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Der kleine Didi und der große Stulle - sie können nicht ohneeinander. Jetzt gibt es die Helden von Fil als Gesamtausgabe.
Der kleine Didi und der große Stulle - sie können nicht ohneeinander. Jetzt gibt es die Helden von Fil als Gesamtausgabe.(Foto: Fil / Reprodukt Verlag)
Donnerstag, 24. November 2016

Fil über Berlin, Humor und Comics: "Didi liebt Stulle, aber Stulle liebt Didi nicht"

Heinrich Zille hat die Berliner Hinterhöfe gezeichnet. Fil hat ihnen eine Sprache gegeben. "Faschtehste?" Seine Comichelden "Didi und Stulle" berlinerten sich 18 Jahre lang durch das Stadtmagazin "Zitty", mit derbem Humor und Straßenphilosophie. Sie kloppten sich, trafen Gott und Angela Merkel, durchschritten das Land der Phantasie und die Hölle. Nun erscheint eine Gesamtausgabe, mehrere Kilo schwer und im Schuber. Als Klo-Lektüre sei das nicht geeignet, stellt Fil im Gespräch mit n-tv.de klar. Dafür könne man die beiden Anarchos jetzt neu entdecken. Der Zeichner und Autor erzählt außerdem, warum die beiden Schweine sind, weshalb er Comics für Trash hält und warum Humor verstörend sein muss.

n-tv.de: Jetzt gibt es die Gesamtausgabe von "Didi und Stulle". Fühlt es sich wie ein Abschluss an?

Fil: Das zum Glück nicht. Aber es fühlt sich erstaunlich gut an. Eigentlich wollte ich so was gar nicht machen. Meine ursprüngliche Idee war eine Art Best-of der Comics.

Warum hast du deine Meinung geändert?

Fil Tägert wurde 1966 in Berlin geboren und wuchs im Märkischen Viertel auf, einer Hochhaussiedlung am nördlichen Stadtrand. Seit er 14 ist, veröffentlicht er Comics. "Didi und Stulle" erschienen zuerst 1986, dann zwischen 1997 und 2015 regelmäßig in der "Zitty". Außerdem arbeitet Fil als Entertainer, Sänger und Autor. Seine beiden Romane heißen "Pullern im Stehn" und "Mitarbeiter des Monats".
Fil Tägert wurde 1966 in Berlin geboren und wuchs im Märkischen Viertel auf, einer Hochhaussiedlung am nördlichen Stadtrand. Seit er 14 ist, veröffentlicht er Comics. "Didi und Stulle" erschienen zuerst 1986, dann zwischen 1997 und 2015 regelmäßig in der "Zitty". Außerdem arbeitet Fil als Entertainer, Sänger und Autor. Seine beiden Romane heißen "Pullern im Stehn" und "Mitarbeiter des Monats".(Foto: Fil Tägert/ Fiona Krakenbürger)

So ein Buch hätte sich an eine komplett andere Zielgruppe gerichtet, die es vielleicht gar nicht mehr gibt. Früher war ich immer ungemein stolz, dass "Didi und Stulle" in Studenten-WGs auf den Toiletten lag, als Klo-Lektüre. Ich weiß aber gar nicht, ob es solche WGs überhaupt noch gibt. Also habe ich mich vom Verlag überzeugen lassen, einen Schuber zu machen. Den kann man nicht auf die Toilette legen. Mit dem kann man "Didi und Stulle" tatsächlich ganz neu entdecken.

Das sind vor allem die einseitigen Comicstrips aus dem Berliner Stadtmagazin "Zitty"?

Die sind alle in dem Schuber drin. Hinzu kommen aber auch Comics, die nicht in der "Zitty" waren. Ich hab ja auch für Magazine in Köln, Leipzig und Stuttgart gearbeitet. Dort gab es auch exklusive Comics.

Und woher kommen die ganzen Bonus-Sachen?

Ich habe mein Atelier durchsucht und dort noch jede Menge Zeug gefunden. Ein paar Sachen haben wir auch extra gemacht, damit es etwas runder wird. "Danger in Moskau", das als Heft dem Schuber beiligt, hatte ich den Fans schon vor zehn Jahren versprochen, aber seitdem lag es unfertig rum. Jetzt habe ich die Gelegenheit genutzt, um es zu Ende zu bringen. Wir haben irre lange an dem Ding gearbeitet. Und deshalb bin ich doch ganz stolz, wie es geworden ist.

Didi und Stulle sind zwei Schweine. Wieso eigentlich?

(Foto: Fil / Reprodukt Verlag)

Weil ich aus der Comic-Kultur komme. Mich hat damals Robert Crumb total umgehauen. Seine Comics haben mich als Teenager begeistert: dieser Sex, diese Unbändigkeit, diese Energie. Crumb hat mit Tierfiguren wie Fritz the Cat gearbeitet - vielleicht habe ich das von ihm. Später habe ich es total bereut, dass Didi und Stulle Schweine sind. Ich wollte irgendwann auch mal ernste und traurige Geschichten erzählen, aber das ist schwer, wenn deine Figuren Schweinebacken sind. Das limitiert einen auch.

Wie würdest du das Verhältnis zwischen Didi und Stulle beschreiben?

Das ist schon ein bisschen tragisch. Sie sind nicht etwa stumpf, sondern irrsinnig empfindsam. Sie leiden an der Welt, die leiden an sich, die leiden an ihren Gefühlen füreinander. Ich glaube, Didi liebt Stulle, er ist richtig verliebt. Stulle liebt Didi aber nicht. Didi will ein bisschen mehr von Stulle, als Stulle ihm geben kann und das macht Didi wahnsinnig. Das ist wahrscheinlich die ganze Geschichte: nicht nur die Freundschaft zwischen beiden, sondern auch, dass du nicht haben kannst, was du willst.

Schlägt Didi deshalb in vielen Geschichten auf Stulle ein?

Das ist so typisch: Wenn's dir schlecht geht machst du den fertig, den du eigentlich liebst. Das machen wir ja eigentlich alle.

Du hast Anfang der 80er, mit gerade mal 14 Jahren, angefangen, für die "Zitty" zu zeichnen. Wie kam es dazu?

Als Zwölfjähriger hatte ich einen Unfall mit meinem Knie und konnte dann ein Dreivierteljahr nicht laufen. Ich lag also die ganze Zeit zu Hause im Bett und zeichnete. Mit 14 schickte ich dann Comics an die "Zitty" und die haben das tatsächlich gedruckt. Erst später erfuhr ich, dass die Redakteure das gegen viel Kritik durchsetzen mussten.

War der Humor zu derb?

Bei "Didi und Stulle" geht es nicht nur um Kalauer, sondern auch um die großen Fragen des Lebens.
Bei "Didi und Stulle" geht es nicht nur um Kalauer, sondern auch um die großen Fragen des Lebens.(Foto: Fil / Reprodukt Verlag)

Das war total dirty, sexy und krass. Ich war damals sehr von dem Magazin "U-Comix" beeinflusst, das für mich und viele andere Comiczeichner eine Initialzündung war. Die trauten sich alles und ich dachte mir: Wenn Comics jetzt so sind, dann mache ich das auch. Meine Strips waren von Anfang an ohne Tabus und es gab auch sofort Ärger in der linksalternativen "Zitty", es gab wütende Leserbriefe.

Damals waren die sogenannten Underground-Comix in Deutschland populär.

Für die meisten Leute war es damals eine Riesenüberraschung, dass es Comics für Erwachsene gibt. Das war eine Sensation, die kannten wirklich nur "Asterix" und "Micky Maus". Als 1986 der erste "Didi und Stulle"-Comic erschien war das einigen zu brutal, manche hielten das für Dreck. Aber andere sagten: "Ich war selten so berührt." Die wussten nicht, dass ein Comic so was kann, obwohl es das in den USA und in Frankreich ja längst gab. Ende der 80er wurde ich in einem Zeitungsartikel sogar "Balzac der Berliner Hinterhöfe" genannt.

Du selbst hast deine Comics, aber auch deine Live-Auftritte mal als Trash bezeichnet.

Comics sind für mich ein trashiges Medium. Meine Generation kommt ja aus dieser Trash-Kultur: Comics, Punk, Fanzines und Horrorfilme. Wir haben davon profitiert, dass unsere Sachen Untergrund und Trash waren, in denen alles möglich war. In den 80ern war ich von Leuten umgeben, die irgendeinen Müll gemacht haben. Mir war diese Freiheit immer wichtiger als die Anerkennung. Bei "Didi und Stulle" ist das heute noch so: Das sieht nicht aus wie etwas, das dich intellektuell anspricht. Aber dann bist du überrascht, wenn da eine feinfühlige Aussage drin ist oder ein guter Gag.

Diese Freiheit äußert sich auch in deiner Arbeitsweise: Du hattest kein Konzept für deine Comics, keine großangelegte Story.

Leider, muss ich sagen. Es wäre besser gewesen, ich hätte mir mehr Mühe gegeben. Aber es ist auch echt schwer, sich alle zwei Wochen einen guten Gag auszudenken und ihn auf einer Seite unterzubringen. Mein Vorbild war immer der Comic "Gaston" von Franquin. Dort lacht man nicht nur über den Gag am Schluss, sondern über die ganze Atmosphäre. Wenn ich mehr als eine Seite brauchte, habe ich einfach "Fortsetzung folgt" druntergeschrieben. So sind die Serien entstanden. Erst gab es einen Zweiteiler, dann einen Vierteiler, bei der letzten Story waren es dann 78 Teile. Nur für eine Geschichte, "Getötet vom Tod", habe ich wirklich ein Konzept geschrieben. Die finde ich auch gut, die ist runder als die anderen.

Der Strip lief 18 Jahre. Warum war 2015 Schluss?

Auch Merkel hat einen Gastauftritt bei "Didi und Stulle".
Auch Merkel hat einen Gastauftritt bei "Didi und Stulle".(Foto: Fil / Reprodukt Verlag)

Irgendwann hatte ich die Idee, ein Jahr zu pausieren, um zu schauen, ob mir das Zeichnen fehlt. Ich zeichnete also jeden Monat zwei reguläre Comics und einen für später. Und dann habe ich ein Jahr lang nur die abgegeben, die ich schon hatte. Und ich fand tatsächlich heraus, dass mir das Zeichnen nicht fehlt. Das war ein bisschen erschreckend. Außerdem wurde die "Zitty" von zwei- auf wöchentliche Erscheinungsweise umgestellt und mein Redakteur, mit dem ich bei der "Zitty" angefangen hatte, ging in Rente. So kam eben alles zusammen. Die Luft war irgendwie raus.

Die Strips erschienen in einer Zeit, in der sich Berlin stark verändert hat. Trotzdem sind sich Didi und Stulle irgendwie treu geblieben.

Naja, in den letzten Abenteuern hängen sie ja nur noch an Handy und Computer. Didi hat ja dann auch eine Freundin und sie heiraten. Ihnen passiert also das, was anderen auch passiert, sie kämpfen denselben Kampf. Immer wieder stürzt die Welt auf sie ein und sie müssen eine Lösung finden. Das verändert sie die ganze Zeit. Diese Mutationen sind ja auch Ausdruck dafür, dass sie aus ihrem proletarischen Background fliehen wollen.

Sind sie Verlierer?

Letztlich sind sie klassische Verlierer. Vielleicht wären sie auch AfD-Wähler geworden. Ich weiß nicht, was sie gemacht hätten. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie mit der heutigen politischen Korrektheit konfrontiert sein würden, mit dieser Spaltung der Gesellschaft. Das ist natürlich inzwischen barbarisch geworden und rassistisch, das ist furchtbar. Das sind Didi und Stulle nicht. Sie sind schon Helden, sie sind keine Bösen.

Sie lassen sich nicht unterkriegen …

Das ist so eine Mentalität aus den 80ern: Sie selbst sehen sich nicht als Verlierer. In einer meiner Lieblingsszenen geht Didi auf einen Spielplatz und da sitzt Matthias Schweighöfer. Didi setzt sich daneben und sagt: "Na, Schweighöfer, haste ooch'n Kind!" Schweighöfer ist berühmt, aber Didi textet ihn einfach so zu. Das macht er ja auch mit Karl Lagerfeld oder Angela Merkel. Er geht mit Autoritäten extrem respektlos um. So waren wir eigentlich früher auch im Märkischen Viertel. Eigentlich bin ich immer noch so, ich propagiere diese Einstellung.

Aber mit der Zeit hat sich dein Leben verändert. Wie hat das die Figuren beeinflusst?

Als ich angefangen habe, in den 80ern, war ich bettelarm. Ich habe nichts gelernt, habe immer gejobbt und in WGs gewohnt. Mit Anfang 30 habe ich damit aufgehört und nur noch meine Auftritte und Comics gemacht. Da wurde mir bewusst, dass sich mein Leben von Didi und Stulle entfernt. Ich wollte keine Comics über die verrückten Eltern im Prenzlauer Berg machen oder über den Ärger beim Kauf einer Eigentumswohnung. Mir war aber auch klar, dass sich etwas verändern muss, weil es sonst nicht mehr authentisch ist. Deshalb heiratet Didi später, bekommt Kinder.

Mittlerweile hast Du auch zwei Romane geschrieben. Wird es auch einen über "Didi und Stulle" geben?

"Didi & Stulle: Die Gesamtausgabe" ist bei Reprodukt erschienen, drei Bände im Schuber mit Poster und Beiheft, insgesamt 772 Seiten, Subskriptionspreis bis 10. Januar: 99,- Euro, danach 120 Euro.
"Didi & Stulle: Die Gesamtausgabe" ist bei Reprodukt erschienen, drei Bände im Schuber mit Poster und Beiheft, insgesamt 772 Seiten, Subskriptionspreis bis 10. Januar: 99,- Euro, danach 120 Euro.

Ja, das ist eine Idee für später. Ich bin ein großer Fan von "Huckleberry Finn". Das ist ja aus der Sicht von Huck geschrieben, der Slang spricht. Das könnte so ein Stulle sein. Es wäre sicher lustig, wenn Didi und Stulle genauso von einer Bredouille in die nächste kommen.

Mittlerweile trittst du auch viel als Entertainer auf. Worum geht es dir dabei?

Es muss heftig und verstörend sein. Oder wie ein Freund das mal genannt hat: Irritainment - Leute irritieren. Die Leute wollen ja Feelgood Comedy, sie wollen Sachen gerne einordnen. Und das hasse ich. Ich hasse politische Korrektheit, ich will das entlarven. In meiner neuen Show etwa habe ich einen Gangsterrap über das Stillen in der Öffentlichkeit, der ist so richtig böse.

Das ist ja der Ursprung des Witzes, dass man Tabus bricht.

Humor ist immer das, was du nicht erträgst. Da komme ich jedenfalls her. Im Moment kommt es mir vor, als wären wir alle Hofnarren. Wir machen uns lustig über Donald Trump und er gewinnt trotzdem. Witze über das Aussehen von Trump, seine Haare, das ist für mich die unterste Stufe des Humors.

Du hältst dich aber selbst auch nicht gerade zurück.

Natürlich bin ich selbst ein derber Komiker. Ich habe auch schlimme Witze gemacht, die ich so nicht wieder machen würde. Das ist wahrscheinlich auch eine Altersfrage. Jetzt wo ich 50 geworden bin, möchte ich, dass Dinge positiv enden. Es ist nicht die Aufgabe von Humoristen, den Leuten zu sagen, was sie sowieso denken. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, absurdes Zeug zu machen. Es könnte unsere Aufgabe sein, etwas Positives zu machen. Es ist wichtig, etwas Lustiges zu schaffen, etwas Befreiendes.

Um die Katastrophen des Lebens zu ertragen?

Wir haben den hohen Anspruch, dass alles in der Welt in Ordnung sein soll. Aber so ist es nun mal nicht. Wir werden von Irren regiert, das war schon immer so. Wir sind aber für uns selber verantwortlich. Es gibt ein gutes Leben im schlechten.

Mit Fil sprach Markus Lippold.

Am Freitag, 25. November, stellt Fil die "Didi und Stulle"-Gesamtausgabe in Berlin vor: 18 Uhr, "Modern Graphics", Kastanienallee 79, der Eintritt ist frei. Die Auftritte mit seinem aktuellen Programm gibt es hier.

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Quelle: n-tv.de

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