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Wer will da schon nach draußen?
Wer will da schon nach draußen?(Foto: dpa)
Montag, 24. Februar 2014

Vor dem Angrillen noch ein paar Bücher: Ein lesenswertes Teufelsdutzend

Der Winter ist einfacher, fand Herr Lehmann in dem gleichnamigen Buchklassiker. Da musste man nicht rausgehen. Bevor vor lauter Frühling keine Zeit zum Lesen bleibt, haben wir für Sie noch ein paar Tipps. Auch aus dem Lehmann-Universum. Viel Spaß beim Stöbern.

Hommage an eine große Persönlichkeit

Haffmans & Tolkemitt, 288 Seiten, 22,95 Euro
Haffmans & Tolkemitt, 288 Seiten, 22,95 Euro

In der Türkei gehen die Menschen auf die Straße. In der Ukraine versuchen die Bürger mit Protesten gegen die Regierung erneut einen Wechsel an der Spitze ihres Landes herbeizuführen. Und auch in Ägypten wollen die Menschen eine politisch und gesellschaftliche Wende. Alle drei Beispiele haben eines gemeinsam: Die Proteste und Demonstrationen arten immer wieder in gewaltsame Auseinandersetzungen aus. Die Chance auf eine friedliche Lösung scheint verpasst. Dass es auch anders geht, hat Nelson Mandela bewiesen. Nur dank ihm hat Südafrika die Apartheid besiegt, steht das Land am Kap jetzt da, wo es steht. Der Tod des Friedensnobelpreisträgers, der sich Zeit seines Lebens für den Frieden in der Welt stark gemacht hat, erschütterte die Welt. Aber wer war Nelson Mandela wirklich?

Dieser Frage versucht das bei Haffmans & Tolkemitt erschienene Buch "Madiba - Das Vermächtnis von Nelson Mandela" auf den Grund zu gehen. Rund 30 bedeutende Persönlichkeiten erzählen, wie sie Mandela gesehen haben, wie er auf sie wirkte, was ihn zu dem gemacht hat, was er war, was sein Vermächtnis für die Welt darstellt. Das Spektrum ist breit gefächert: Neben dem Dalai Lama und Joachim Gauck meldet sich auch die umstrittenen US-Politiker Henry Kissinger und Colin Powell zu Wort. Es sind Weggefährten Mandelas, Aktivisten und Apartheid-Opfer, die Mandela im Lauf seines Lebens und über mehrere Jahrzehnte kennengelernt haben. So entsteht ein umfassendes Bild des Menschen Mandela und dessen Persönlichkeit, ein facettenreiches Porträt eines Mannes, dessen Wirken diese Welt geprägt hat und auch künftig beeinflussen wird. "Madiba" ist eine literarische Hommage an Nelson Mandela und ein Muss für alle, die ihren Glauben an eine gerechte und friedliche Welt noch nicht verloren haben. (bad)

"Madiba" bei Amazon

Streue die Saat!

Haffmans Tolkemitt, 216 Seiten, 17,95 Euro
Haffmans Tolkemitt, 216 Seiten, 17,95 Euro

Im Sommer 1968 pflanzten Yoko Ono und John Lennon zwei Eicheln im Garten der britischen Coventry Kathedrale. Die Samen stünden für ihren Wunsch nach Weltfrieden, verkündeten sie. Im folgenden Jahr verschickten sie Eicheln an Staatsoberhäupter aus Kambodscha, Kanada, Israel oder Argentinien. Das Paar bat darum, die "lebenden Skulpturen" als Friedensymbol einzupflanzen. Bis heute hat die Friedensaktivistin und Konzeptkünstlerin Yoko Ono nicht aufgehört, die Saat auszustreuen – nicht zuletzt in einem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch namens "Acorn" (englisch für Eichel).

Das schmale, quadratische Büchlein ist eine Sammlung aus poetischen, intelligenten, manchmal auch humorvoll verrückten Lebenstipps, ergänzt um Punktzeichnungen, die den "Köpfen noch mehr Nahrung geben sollen". Und Nahrung können in diesem hübschen Band die verschiedensten Köpfe finden. Wem es vielleicht zu esoterisch ist, die Erde um Verzeihung zu bitten, wird unwillkürlich bei der nächsten Handlungsanweisung lachen müssen: "Zieht eure Hosen aus, bevor ihr streitet". Danach ist es gar nicht mehr so absurd, einen Ort zu finden, der freundlich ist, ihn sauber zu halten und an ihn zu denken, wenn man fort ist.

Ursprünglich war "Acorn" ein Online-Projekt, bei dem Yoko Ono im Jahr 1996 100 Tage lang täglich eine Handlungsanweisung veröffentlichte. Dass die kleinen Instruktionen die heute verbreitete Twitter-Länge nur selten überschreiten, ist kein Zufall: "Acorn" sei Lesestoff für die Zukunft, sagte Ono damals. "Im digitalen Zeitalter nimmt die Aufmerksamkeitsspanne rapide ab. Immer mehr Leute können kein ganzes Buch mehr lesen, ihre Gehirne sind einfach nicht mehr darauf ausgerichtet", meinte die Künstlerin und bewies damit, warum sie immer noch zur Avantgarde gehört. Bis heute gilt die 81-Jährige als hip. Als zur Präsentation des Buches der Verlag Haffmans & Tolkemitt in Berlin einlud, setzten Künstler wie Peaches, Inga Humpe oder Lars Eidinger die Anweisungen Onos in Videos und Performances um. Und der volle Veranstaltungsort sowie die Traube von Menschen vor der Tür zeigen, dass die Saat aufgeht. (sla)

"Acorn" bei Amazon

Kleine Sünden, schwere Verbrechen

Lilienfeld Verlag, 399 Seiten, 39,95 Euro
Lilienfeld Verlag, 399 Seiten, 39,95 Euro

Paul Schlesinger war einer der bekanntesten Gerichtsreporter der Weimarer Republik. Unter dem Kürzel "Sling" veröffentlichte er von 1921 bis zu seinem frühen Tod 1928 in der "Vossischen Zeitung" Hunderte von Reportagen. Im Lilienfeld-Verlag sind diese Texte nun neu herausgegeben worden. Schlesinger berichtet aus deutschen Gerichtssälen und macht bei seiner Beschreibung von Menschen, Aussagen und Urteilen keinen Hehl aus seiner Sicht auf die Angeklagten, Zeugen, Anwälte und Richter.

Dabei geht es keineswegs immer nur um Mord und Totschlag, sondern genauso um die kleinen Gaunereien, Diebstähle und Ehrabschneidungen, mit denen sich die Menschen in den 1920er Jahren schon ebenso wie heute das Leben schwer machen. Sling begegnet dem Rechtssystem höchst skeptisch. Oben im Lichte thronten die Richter als Halbgötter, schreibt er. Unten auf der Anklagebank schreie der Beschuldigte wie "ein Ertrinkender". Nur zu oft wirft ihn am Ende ein "Stoß hinab", beklagt Sling die Willkür im Gerichtssaal.

Neunzig Jahre nach ihrem ersten Erscheinen sind Slings Gerichtsreportagen nicht nur wegen ihrer lebendigen, präzisen und spottlustigen Sprache viel mehr als schnelle Zeitungshappen. Sie zeigen das Panorama einer Gesellschaft, in der Postassistenten und Bajaderen noch lebendige Menschen mit höchst irdischen Problemen waren. (sba)

"Der Mensch, der schießt" bei Amazon

Das große russische Puzzle

Dumont, 352 Seiten, 19,99 Euro
Dumont, 352 Seiten, 19,99 Euro

Ein großes Puzzle mit der Weltkarte als Motiv beschäftigte den Journalisten Jens Mühling als Kind stundenlang. Es hatte besonders viele olivgrüne Puzzleteile. Das war die Sowjetunion und die war schwer zusammenzusetzen. So oft er es versuchte, immer blieb das große frustrierende Loch oben rechts übrig. Das Puzzle ist lange vergessen, als Mühling vor etwa zehn Jahren den russischen TV-Produzenten Juri kennenlernt. Der verkaufte deutschen Sendern Filme über Russland. Etwa über gelangweilte Millionäre, die einem Club beitreten, der ihnen drei unerwartete, meist erotische Abenteuer im Jahr verschafft. Nur: Die Filme sind frei erfunden. Die wahren Geschichten aus Russland seien so unglaublich, das kaufe ihm in Deutschland niemand ab, erklärte Juri dem verdutzten Journalisten. Mühling ist fasziniert und will genau diese Geschichten finden. Doch so oft er Russland bereist, es bleiben nur einzelne Puzzlestücke. Als er eine aufgehobene Zeitungsnotiz über eine religiöse Einsiedlerin wiederfindet, die die Wälder der südsibirischen Taiga nicht verlassen will, ist das etwa ein Puzzlestück, das immer noch zu keinem anderen passt.

Mühling nimmt sich ein Jahr von seinem Redakteursposten beim "Tagesspiegel" frei und macht sich auf den Weg zur Einsiedlerin Agafja Lykowa, um endlich sein Puzzle zu vollenden. Herausgekommen ist mit "Mein russisches Abenteuer" kein Sachbuch oder Reiseführer, sondern ein sensibles Porträt eines Landes, das dem Schreiber am Herzen liegt. Der für seine Reportagen und Essays über Russland mehrfach ausgezeichnete Autor lässt sich von Kiew über Moskau und Sankt Petersburg bis weit hinter den Ural treiben, ohne sein Ziel, mit der wundersamen Eremitin zu sprechen, aus den Augen zu verlieren. Hört er von einem Mathematiker, der 1000 Jahre der russischen Geschichte für erfunden hält, besucht er ihn. Verrät man ihm, dass Jesus noch lebt und zwar in der Taiga, macht sich der 1976 geborene Autor auf, den Sohn Gottes und seine Anhänger kennenzulernen. Mühling reiht geduldig ein Puzzlestück an das nächste und das Ergebnis ist ein in einer klaren, schönen Sprache gezeichnetes Bild, das weit über die Klischees von Wodka, protzigen Millionären, Putin und Pussy Riot hinausgeht. "Mein russisches Abenteuer" macht Lust, sich selber auf den Weg zu machen, um all diese Menschen und dieses Land zu erleben – mag es einen auch einmal beißen, wie die Hündin, die Mühling mit ihrem Angreifer verwechselt. "Die rätselhafte russische Seele gibt es nicht", warnt ihn ein Moskauer Freund am Anfang seiner Reise. Mühling hat sie trotzdem gefunden. (sla)

"Mein russisches Abenteuer" bei Amazon

Es gibt auch ehrliche Banker!

Droemer, 208 Seiten, 6,99 Euro
Droemer, 208 Seiten, 6,99 Euro

Libor-Affäre, Hypotheken-Skandal, Milliardenrückstellungen, Entlassungen: Die Bankenbranche weltweit hat ein Image-Problem - und es ist hausgemacht. Gier ist auch nach der Finanzkrise mitsamt ihren Folgen geil, der Kunde, der Anleger bleibt der Dumme. Der Beruf des Bankberaters ist in Verruf geraten. Schön, wer einen Berater hat, dem er vertrauen kann. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Die zum Teil miesen Praktiken dieser Zunft enthüllt ein Insider in dem bei Droemer erschienenen Buch: "Schluss mit dem Betrug". Darin packt eine Bankangestellte unter Pseudonym aus, die aus diesem sich scheinbar unaufhaltsam und ewig drehenden Laufrad aus Risiken, Renditen und Boni ausgestiegen ist. Sie enthüllt Details darüber, wie Bankberater ihren um Anlagehilfe suchenden Kunden systematisch Finanzprodukte aufschwatzen - auch gegen deren Willen -, die nicht nur unnötig und teuer, sondern zum Teil völlig überflüssig sind. Nur wegen der Boni. Kurzweilig geschrieben ist dieser Erlebnisbericht einer bayerischen Bankangestellten ein Appell an die Branche und ein Weckruf an die Millionen Bankkunden hierzulande. Wer sich "The Wolf Of Wall Street" im Kino angesehen hat, sollte als Gegenstück dieses Buch lesen! (bad)

"Schluss mit dem Betrug" bei Amazon

Flucht aus einem manipulierten Leben

btb, 480 Seiten, 19,99 Euro
btb, 480 Seiten, 19,99 Euro

Ein solches Buch zu schreiben erfordert eine ordentliche Portion Mut: In "Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht" schildert Jenna Miscavige Hill – die Nichte von David Miscavige, dem aktuellen Leiter von Scientology – eindringlich ihre Erlebnisse in der als "religiöse Gemeinschaft" deklarierten Organisation. Durch ihre Eltern bereits als Kind in die Gemeinschaft integriert, führt die Frau ein Leben unter ständiger Kontrolle. Bis zu ihrer Flucht wird sie in allen Lebensbereichen dominiert, gelenkt und ausgenutzt.

Es ist schockierend und gleichzeitig spannend welche Methoden der Manipulation, Indoktrination, Instrumentalisierung, Züchtigung und Bestrafung von den Führungskräften auf die Mitglieder angewandt werden. Die Dimension der Machtausübung auf eigentlich selbstbestimmte Individuen packt den Leser. Die Autorin spart kein Detail der manipulativen Machenschaften der Organisation aus – auch prominente Anhänger lässt sie nicht unerwähnt. (sno)

"Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht" bei Amazon

Neues aus der Herr-Lehmann-Welt

Galiani-Berlin, 512 Seiten, 22,99 Euro
Galiani-Berlin, 512 Seiten, 22,99 Euro

Herr Lehmanns bester Kumpel ist zurück: Künstler Karl Schmidt, der am Ende des Sven-Regener-Klassikers den Verstand zu verlieren droht, hat genug von Entzugs-WG und Hausmeisterjob. Er begibt sich auf einen schrägen Technotrip, die "Magical Mystery Tour", durch die deutsche Provinz und in die popkulturelle Vergangenheit.

Gegen das drogenbedingte Gelaber seiner alten und neuen Freunde und die ständig präsenten chemischen wie alkoholischen Verführungen kommt Karl nur mit nüchternem Geist und herrlich einfachen Weisheiten an, denen sich der Leser kaum entziehen kann. Über 500 Seiten trägt das zwar nicht ganz. Ein, zwei Zwischenstationen auf der Reise durch die Discos der Republik hätten gut getan. Es soll aber ja Leute geben, die von der scheinbar ewigen Reihe Sven Regeners über den Kosmos von Herr Lehmann nicht genug bekommen können. (jog)

"Magical Mystery" bei Amazon

Bridgets und Carries große, jüdische Schwester

Metrolit, 304 Seiten, 12,99 Euro
Metrolit, 304 Seiten, 12,99 Euro

Der durchschnittliche weibliche Großstadt-Single, siehe Bridget Jones oder Carrie Bradshaw, hat es bestimmt nicht leicht. Aber schon mal überlegt, was es bedeutet 30 Jahre alt, Single, leicht übergewichtig zu sein UND eine jüdische Mutter zu haben? Sheila Levine kann ein Lied davon singen. Träumt ihre Mutter nicht seit dem Tag ihrer Geburt davon, auf ihrer Hochzeit zu tanzen? Also buchstäblich seit sie EIN TAG ALT ist? Doch Manhattan in den Siebzigern ist nicht mehr das New York, in dem die reizende Doris Day quasi nach fünf Minuten von der Straße weg geheiratet wurde. Wie alle anderen jungen Frauen, die die Stadt auf der Suche nach einem Mann bevölkern, datet Sheila was das Zeug hält. Und hat irgendwann die kleinen, schlechten Wohnungen, die langweiligen Männern und den ständigen Kampf gegen das Übergewicht satt. Sheila Levine beschließt ihrem Leben im kommenden Sommer ein Ende zu setzen. Und plötzlich wird dasselbige leicht und unbeschwert.

In einem 300 Seiten langem Abschiedsbrief erklärt Sheila der Nachwelt, womit sich das moderne Großstadtmädchen rumschlagen muss. Statt Broschüren über Eigentumswohnungen gibt es für sie schließlich Kataloge über Grabsteine, statt dem Braut- das letzte Kleid. Doch wer sagt, dass das nicht ebenso viel Spaß machen kann? Diäten? Überflüssig! Taxi statt Bus! Auch das Daten läuft wie geschmiert, wenn die Männer keine Heiratsgier mehr wittern. Jahrzehnte vor Mark Darcy und Mr Big schickte die Autorin, Filmproduzentin und Drehbuchschreiberin Gail Parent ihre Heldin auf die Suche nach Mr. Right. Und ließ sie dabei herrlich schimpfend von einer Pleite zur nächsten stolpern. Da erkennt man leicht dieselbe spitze Feder wieder, die später die "Golden Girls" zu einer der erfolgreichsten Serien überhaupt gemacht hat. "Sheila Levine ist tot und lebt in New York" wurde nach seinem Erscheinen 1972 verfilmt und hat sich mehr als eine halbe Million Mal verkauft. Jetzt ist das Buch erstmals auf Deutsch erschienen – und zeigt eindrucksvoll: Im Leben der Großstadt-Single-Ladys (und möglicherweise nicht nur der jüdischen) hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel getan. Wer da nicht meschugge wird, hat gute Nerven. (sla)

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Ein Spaziergang durchs alte Berlin

Am Brandenburger Tor fuhr mal eine Straßenbahn vorbei? Mitten in Berlin gab es vor gar nicht allzulanger Zeit noch ein ganzes Gebiet mit mittelalterlicher Bebauung? So ein prachtvolles Kaufhaus stand einst am Alexanderplatz?! Diese und viele andere überraschende Einblicke in die Vergangenheit Berlins gibt das Büchlein "Alt-Berlin in Farbe" des Sutton-Verlags. Die Texte des Autors Henning Jost sind in deutsch und englisch; alle Abbildungen stammen aus seinem Archiv.

Suttonverlag, 128 Seiten, 10,00 Euro
Suttonverlag, 128 Seiten, 10,00 Euro(Foto: Suttonverlag)

Und da hat er ein paar wahre Schätze - die Bilder sind zum Teil von Anfang des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich aber bis Ende der 1930er Jahre entstanden. Es sind Postkarten und Farbdias, originale Farbaufnahmen, die den Blick auf die unversehrte, unzerstörte Stadt Berlin zeigen -  "vom Alexanderplatz zum Berliner Dom. Unter den Linden entlang, über den Potsdamer Platz zum Schloss Charlottenburg". Man sieht den Tiergarten in all seiner Pracht, das Brandenburger Tor, anlässlich Hitlers 50. Geburtstag mit Hakenkreuzfahnen behängt, das Reichstagsgebäude mit der alten Kuppel und die nach Plänen von Albert Speer erbaute Reichskanzlei, innen und außen. Der Potsdamer Platz in den 1930er Jahren, ein Gewimmel von Menschen und Verkehr. Den Kurfürstendamm mit seinen Cafés, Kinos und Kirchen und dem benachbarten Zoo. Auch ein paar Ausflüge werden gemacht: an den Wannsee, in den Grunewald, nach Hoppegarten, Spandau, Köpenick oder in den Treptower Park.

Die Bildunterschriften geben meist nicht nur wieder, was abgebildet ist. Man erfährt auch, was heute mit dem abgebildeten Gebäude ist, wurde es abgerissen oder zerstört, verändert oder wieder aufgebaut. Denn ein großer Teil der abgebildeten Bauten und Anlagen existiert nicht mehr, vieles ging im Zweiten Weltkrieg oder in der Aufbauzeit danach unter. So auch das Berliner Schloss, 1950 unter der neuen DDR-Regierung gesprengt. Hier bekommt man eine Ahnung von der einstigen Pracht. Und kann vielleicht in ein paar Jahren vergleichen mit dem, was derzeit aufgebaut wird. "Alt-Berlin in Farbe" ist eine Zeitreise in eine versunkene Stadt. (abe)

"Alt-Berlin in Farbe" bei Amazon

Wenn die Erinnerung verschwindet

Bildsequenzen stellen die verschiedenen Realitätebenen von Demenz-Kranken gekonnt dar.
Bildsequenzen stellen die verschiedenen Realitätebenen von Demenz-Kranken gekonnt dar.(Foto: Paco Roca / Reprodukt 2013)

"Emilio, Sie leiden an Alzheimer." Die Diagnose ist niederschmetternd - und dabei spielt es keine Rolle, ob es dieses Krankheitsbild gibt oder es nur eine moderne Form der Demenz ist, wie einige Experten meinen. Emilio jedenfalls ist schockiert. Dabei lebt er noch nicht lange in dem Altenheim, in das ihn sein Sohn gebracht hat. Doch er hat gesehen, was die Diagnose für andere Bewohner bedeutet, die in den oberen Stock verlegt werden, wo die Pflegefälle liegen, oder besser gesagt: dahinvegetieren. Noch aber wohnt Emilio im unteren Stock, wo jene Alten leben, die noch mehr oder weniger selbstständig sind.

Reprodukt, 100 Seiten broschiert, 18 Euro.
Reprodukt, 100 Seiten broschiert, 18 Euro.(Foto: Reprodukt 2013)

Emilio ist die Hauptfigur des Comics "Kopf in den Wolken" von Paco Roca, erschienen bei Reprodukt. Der Spanier hat sich ein sehr ernstes Thema mit tragischem Unterton vorgenommen, verbindet dies jedoch mit einem warmen, teilweise ironischen Humor. Die große Stärke des Comics ist jedoch das Medium selbst: Immer wieder setzt Roca die Alzheimer-Erkrankung gekonnt in Bildsequenzen um. Wenn etwa in einer Abfolge von Panels Gesichter immer undeutlicher werden und dann ganz verschwinden symbolisiert das auf einfühlsame Weise die schwindende Erinnerung. Daneben gibt es auch Szenen, in denen sich die Protagonisten plötzlich in ihre Kindheit zurückversetzt fühlen, bis sie in kurzen klaren Momenten in die Realität zurückkehren. Das sind bewegende Momente, die eine Erkrankung zeigen, gegen die man letztlich nicht gewinnen kann. (mli)

"Kopf in den Wolken" bei Amazon

"Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf"

Mit Wirtschaft gewinnt man Wahlkämpfe. Das wusste schon Bill Clinton, als er 1992 mit dem Slogan "Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf" in den Wahlkampf zog. 20 Jahre später geht es noch immer um die Ökonomie, vielleicht mehr denn je, wie die letzten Krisen gezeigt haben. Doch wo anfangen? "Economix. Wie unsere Wirtschaft funktioniert (oder auch nicht)" bietet einen gelungenen Einstieg in die Welt von Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes. Der Comic von Michael Goodwin (Text) und Dan E. Burr (Zeichnungen), erschienen bei Jacoby und Stuart, verfolgt die Geschichte der Wirtschaftstheorien von der Entstehung des Kapitalismus bis ins neue Jahrtausend.

Jacoby & Stuart, 304 Seiten broschiert, 19,95 Euro
Jacoby & Stuart, 304 Seiten broschiert, 19,95 Euro

Das klingt zunächst sehr trocken. Doch zweierlei lockert die Lektüre auf: Einerseits natürlich die Bilder - wobei die Illustrationen nur selten eine sequentielle Bilderzählung, also im engeren Sinne einen Comic ergeben. Andererseits geht es den Autoren auch nicht um die pure Theorie. Sie wird vielmehr anhand der konkreten geschichtlichen Entwicklung erklärt. Denn Realität - Aufschwünge, Krisen, Kriege - und Theorie haben sich immer gegenseitig bedingt. Auch wenn dabei die Geschichte der USA im Mittelpunkt steht, bekommt man mit dem Buch doch ein Gespür dafür, welche Auswirkungen einzelne Theorien auf die Wirtschaft haben und welche Schritte nötig sind, um aktuelle Krisen zu meistern. Das ist mitunter eine komplizierte Materie - die Machart von "Economix" erleichtert aber vor allem Laien den Zugang. (mli)

"Economix" bei Amazon Einen Einblick gibt es hier

Alles außer "Windjammer"

Delius-Klasing, 176 Seiten, 49,90 Euro
Delius-Klasing, 176 Seiten, 49,90 Euro
Jachten sind maritime Faszination pur. Eine Jacht steht in den Augen vieler Menschen für Reichtum, für ein Statussymbol, dass sich nur einige wenige leisten können. Die Frage ist dabei für viele nicht: Wer hat die Größte oder die Längste, sondern wer hat die  Teuerste? Der Bildband "Legendäre Yachten" von Delius-Klasing taucht dagegen viel tiefer in die Materie ein. Zwölf Jachten nimmt das opulente Werk unter die Lupe - mit wunderschönen Aufnahmen des Fotografen Carlo Borlenghi (dem nach Meinung vieler wohl besten Jacht-Fotografen der Welt), mit exklusiven Risszeichnungen und wunderbar erklärenden Texten zur Geschichte der jeweiligen klassischen Schönheit. Denn das sind sie alle. Teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammend, sind es eben nicht die hochgezüchteten Glamour-Boote, die sich in St. Tropez, Monaco oder anderen Schickimicki-Häfen dieser Welt tummeln, die den Bildband ausmachen.

Orion Porto Venere: Klassik pur im Jachtjargon
Orion Porto Venere: Klassik pur im Jachtjargon(Foto: ©Photo: Carlo Borlenghi Assist)

Zu sehen gibt es etwa in voller Pracht die "nur" knapp 16 Meter lange 10-mR-Gaffelkutter, die rund 41 Meter lange J-Class-Yacht, die lediglich eine Wasserlinie von 26,52 Meter aufweist, bis hin zum 47,8 Meter langen Dreimast-Gaffelschoner. Und ja, es sind dann neben der puren unverfälschten Schönheit dieser Boote auch die Kennzahlen und nackten Daten, die faszinieren - und den Bildband deshalb zu einem ganz besonderen machen! (bad)

"Legendäre Yachten" bei Amazon

"In Neapel funktioniert ein Scheißdreck"

Die Werkstatt, 264 Seiten, 14,90 Euro
Die Werkstatt, 264 Seiten, 14,90 Euro

Denkt man an Calcio, also den italienischen Fußball, fallen einem spontan drei Vereine ein: Juventus Turin, AC Mailand und Inter Mailand. Danach folgen wohl noch die Roma und Lazio aus der Hauptstadt. Dass diese Vereine  alle aus dem reichen Norden des Landes kommen, verwundert nicht. Der ärmliche Süden des Landes schaffte es erst im Mai 1987 auf die Fußballkarte des Landes: Der SSC Neapel holt den Scudetto, dank der kongenialen "Hand Gottes", dank Diego Maradonas. Seitdem hat der Argentinier einen festen Platz im Herzen der Neapolitaner. Und seitdem schafft es der Verein immer wieder, den Großen aus dem Norden ab und an ein Bein zu stellen. In den vergangenen Jahren hat sich Napoli in der Spitzengruppe der italienischen Top-Vereine etabliert, was wohl auch am Klubpräsidenten Aurelio De Laurentiis liegt, dessen Familie zu den größten und bekanntesten Filmproduzenten Hollywoods gilt. Auf ihn gehen folgende Aussagen zurück: "Hier in Neapel funktioniert ein Scheißdreck! Niemand sagt: Hey, in Neapel funktioniert alles, und nebenbei gibt es dort auch noch Fußball. Nein! In Neapel gibt es nur den Fußball, also seid dankbar!"

Autor Oliver Birkner
Autor Oliver Birkner

Und er hat Recht. Das ist eine dieser sympathischen Besonderheiten dieses Vereins SSC Neapel. Seine Geschichte ist dabei so schillernd wie Maradona oder De Laurentiis. Das beweist das im Verlag Die Werkstatt erschienene Buch "Eines Tages im Mai" des "Kicker"-Redakteurs Oliver Birkner. Korruption, Ausschreitungen, "Diegos Werk und Maradonas Beitrag", die De-Laurentiis-Millionen und eben immer das Thema armer Süden gegen reicher Norden, all das findet sich in Birkners Buch und formt ein detailreiches und dennoch äußerst lesenswertes Porträt eines etwas anderen Fußballvereins. Seit Tim Parks "Eine Saison mit Verona" gab es kein derart gutes Buch mehr zum Thema Fußball in Italien!  (bad)

"Eine Tages im Mai" bei Amazon

Quelle: n-tv.de

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