Unterhaltung
Krimi-Autorin Leon
liebt ihre Wahlheimat Venedig und bleibt dort gerne unerkannt.
Krimi-Autorin Leon liebt ihre Wahlheimat Venedig und bleibt dort gerne unerkannt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Brunetti-Kult und Italien-Klischees: Donna Leon denkt nicht ans Aufhören

Von Katja Sembritzki

Commissario Brunetti ist Kult. Besonders im deutschsprachigen Raum. Seine Erfinderin, die in Venedig lebende US-Amerikanerin Donna Leon, feiert jetzt ihren 70. Geburtstag - und bringt den 20. Brunetti-Krimi auf den deutschen Markt. Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Mann im Leben der Autorin. Dem allerdings ist sie gerade untreu geworden.

Auf Donna Leon ist Verlass. Seit 1992 liegt jedes Jahr ein neuer Brunetti-Krimi der US-amerikanischen Autorin bei den Buchhändlern. Und auch die Leser erfüllen ihren Part der stillschweigenden Verabredung und lassen die Romane jedes Jahr aufs Neue die Bestsellerlisten im Sturm erobern.

Der venezianische Polizist Guido Brunetti, seine liebenswerte Familie und seine teils skurrilen Kommissariats-Kollegen haben Leon, die am 28. September ihren 70. Geburtstag feiert, weltberühmt gemacht. Ihre Bücher werden in über 30 Sprachen übersetzt. Nur eine ist nicht dabei: Italienisch – die Sprache ihrer Wahlheimat.

Es sei eine ganz bewusste Entscheidung gewesen, so die Autorin. Sie wolle in Italien nicht als Berühmtheit wahrgenommen werden und weiterhin unbefangen mit ihren Nachbarn umgehen können. Denn Bekanntheit, so betont sie immer wieder in Interviews, verändere den Menschen nicht unbedingt zum Positiven und berge die Gefahr, sich als etwas Besseres zu fühlen und vom Gegenüber Sonderbehandlung zu erwarten.

Von New Jersey nach Venedig

Seit dem fünften Brunetti-Film ist Uwe Kockischin der Rolle des Commissario zu sehen. Seine Frau Paola wird von JuliaJäger gespielt.
Seit dem fünften Brunetti-Film ist Uwe Kockischin der Rolle des Commissario zu sehen. Seine Frau Paola wird von JuliaJäger gespielt.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Seit den frühen 80er Jahren lebt Leon bereits in Venedig, im vierten Stock eines alten Palazzo unweit des Rialto. Zuvor ist sie viel in der Welt herumgekommen. Im US-Bundesstaat New Jersey geboren, verließ sie mit 23 Jahren Amerika, um in Siena und Perugia ihr Studium der englischen Literatur zu beenden. Anschließend war sie als Reiseleiterin in Rom sowie als Texterin in einer Londoner Werbeagentur tätig und unterrichtete an amerikanischen Schulen unter anderem in der Schweiz, im Iran und in China.

Zurück in Italien trat Commissario Brunetti in ihr Leben. Er ist seinen Lesern als sympathischer, leicht melancholischer Familienmensch ans Herz gewachsen, der sich schon vormittags den ersten Wein des Tages genehmigt, nach der Arbeit seine Nase in die Klassiker der alten Griechen und Römer versenkt und bei der täglichen Verbrechersuche mit der richtigen Mischung aus Intuition und Verstand gegen das Böse in der Welt kämpft. Oft leider vergebens. Denn auch wenn er die Täter gefunden hat, können sie nicht immer ihrer gerechten Strafe zugeführt werden – zu mächtig sind die Hintermänner.

Leon kann und will in ihren Büchern nicht verleugnen, dass sie schon sehr lange in Italien lebt: Immer wieder lässt sie Brunetti erkennen, dass Korruption, Vetternwirtschaft und organisierte Kriminalität das Land regieren. Ohne Verbindungen läuft da gar nichts. Zusätzlich muss Brunetti auch noch geschickt die Anweisungen seines unfähigen Chefs umschiffen, der mehr auf seine gesellschaftliche Reputation aus ist, als auf die tatsächliche Lösung der Verbrechen. Das führt dann dazu, dass sogar der integre Commissario sich bei seinen Ermittlungen am Rande der Legalität bewegen muss – tatkräftig unterstützt von Signorina Elettra, der Augenweide der Questura (Polizeipräsidium), ohne deren Hackerqualitäten mancher Fall ungelöst geblieben wäre.

Tod einer alten Dame

Spielt eine der Hauptrollen in den Büchern von Leon:die Serenissima.
Spielt eine der Hauptrollen in den Büchern von Leon:die Serenissima.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

So auch der aktuell 20. Fall, "Reiches Erbe", in dem Brunetti den Tod einer alten Dame aufklären muss, die an einem Herzanfall gestorben zu sein scheint. Der Commissario aber traut dem Offensichtlichen nicht. Und tatsächlich: Seine Ermittlungen bringen ihn auf die Spur eines gefälschten Testaments.

In ihren Büchern verzichtet Leon auf Action und Spannung; Gewalt mag sie nicht. Ihr Erfolgsrezept: Man nehme ein aktuelles Thema, das die Menschen bewegt (Menschenhandel, Prostitution, Diskriminierung von  Minderheiten, Kindesmissbrauch, Umweltskandal), lasse den ermittelnden Kommissar Oberhaupt einer intakten, harmonischen, "typisch italienischen" Familie sein und würze das Ganze mit einer Prise venezianischem Lokalkolorit.

Mit Brunetti durch Venedig

Diese Mischung – mit der Leon immer wieder den Finger in die Wunde legt und gleichzeitig reichlich Italien-Klischees und Vorurteile zwischen "Dolce Vita" und Nord-Süd-Animositäten vereint –  ist besonders im deutschsprachigen Raum Kult geworden.

Nicht selten sieht man in Venedig Touristen mit einem Spezialstadtplan auf den Spuren Brunettis wandeln, wer will kann bei einem Brettspiel auf Verbrecherjagd gehen oder dank einer Rezeptsammlung die legendären Dreigang-Menüs von Brunettis Frau Paola nachkochen. Außerdem sind fast alle Fälle fürs deutsche Fernsehen verfilmt worden.

Mit Händel um die Welt

Haben eine gemeinsame Mission in SachenBarockmusik: die Freundinnen Leon und Bartoli (zurechtgemacht als AbbéSteffani).
Haben eine gemeinsame Mission in SachenBarockmusik: die Freundinnen Leon und Bartoli (zurechtgemacht als AbbéSteffani).

Aber auch wenn die Namen Leon und Brunetti unauflöslich miteinander verbunden sind: Der Commissario ist nicht der einzige Mann im Leben der Autorin. Die Schriftstellerin ist eine große Opernliebhaberin und ihre besondere Leidenschaft gilt Georg Friedrich Händel und der Barockmusik mit ihrer brillanten Klarheit und den halsbrecherischen Koloraturen. Um keine der wichtigen Händel-Inszenierungen zu verpassen, richtet sie ihren Terminplan ganz nach den Premieren der Opernhäuser – egal, in welchem Teil der Welt sie gerade stattfinden.

Aber sie ist nicht nur passive Musikenthusiastin. Zwar spielt sie selbst kein Instrument, fördert aber zahlreiche Einspielungen mit dem Orchester "Il Complesso Barocco". Ein besonderes Anliegen ist es ihr dabei, Kinder an klassische Musik heranzuführen und ihnen zu zeigen, sie viel Spaß sie machen kann. So begibt sie sich in "Tiere und Töne" gemeinsam mit dem Orchester auf die Suche nach den Lauten von  Löwe, Nachtigall, Frosch und Elefant in der Händelschen Musik.

Die Entdeckung des Agostino Steffani

Zu ihrem Geburtstag hat sich Leon noch ein ganz besonderes Geschenk gemacht: Vor wenigen Tagen erschien ihr Roman "Himmlische Juwelen", in dem die Musik eine der Hauptrollen spielt. Und so erstaunlich es erscheinen mag: Es ist nicht das Werk des von ihr so sehr verehrten Händel. Ihren ersten Musik-Krimi widmet sie einem anderen: Agostino Steffani, einem eher unbekannten Barockkomponisten, der gleichzeitig ein Leben als Kirchenmann, vielgereister Diplomat und Kuppler in deutschen Adelskreisen führte.

In dem Roman lässt Leon die Musikwissenschaftlerin Caterina Pellegrini – selbstverständlich in Venedig – Steffanis Nachlass sichten, zwei Truhen voller Dokumente. Die heillos zerstrittenen Erben wünschen sich davon einen Hinweis auf umfangreiche Schätze, die sich zu Geld machen lassen. Bald schon stößt Pellegrini auf Schriftstücke, die den Verdacht zulassen, dass Steffani möglicherweise ein Spion und Mörder war. Am Ende geben dann auch noch "himmlische Juwelen" wahre Rätsel auf.

Den Anstoß zu dem Roman gab ihre Freundin, die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli, die zeitgleich eine CD mit Arien von Steffani veröffentlicht hat, darunter einige Ersteinspielungen. Der Titel "Mission" ist dabei Programm, denn nicht zum ersten Mal bringt die Sängerin ihren Hörern unbekannte Komponisten bzw. unbeachtete Facetten berühmter Komponisten nahe. Da hat bestimmt auch Händel-Fan Leon ihre Freude dran.

Ihre Leidenschaft für die Musik soll die Schriftstellerin übrigens auch dazu gebracht haben, Brunetti zu erfinden. In der Garderobe des venezianischen Opernhauses "La Fenice" – gerade war Herbert von Karajan gestorben – fantasierte sie mit einem Orchestermitglied einen Dirigentenmord zusammen. Zu Hause schrieb sie die Ideen gleich auf. Das Resultat war Brunettis erster Fall, das "Venezianische Finale".

Von Finale kann aber auch nach 20 Romanen nicht die Rede sein. Brunetti-Fans dürfen sich freuen: Leon will weitermachen. Der 21. Fall steht schon in den Startlöchern. Dieses Mal führt ein Mord Brunetti auf einen Schlachthof. Dort muss er sich mit dem Grauen der Fleischproduktion und nicht zuletzt seinen eignen Essgewohnheiten auseinandersetzen.

"Reiches Erbe" bei amazon.de bestellen

"Himmlische Juwelen" bei amazon.de bestellen

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen