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Verwahrlosung und EntgleisungEx-Bulle in der Falle

24.07.2010, 09:18 Uhr
imageSolveig Bach

"Silberfischchen": Zwei Menschen müssen unfreiwillig einige Tage beieinander bleiben. Hermann Mildt, der frühere Polizist und Jana Potulski, die polnische Putzfrau.

Silberfischchen sind lichtscheuche flügellose Insekten, die ihren Namen ihrem silbergrauen, stromlinienförmigen Körper verdanken. Ihre Vorliebe für Zucker und Stärke macht sie zu nicht so gern gesehenen Haushaltsschädlingen.

In der Wohnung von Hermann Mildt leben einige von ihnen. Seit seiner Frühpensionierung ist der frühere Polizeibeamte ein wenig verwahrlost. Den Ruhestand verdankt der inzwischen 73-Jährige seiner Fotoleidenschaft. Als seine Frau beim Wäscheaufhängen im Garten an einem gerissenen Aneurysma stirbt, fotografiert er ihren Verfall. Er fotografiert ihn im Garten unter der langsam wieder räudig werdenden Wäsche.

Ungewollte Begegnung

Danach ist er seinen Job los, die Fotoleidenschaft behält er. Bei einer seiner Motivtouren, bei der er aus Wut auf die Bahn das Fahrgeld nicht für nötig hält, läuft ihm die ebenfalls schwarz fahrende Polin Jana Potulski über den Weg. Sie arbeitet als Haushaltshilfe, schwarz natürlich, Papiere und Geld haben ihr dumme betrunkene Menschen abgenommen, nun muss Mildt sie mitnehmen.

Potulski putzt ein wenig, schläft auf seiner Couch, manchmal darf er sie anfassen. Doch Mildt hat längst das Gefühl für normales Miteinander verloren, er fühlt sich bedroht, sperrt sie ein, missversteht ihre Fürsorge, fühlt sich ausgenutzt, fürchtet gar, vergiftet zu werden. Nach einer demütigenden Szene läuft sie weg, er sucht sie verzweifelt, das Spiel beginnt von vorn. Schließlich kommen Papiere und Geld mit der Post und sie will endgültig gehen.

Obduzierende Sprache

MahlkeInger-Maria
Die Autorin, Jahrgang 1977, hat einen Hang zur Gnadenlosigkeit. (Foto: Aufbau-Verlag)

Inger-Maria Mahlkes Debüt ist das Psychogramm eines zutiefst vereinsamten und verunsicherten Menschen, dem das Gefühl für andere Menschen schon vor Jahren abhanden gekommen ist. Er ist gleichzeitig voller Misstrauen und abhängig von der erotischen Ausstrahlung seines "Gastes".

Mahlke hat Jura studiert und an Projekten des Lehrstuhls für Kriminologie der FU Berlin mitgearbeitet. Das fällt vor allem dann auf, wenn Mahlke das menschliche Fleisch beschreibt, in aller Gnadenlosigkeit, die einen 73-Jährigen Männerkörper und einen 51-jährigen Frauenkörper miteinander verbinden könnten. Sie hetzt ihre Figuren aufeinander, dass es in der schäbigen Enge von Mildts Wohnung nur so scheppert und lässt den Leser am Ende ein wenig verstört zurück. Respekt.

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