Unterhaltung
Für westliche Augen bietet Japan eine ungewohnte Mischung aus Tradition und Moderne: Mangas und Masken des japanischen Theaters.
Für westliche Augen bietet Japan eine ungewohnte Mischung aus Tradition und Moderne: Mangas und Masken des japanischen Theaters.(Foto: Igort / Reprodukt Verlag)

Manga, Chrysantheme und Schwert: "Ein Liebeslied an die japanische Kultur"

Von Markus Lippold

Japan weckt die Fantasie vieler Westler. Ein geheimnisvolles Land mit einer reichen Tradition, aber auch mit abstrusen Regeln. Der Italiener Igort träumte nicht nur von Japan, er arbeitete dort. In einem Comic verarbeitet er seine Erfahrungen.

"In einem vorherigen Leben musste ich Japaner gewesen sein", schreibt Igort. Schon als junger Mann erfasst den 1958 geborenen Italiener eine Sehnsucht nach dem fernöstlichen Land. Er zeichnet Comics über Japan, liest Bücher wie "Im Land der Zeichen" von Roland Barthes oder die Lehren des japanischen Arztes und Philosophen Ekiken.

Igort - eigentlich Igor Tuveri - mit einem seiner Skizzenbücher, die den Comic inspirierten, hier auf dem diesjährigen Comic-Salon in Erlangen.
Igort - eigentlich Igor Tuveri - mit einem seiner Skizzenbücher, die den Comic inspirierten, hier auf dem diesjährigen Comic-Salon in Erlangen.(Foto: Markus Lippold)

Jahre später, da ist er in Europa bereits ein erfolgreicher Comickünstler, reist Igort endlich nach Japan. Mehr noch: Er ist einer der ersten Westler, der längere Zeit beim größten japanischen Mangaverlag Kodansha arbeitet. Er lebt in Tokio, erkundet das Land und seine Kultur - das "Reich der Zeichen", ein "Paradies für Zeichner", wie er es nennt.

In "Berichte aus Japan" verarbeitet Igort nun seine vielfältigen Erlebnisse. Aus Zeichnungen und Notizen seines damaligen Skizzenbuches entwickelt er kurze Kapitel etwa über den harten Arbeitsalltag eines Mangazeichners, über Tempel und Gärten, über Begegnungen mit anderen Künstlern. Aus Skizzen, Comics und Texten gestaltet er eine Autobiographie, die von seiner Begeisterung für Kunst und Kultur des Landes erzählt.

"Japanische Hingabe zur Schönheit"

Igort passte sich an die japanische Lebensweise an - und ging immer wieder auf Entdeckungsreise durch die Straßen - was er in Skizzen festhielt.
Igort passte sich an die japanische Lebensweise an - und ging immer wieder auf Entdeckungsreise durch die Straßen - was er in Skizzen festhielt.(Foto: Igort / Reprodukt Verlag)

"Es ist ein Liebeslied an die japanische Kultur, an die japanische Hingabe zur Schönheit", sagt Igort im Gespräch mit n-tv.de. "Japan ist immer anders, wenn ich dort bin." Seine letzte von gut zwei Dutzend Reisen habe ihm wieder einen ganz anderen Blick auf das Land gewährt. "Mich interessiert das Geheimnisvolle dieses Ortes. Ich fahre nach Japan, um dieses Geheimnis zu erforschen", sagt er. Japan sei nicht nur ein Land, sondern auch ein spiritueller Ort, der zu ihm spreche.

Für westliche Augen bietet Japan eine ungewohnte Mischung aus Tradition und Moderne - Hi-Tech und Zen-Gärten. Dazu gehören auch strenge gesellschaftliche Normen und eine fremde Sprache - Westler sind da schnell "Lost in Translation", wie in Sofia Coppolas Film. Igorts Ansatz aber ist ein anderer, weil er sich auf diese Kultur einlässt. Er lebte und arbeitete nicht nur in dem Land, sondern beschäftigte sich auch mit der dortigen Lebensweise, meditierte etwa täglich und veränderte seinen gesamten Lebensrhythmus.

Igort traf auch andere Künstler wie den Anime-Regisseur Hayao Miyazaki.
Igort traf auch andere Künstler wie den Anime-Regisseur Hayao Miyazaki.(Foto: Igort / Reprodukt Verlag)

Dieser neue Rhythmus ist auch nötig, um dem Druck der japanischen Arbeitswelt standzuhalten. Igort spricht im Interview von "Hingabe und Aufopferung für die Firma", die von den Mitarbeitern verlangt werde. Selbst erfolgreiche Mangazeichner unterliegen harten Abgabezeiten, sie arbeiten unentwegt, auch nachts und auf Reisen. Das ist bei Igort nicht anders, der mit "Yuri" eine erfolgreiche Comicserie für eines der Manga-Magazine zeichnete. So beschreibt er etwa in einem Comic, wie sein Redakteur ihm täglich eine mehrseitige Geschichte abverlangte, bis dem Europäer schließlich der Kragen platzte.

"Wenige Linien stellen einen Moment dar"

Und doch verändert die Mangawelt seine Arbeit: "Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Geschichtenerzählen im Manga und in westlichen Comics" erklärt Igort. Nicht nur, weil Alltagsdarstellungen eine lange Tradition haben - so müssen Manga-Redakteure etwa Tageszeitungen lesen, um sich von Nachrichten für neue Geschichten inspirieren zu lassen. Es gibt auch ästhetische Unterschiede: "Nur wenige Linien stellen eine Situation dar, einen Moment, eine Landschaft oder ein Stück Leben", erzählt Igort. Anders als etwa in amerikanischen Comics hätten Japaner keine Angst vor leeren Flächen - vor Stille. "Stille kann genauso viel ausdrücken wie Worte", erklärt Igort - und erzählt, wie er mit Geschichten experimentierte, die über 20, 30 Seiten ohne Worte auskommen. "Das war wie der Beginn eines neuen Lebens als Geschichtenerzähler."

Igort stellt aber auch Künstler vor, die ihn inspiriert haben, wie den Maler Hokusai, der für seine Grafiken weltberühmt ist.
Igort stellt aber auch Künstler vor, die ihn inspiriert haben, wie den Maler Hokusai, der für seine Grafiken weltberühmt ist.(Foto: Igort / Reprodukt Verlag)

Stille ist ein wiederkehrendes Thema des Buches. Oft beschreibt Igort Spaziergänge durch das alte Viertel, in dem er lebt. Dabei entdeckt er nicht nur Gärten und Tempel, er stöbert auch in Büchereien, entdeckt alte Zeichnungen, Drucke und Literatur. Diese Touren sind im Buch Ausgangspunkte für kurze Exkurse über die japanische Kultur. Mal geht es um den Gegensatz von "Schwert und Chrysantheme", wie ihn die Anthropologin Ruth Benedict im gleichnamigen Buch beschreibt. Mal erzählt er von der historischen Kaste der Unberührbaren, deren Nachfahren noch heute unter Diskriminierungen leiden. Dann wieder berichtet Igort vom Besuch bei Sumo-Kämpfern oder vom ästhetischen Ideal des "Iki" und der Welt der Geishas.

Einzelne Kapitel widmet Igort auch berühmten japanischen Künstlern. Es geht um Mangaka wie Jiro Taniguchi und Osamu Tezuka, aber auch um Schriftsteller wie Yukio Mishima - einem politischen Aktivisten, der nach 1945 das alte Japan wiederherstellen wollte und schließlich rituellen Selbstmord beging. Schließlich berichtet er auch von seiner Begegnung mit dem Oscar-gekrönten Anime-Regisseur Hayao Miyazaki. Hinzu kommen Passagen, die eher abseitige Aspekte der japanischen Kultur behandeln, etwa Igorts Vorliebe für den B-Film-Regisseur Seijun Suzuki oder das längere Kapitel über Abe Sada, die ihren Geliebten strangulierte und entmannte und Vorbild für den Skandalfilm "Im Reich der Sinne" wurde.

Russland, Ukraine, Japan

"Berichte aus Japan" ist bei Reprodukt erschienen, 184 Seiten in Klappenbroschur, 24 Euro.
"Berichte aus Japan" ist bei Reprodukt erschienen, 184 Seiten in Klappenbroschur, 24 Euro.

Dieser persönliche Ansatz verleiht dem Buch trotz ernster Themen einen leichten Ton. Ganz im Gegensatz zu seinen zuletzt erschienenen Berichten über Russland und die Ukraine, die von Gewalt, Krieg und Völkermord handeln. "Es war die härteste Erfahrung meines Lebens", sagt Igort über seine Zeit in den beiden Ländern. "Diese beiden Bücher handeln vom Schmerz." Deshalb sieht er das danach entstandene Japan-Buch, das von Schönheit und Bildern handelt, als eine Art Wiedergutmachung.

Wobei auch hier Wehmut mitschwingt. Igorts Blick auf Japan ist sehr nostalgisch. Das hochmoderne Land kommt kaum vor, er beschäftigt sich vielmehr mit historischen Dingen, mit traditioneller Kunst und Kultur. Angesichts des Verschwindens dieser Traditionen erfasst ihn eine "süße Schwermut". Nicht umsonst widmet er sich im letzten Kapitel einem Künstler, der auch im Westen bekannt ist: dem Maler Hokusai. Igort skizziert einen Künstler, der auch im Sterben noch nach dem perfekten Pinselstrich sucht.

Dieses Thema treibt auch Igort um. Mittlerweile habe sich das Ziel seiner Arbeit geändert, erzählt er. "Man möchte etwas finden, dass man auch nach fünf Jahren noch schätzt." Seine Zeit in Fernost war wichtig für diese Erkenntnis: "Japan hat mir geholfen, zu verstehen, dass ich Dinge tun konnte, von denen ich nicht mal wusste, dass ich sie könnte." Doch worum geht es einem Comiczeichner überhaupt? "In unserer Arbeit geht es darum, zu verstehen, wie man Dinge betrachtet", antwortet Igort. "Du musst einfach sein." Wenn man einfach sei, könne man auch sehr komplexe Dinge zeichnen.

Komplexe Dinge wie die japanische Seele vielleicht? Die Kapitel in "Berichte aus Japan" sind kurz, sie sind eher Schlaglichter auf einzelne Aspekte japanischer Kultur, gemischt mit Momentaufnahmen aus Igorts Erinnerungen. Doch so verkürzt er dabei auch vorgeht - mit Skizzen, kurzen Absätzen und Comics: Zusammen ergeben diese Puzzleteile ein Bild, das den Blick auf dieses geheimnisvolle Land etwas öffnet.

"Berichte aus Japan" bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen