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Empfindsamkeit, Stimmung und Empathie ändern sich bei Frauen während des Zyklus'.
Empfindsamkeit, Stimmung und Empathie ändern sich bei Frauen während des Zyklus'.(Foto: Luisa Stömer und Eva Wünsch/Gräfe und Unzer )
Sonntag, 14. Mai 2017

Der weibliche Zyklus als Buch: "Ebbe und Blut" ist jenseits der Schamgrenze

Zwei Designstudentinnen schreiben die beste Bachelor-Arbeit ihres Jahrgangs an der TH Nürnberg – über die "Gezeiten des weiblichen Zyklus". Kurz darauf haben sie dafür einen Buchvertrag in der Tasche. In "Ebbe und Blut" geht es um Blut im Höschen, Zervixschleim und Mittelschmerz. Luisa Stömer und Eva Wünsch sind seit dem Projekt viel weniger verklemmt, wie sie im Interview freimütig einräumen.

n-tv.de: Wie kamen Sie darauf, sich so intensiv mit dem weiblichen Zyklus zu befassen?

Eva Wünsch: Das Buch ist ja unsere Bachelor-Arbeit an der Design Fakultät der TH Nürnberg. Wir haben dafür nicht nach einem Zeitgeistthema gesucht, sondern wir wollten etwas machen, das uns und unseren Freundeskreis interessiert.

Luisa Stömer: Das ist ja jetzt mehr als zwei Jahre her, seit wir angefangen haben, uns mit dem Thema zu befassen. Mit der Zeit haben wir im Internet und in Zeitschriften immer mehr zu dem Themenraum weiblicher Zyklus und Menstruation gefunden. Wir haben zunächst gedacht, wir hätten da so eine Art Tunnelblick, weil wir uns damit so intensiv beschäftigten. Aber dann merkten wir, dass darüber tatsächlich mehr gesprochen und geschrieben wird.

Sie sind zwei Frauen in ihren Zwanzigern. Es ist sicher nicht so, dass Sie vor dem Buch gar nichts über Menstruation und den weiblichen Zyklus wussten.

Wünsch (l.) und Stömer sind auch privat befreundet.
Wünsch (l.) und Stömer sind auch privat befreundet.(Foto: Katharina Pflug)

Wünsch: Wir wussten, dass wir unsere Tage haben, aber wir wussten nicht so genau, warum. Wir haben uns einfach nicht so ausgiebig damit beschäftigt. Deshalb haben sich uns ja auch so viele Fragen gestellt. Wann man jetzt genau schwanger werden kann oder was in dem Zeitraum passiert, in dem man nicht seine Tage hat. Die vielen anderen Phasen sind ja auch sehr beeinflussend.

Aber sie gehören doch zu einer Generation, in der die Dinge offen verhandelt wurden, hatten sicher Sexualkunde und auch Mütter, die mit Ihnen gesprochen haben?

Stömer: Ja, das ist sicher so. Wir sind in offenen Haushalten groß geworden. Unsere Mütter haben uns gesagt, dass wir unsere Tage bekommen und dass wir Tampons oder Binden benutzen können. Aber niemand hat uns gesagt, warum das passiert. Dann hatten wir in der sechsten Klasse Aufklärungsunterricht und man hat uns ganz spielerisch erklärt, dass wir unsere Tage bekommen und was passiert, wenn ein Spermium ins Spiel kommt. Aber als sich dann ein paar Jahre später die spezifischen Fragen stellten, gab es keine Plattform mehr dafür. Bei Mädchenabenden haben wir uns dann Halbwissen weitergereicht, das hat dazu geführt, dass wir Verhütungsunfälle haben und beispielsweise nicht wissen, wie man schwanger sein und trotzdem weiter seine Tage haben kann, wieso die Pille funktioniert - oder in anderen Fällen völlig versagt. Oder was der Uterus macht, wenn er nicht blutet. Deshalb haben wir versucht, alles Wissen über den weiblichen Zyklus in ein Medium zu packen.

Inzwischen findet man menstruierende Frauen auf Instagram, freie Menstruation ist ein Trend, in Italien werden Menstruationsferien gefordert, kann man heute zu dem Thema überhaupt noch etwas Neues sagen?

Ebbe & Blut: Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus (Einzeltitel)
EUR 24,00

Stömer: Was wir in "Ebbe und Blut" gesammelt haben, ist sicher nicht neu. Aber obwohl das Thema jetzt gerade ein bisschen mehr in den Fokus rückt, fehlt vielen das umfassende Verständnis dazu. Welche Organe sind beteiligt, welche Verhütungsmethoden gibt es, wie sind die Auswirkungen, was kann man bei welchen Beschwerden tun? Natürlich kann man über Menstruationsferien reden und das bedeutet zumindest einen richtigen Ansatz zu haben, dem weiblichen Zyklus in der Öffentlichkeit Raum zu geben. Aber davon wissen wir noch nicht wirklich, was da eigentlich alles passiert und wie sehr sich jede Frau davon beeinflusst sieht.

Wünsch: In erster Linie geht es darum, dass man überhaupt etwas zu dem Thema sagt. Wenn in der Fernsehwerbung immer noch blaues Wasser auf eine Monatsbinde gegossen wird, vermittelt das eben ein total falsches Bild und verleugnet, was da jeden Monat passiert. Und es bewirkt, dass man sich vor sich selbst ekelt, weil es in der Werbung alles so sauber und gut riechend dargestellt wird.

Warum unterscheiden wir so deutlich zwischen dem Blut, das nach einem Schnitt aus der Fingerkuppe quillt, und dem, das aus der Vagina kommt?

Stömer: Das ist ja genau die Frage, warum das nun ausgerechnet so viel ekelbehafteter oder tabubehafteter ist als das aus einer Wunde. Das hat eine lange Kulturgeschichte. Das Tageblut gilt als Zeichen von Schwäche, dabei steht es für die stärkste Seite des weiblichen Körpers – für die Fruchtbarkeit. In anderen Ländern dürfen Frauen während der Menstruation nicht in die Öffentlichkeit, Mädchen können nicht zur Schule. Davon schwingt vieles mit, wenn dieses Blut für eklig erklärt wird. Zumal es aus einem Organ kommt, über das sowieso niemand sprechen will. Da findet also ein schizophrener Umgang statt.

Sie haben ja Design studiert und deshalb nicht nur Text produziert, sondern auch eine spezielle Bildsprache für Ihr Thema entwickelt. Auf den Collagen im Buch haben die Frauen Lockenwickler und wirken überhaupt sehr wie aus den 1950er Jahren. Was ist die Idee dahinter?

Wünsch: Wir hatten sehr viel Material für diese Collagen und wollten eine vielschichtige Interpretationsebene schaffen. Durch diese Magazinbilder wird klar, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass es ein konservativeres Frauenbild gab, in dem die Frau ins Haus gehört.

Stömer: Wir wollten diese Fotografien an Hand von Collagen in einen neuen Kontext setzen und eine neue Bildsprache entwickeln, die das Thema des weiblichen Zyklus' und alles was dazu gehört, auf vielschichtige Art transportiert. Die Offenheit des Themas und das konservative Frauenbild sollen zeigen, wie konservativ und verklemmt wir eigentlich immer noch damit umgehen.

Woran liegt das?

Wünsch: Das liegt wahrscheinlich daran, dass auch die Frauen nicht besonders offen damit sind. Wir merken das gerade. Indem wir offen damit umgehen und darüber viel reden, auch Männer einbeziehen, haben diese damit auch immer weniger Berührungsangst.

Stömer: Jeder Mann, der mit einer Frau zusammen ist, kennt ja vermutlich auch ihre Vagina persönlich. Und hat hoffentlich Freude daran. Dann kann er eigentlich auch kein Problem damit haben, ihre Tampons zu kaufen, weil das unweigerlich zum Leben dieser Frau und dieser Vagina dazugehört. Also muss man damit offen umgehen, sagen, was passiert. Und dann ist es auch kein Problem mehr. Ich glaube, diese Scham beim Thema Menstruation und Beziehung betrifft eher die älteren Generationen.

Hat die Arbeit an dem Buch Ihre Sicht auf den Zyklus verändert?

Wünsch: Auf jeden Fall. Wir räumen uns selbst mehr Zeit ein, diese Körperzeichen auch zu deuten. Wir können das jetzt auch besser, merken, wann der Eisprung ist und so. Wir akzeptieren, dass es manchmal nicht so gut läuft oder langsamer geht. Ich glaube, dass es zu einer großen Akzeptanz geführt hat.

Stömer: Wir sind beide viel körperbewusster und viel selbstbewusster geworden, was das weibliche Leben angeht. Wir haben nach der langen Arbeit an dem Buch auch keine Scham mehr bei dem Thema. Man kann uns alles fragen, wir sprechen über alles.

Mit Luisa Stömer und Eva Wünsch sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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