique, die gerade einen Bankraub hinter sich gebracht haben. Sie alle suchen das Abenteuer in der Ferne - ihre Geschichten sind die perfekte Comic-Sommerlektüre.

Eine Kindheit im Rotlichtbezirk

Señor Paco, ein alter Seemann, wohnt in der Nachbarschaft von Gabi.
Señor Paco, ein alter Seemann, wohnt in der Nachbarschaft von Gabi.(Foto: Gabi Beltrán & Bartolomé Seguí / Avant-Verlag 2012)

Barrio Chino - das chinesische Viertel von Palma de Mallorca ist kein Ort, an den sich Touristen verlaufen. Vor allem nicht in den frühen 1980er Jahren, als die spanische Insel noch keine Ausgeburt des Massentourismus ist. Hier treffen sich Diebe und Zuhälter, Drogendealer und alte Seeleute, warten Prostituierte auf Matrosen aus dem Hafen. Mittendrin sind auch ein paar junge Leute, zwischen Kindheit und Pubertät. Sie gebärden sich als Halbstarke, schlendern durch das nächtliche Viertel, finanzieren sich durch kleine Einbrüche oder machen eine Spritztour mit einem geklauten Auto.

Einer dieser Jugendlichen ist Gabi Beltrán. Seine Kindheitserinnerungen hat er - zusammen mit Zeichner Bartolomé Seguí - zu einem wundervollen Comic verarbeitet: "Geschichten aus dem Viertel" erzählt in Episoden aus dem Leben mitten im Rotlichtbezirk von Palma. Die Geschichten, umrahmt von Beltráns Rückkehr auf die Insel anlässlich des Todes seines Vaters, haben einen leichten, nostalgischen Ton, obwohl Drogen, Armut, Gewalt und Tod immer wieder eine Rolle spielen.

Bei einer der Prostituierten des Viertels verliert Gabi seine Unschuld.
Bei einer der Prostituierten des Viertels verliert Gabi seine Unschuld.(Foto: Gabi Beltrán & Bartolomé Seguí / Avant-Verlag 2012)

Dieses Nebeneinander von unbeschwerter Kindheit, dem ungewöhnlichen Umfeld und sehr ernsten Tönen gibt es in vielen Geschichten: Da ist sein bester Freund Benjamín, mit dem er durch die Straßen zieht, der jedoch ein paar Jahre später an einer Überdosis sterben wird. Da ist der Nachbar Señor Paco, ein alter Seemann, dem er jeden Tag zwei Flaschen Wein bringt. Da sind die älteren Jungen, die eine Drogerie überfallen und danach Beltrán den Besuch bei einer Prostituierten spendieren - es ist sein erstes Mal. Zusammen mit Ramos und dem brutalen Cardona klaut er schließlich ein Cabrio und entkommt nur knapp der Polizei.

Bei vielen dieser Protagonisten, mit denen Beltrán rumhängt, ahnt man bereits, wo und wie sie enden werden. Doch je brutaler seine Kumpels werden, desto mehr wünscht er sich selbst heraus aus diesem Leben, diesem Viertel, das er an einer Stelle als "schwarzes Loch, das nur die schlechten Dinge anzog" bezeichnet. Beltrán begeht dabei nicht den Fehler, seine Kindheit zu romantisieren, vielmehr schildert er nüchtern deren Freuden und Leiden. Das liegt auch daran, dass er die Geschichten im Rückblick erzählt, mit dem Wissen des Erwachsenen. So reflektiert er, ohne den Zeigefinger zu heben, was das Umfeld aus den Kindern des Viertels machte: "Wir fällten Entscheidungen wie Erwachsene. (…) Und wir irrten uns wie sie." Am Ende des Comics sitzt der junge Beltrán am Strand von Palma und wünscht sich hinaus in die Weite der Welt.

"Geschichten aus dem Viertel" ist bei Avant erschienen, hat 152 Seiten in Broschur und kostet Euro 19,95 (D).
"Geschichten aus dem Viertel" ist bei Avant erschienen, hat 152 Seiten in Broschur und kostet Euro 19,95 (D).

Heute arbeitet Beltrán als Illustrator für renommierte spanische und amerikanische Zeitungen und Zeitschriften. Obwohl er also mit dem Zeichenstift umgehen kann, tat er sich für die Gestaltung von "Geschichten aus dem Viertel" mit dem preisgekrönten spanischen Comickünstler Bartolomé Seguí zusammen. Der überzeugt nicht nur mit liebevollen Details, sondern auch mit der Darstellung der Figuren, die eine ungeheure Dynamik entwickeln. Seguí gelingt es auch, den Ton der Geschichten perfekt einzufangen: Der klare, dabei immer leichte Strich entspricht dem zwischen Humor und Nostalgie wechselnden Grundton, ohne aber die ernsten Stellen zu banalisieren. Verstärkt wird dies durch die wunderbaren, leicht ausgebleichten Farben. Alles zusammen macht "Geschichten aus dem Viertel" zu einer großartigen Lektüre und einer unbedingten Empfehlung. Außerdem ist das Buch ein Zeugnis dafür, dass es noch eine ganze Reihe toller Comics aus Spanien zu entdecken gibt.

"Geschichten aus dem Viertel" bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es beim Verlag.

Die Kunst, Kunst zu rauben

Beliebte Beschäftigung von Alex und Carole: Großformatige Gemälde aus Pariser Museen klauen.
Beliebte Beschäftigung von Alex und Carole: Großformatige Gemälde aus Pariser Museen klauen.(Foto: Dupuis 2012, by Ruppert, Bastien Vivés, Mulot (Jérôme) / Reprodukt 2013)

Frankreich muss man als Comic-Land dagegen nicht mehr entdecken. Ganz im Gegenteil, das Land hat genügend Klassiker hervorgebracht. Und es verfügt über eine neue Generation Zeichner, die die Tradition mit Leichtigkeit weiterführen. Einer von ihnen ist der 1984 geborene Bastien Vivès. Der bringt nicht nur - schaut man sich mal nur die deutschen Übersetzungen an - mehrere Comics im Jahr heraus, er tut dies auch noch auf gleichbleibend hohem Niveau und mit einer ungeheuren Bandbreite, wie etwa die Meisterwerke "Der Geschmack von Chlor" oder das dreibändige "Für das Imperium" zeigen. Nun versucht er sich an einem Action-Comic und legt zusammen mit Ruppert & Mulot "Die große Odaliske" vor, das auf Deutsch bei Reprodukt erscheint. Es geht um Alex und Carole, die sich auf Kunstdiebstähle spezialisiert haben. Dabei gehen die beiden Frauen äußerst gewitzt und akrobatisch vor.

Gerade haben sie aus dem Musée d'Orsay "Das Frühstück im Grünen" von Édouard Manet stibitzt, da flattert schon der nächste Auftrag rein: Diesmal sollen sie "Die große Odaliske" von Jean-Auguste-Dominique Ingres beschaffen, das im Louvre hängt. Dabei kriselt es zwischen den Damen: Alex wird gerade von ihrem Freund verlassen und hat deshalb beinahe den letzten Coup versemmelt. Gut, dass sie für den neuen Raubzug Verstärkung brauchen und Stuntfahrerin Sam ins Boot holen. Man bereitet sich also vor, beschafft Pläne, macht Schießübungen und reist nebenbei nochmal nach Mexiko, um einen Freund aus den Fängen eines Drogenbarons zu befreien. Doch statt ein eigenes Kartell namens "Die bösen Mösen" oder "Die Mega-Muschis" zu gründen, geht's dann doch wieder nach Paris. Dort wartet schließlich ein Gemälde. So steuert der Comic auf ein furioses Finale zu, denn die Diebestour erweist sich natürlich als äußerst schwierig.

"Die große Odaliske" ist bei Reprodukt erschienen, hat 128 Seiten in Broschur und kostet Euro 20 (D).
"Die große Odaliske" ist bei Reprodukt erschienen, hat 128 Seiten in Broschur und kostet Euro 20 (D).

Keine Frage: "Die große Odaliske" ist ein gewitztes Gaunerstück, temporeich, mit viel Action und drei schlagkräftigen Frauen. Gerade aus dieser Konstellation zieht der Comic seinen Humor, vor allem aber seine Originalität. So spiegelt sich das titelgebende Gemälde, auf dem der Maler den Akt zulasten der Realität und zugunsten der Ästhetik mit zusätzlichen Rückenwirbeln ausgestattet hat, subtil in der Handlung - es geht mehr um Schein als Sein. Wie bei Action-Filmen (als welchen man sich den Comic gut vorstellen kann) muss man sich eben auch bei diesem Werk auf einige Logiklöcher, viele Übertreibungen und Vereinfachungen einstellen. Das gilt auch für die Zeichnungen von Vivés, die dann doch etwas zu sehr hingeworfen und unfertig wirken, was dem Lesevergnügen etwas schadet. Aber auch wenn das Buch kein französisches Comic-Meisterwerk sein mag, es ist eine lässige Unterhaltung und eine schöne Lektüre für den Sommer.

"Die große Odaliske" bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es beim Verlag.

Wiedersehen in Rom

Marie erinnert Philippe an die alte Abmachung.
Marie erinnert Philippe an die alte Abmachung.(Foto: Jim / Splitter)

In Paris beginnt auch die Geschichte des Wiedersehens von Raphael und Marie. Beide haben sich seit Jahren, ja Jahrzehnten nicht gesehen - seit ihre Beziehung in die Brüche ging. Raphael lebt inzwischen mit Sophie zusammen. Und er wird in Kürze 40. Eine Zahl, die ihm zu denken gibt. Als wäre das nicht schon schlimm genug, erreicht ihn wenige Tage vor dem Geburtstag ein Brief mit einer Videokassette. Was er darauf sieht, ist für ihn ein Tor in die Vergangenheit, 20 Jahre früher. Er und seine damalige Freundin Marie geben sich darauf ein Versprechen: Da sie am selben Tag Geburtstag haben, wollen sie ihren 40. Geburtstag gemeinsam verbringen - in Rom, egal wie ihr Leben dann aussieht. Da kommt Raphael ins Grübeln.

Was Autor und Zeichner Jim in seinem zweibändigen Comic "Eine Nacht in Rom" (erschienen bei Splitter) zelebriert, scheint auf den ersten Blick eine kitschige Hollywood-Romanze zu sein: Ein Mann an einem Wendepunkt seines Lebens erinnert sich an seine Jugend, an seine große Liebe und er fühlt die alte Sehnsucht wieder aufsteigen. Doch ganz so einfach ist es für Raphael dann auch wieder nicht. Nicht nur, weil er gerade - wie Marie - in einer Beziehung steckt. Die Idee, alles aufzugeben und nach Rom zu düsen, kommt ihm wie jugendlicher Blödsinn vor. Andererseits strahlt Marie eine Faszination aus, der er sich kaum entziehen kann.

"Eine Nacht in Rom" Band 1 ist bei Splitter erschienen, hat 112 Seiten im Hardcover und kostet Euro 19,80 (D).
"Eine Nacht in Rom" Band 1 ist bei Splitter erschienen, hat 112 Seiten im Hardcover und kostet Euro 19,80 (D).

Wie dieser Konflikt ausgeht, wird erst im zweiten Band verraten. Aber Jim lässt bereits im ersten Teil genug Nuancen zu, damit der Leser ahnt: Eine 08/15-Geschichte wird diese Wiederbegegnung nicht werden. Natürlich nicht, denn Beziehungen sind nie so einfach, wie sie scheinen. Das ist die Grundfrage des Buches: Was macht eine gelungene, eine glückliche Beziehung aus? Reicht dazu jugendliche Sehnsucht? Oder braucht es mehr? Getragen wird dieses Thema von einem interessanten Figurenensemble, deren innere Konflikte im ersten Band bereits angedeutet werden. Da darf man auf das Ende gespannt sein. Leider spiegelt sich diese Zerissenheit nicht immer in den Zeichnungen. Dafür wirken die Figuren etwas zu glatt, zu schön. Aber wer will es dem Zeichner verdenken: Es geht von Paris, der Stadt der Liebe, nach Rom, der ewigen Metropole.

"Eine Nacht in Rom" bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es beim Verlag.

Fette Beute

Beatrice und Veronique warten auf Leonce.
Beatrice und Veronique warten auf Leonce.(Foto: Les Impressions Nouvelles / Jimmy Beaulieu / Schreiber & Leser)

Eine Lektüre für Nächte, in denen die Hitze jeden Schlaf raubt, ist schließlich "Nachtstück" von Jimmy Beaulieu, erschienen bei Schreiber und Leser. Es geht um zwei Gangsterbräute. Doch im Gegensatz zu Alex und Carole aus "Die große Odaliske" sind Beatrice und Veronique zur Passivität verdammt. Sie müssen in einer Hütte auf Leonce warten. Zusammen haben die drei eine Bank ausgeraubt, sich danach aber getrennt. Als Leonce am vereinbarten Treffpunkt auf sich warten lässt, beginnen die beiden Frauen, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen.

Wer den Frankokanadier Beaulieu kennt, der ahnt schon, worum es darin geht: Die meist weiblichen Figuren begegnen Zyklopen, verstricken sich in Romanzen oder gehen auf die Jagd nach Männern - um sie zu verspeisen. Das alles ist mit einer Prise Erotik gewürzt. Schließlich kommen sich auch Beatrice und Veronique, während sie sich wartend auf dem Bett wälzen, näher.

"Nachtstück" ist bei Schreiber & Leser erschienen, hat 112 Seiten in Broschur und kostet Euro 14,95 (D).
"Nachtstück" ist bei Schreiber & Leser erschienen, hat 112 Seiten in Broschur und kostet Euro 14,95 (D).

"Nachtstück" ist nach dem opulenteren "Ein philosophisch-pornographischer Sommer" ein dünnes Buch, eine Sammlung teils nur wenige Seiten langer Geschichten, die durch eine Gangsterstory zusammengehalten werden. Beaulieu frönt hier seiner Lust, Schauplätze und Figuren permanent zu variieren. Aufgelockert wird das durch kleine dramaturgische Kniffe, wenn eine Geschichte etwa plötzlich endet, weil die Erzählerin den Faden verloren hat oder wenn die eine die Geschichte der anderen fortführt. Zeichnerisch gibt es dabei keine Überraschung: Es ist ein typischer Beaulieu - skizzenhaft und mal schlicht, mal expressiv koloriert. Das ist ein Stil, der die Leichtigkeit und Verspieltheit seiner Geschichten, die schon mal ins Grotestke abgleiten, sehr schön einfängt. "Nachtstück" erfindet das Rad nicht neu, aber es ist eine prickelnde und witzige Bettlektüre.

"Nachtstück" bei Amazon bestellen. Eine kurze Leseprobe gibt es beim Verlag.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen