Unterhaltung
(Foto: picture alliance / dpa)

Neue Nervennahrung von Stephen King: Gevatter Tod klopft gleich 20 Mal an

Von Katja Belousova

20 völlig unterschiedliche Storys präsentiert Stephen King in seinem neuen Buch "Basar der bösen Träume". Der Band beginnt äußerst blutig, um sich danach - in regem Austausch mit dem Leser - den existentiellen Fragen des Lebens zu widmen.

Stephen King wäre sicher ein erfolgreicher Drogendealer. Bei der Frequenz, in der er ein Buch nach dem anderen auf den Markt wirft, lässt er seinen Fans kaum Zeit für Entzugserscheinungen. Seine übersprudelnde Fantasie produziert Geschichten am laufenden Band – teilweise auch während er an einem anderen Werk schreibt. Zum Glück vergisst King seine Eingebungen nicht; und zum Glück gibt es das Format der Kurzgeschichte: Darin fängt er all die Ideen auf, die seinen Workflow "verstopfen" und endlich zu Papier gebracht werden müssen, um im kreativen Oberstübchen auszumisten.

Daher schiebt der Autor, noch bevor er mit "End of Watch" den letzten Teil seiner Trilogie um den Ermittler Bill Hodges veröffentlicht, einen Kurzgeschichtenband ein. "Basar der bösen Träume" lautet der Titel des aktuell in Deutschland erschienen King und deutet zunächst auf Horror par excellence hin.

Comeback des bösen Autos

Autor Stephen King.
Autor Stephen King.(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist ein menschenfressendes Auto, das mit großem Knalleffekt den Anfang macht. "Raststätte Mile 81" folgt dabei einem klassischen King-Plot, bekannt aus seinem Roman "Christine" und angereichert mit vertrauten (Kinder-)Figuren. Den Kampf gegen den menschenverschlingenden Kombi können Erwachsene nicht gewinnen, weil sie nicht genug Fantasie besitzen, um an die schauerlichen Taten des Autos zu glauben. Romane wie "Es" oder die Kurzgeschichte "Achtung - Tiger" lassen grüßen.

Wer danach schon die Augen rollt, "kenn ich schon!" ruft und befürchtet, dass auch die restlichen 19 Geschichten des Bandes Horrorstorys mit viel Blut und ebenso viel Phantasma sind, wird eines Besseren belehrt. Denn King ist weit mehr als der "Altmeister des Horrors", wie viele ihn gerne nennen. Es ist nämlich nicht das nackte Grauen, das in diesem bunten Potpourri von Storys das Sagen hat, sondern der Tod.

Allgegenwärtig zieht er sich durch jede der 20 Geschichten: Mal in Form einer Sanddüne, die vorhersagt, wer als nächstes stirbt, mal in Person alter Männer, deren Lebensende von Figuren ihrer Begierde eingeläutet wird. Sogar eine Fantasie darüber, wie es nach dem Ableben eigentlich weitergeht, ist enthalten. Letztere erinnert dabei eher an die Geschichte eines Franz Kafka als an Stephen King.

Kafkaeske Züge

"Basar der bösen Träume" ist bei Heyne erschienen, hat 768 Seiten und kostet 22,99 Euro.
"Basar der bösen Träume" ist bei Heyne erschienen, hat 768 Seiten und kostet 22,99 Euro.

In "Leben nach dem Tod" geht es um den Banker William Andrews. Dieser findet sich nach seinem Tod in einer bürokratischen Version des Himmels wieder. Statt vor dem Himmeltor Petri, landet Andrews am Schreibtisch eines biederen Mannes, der ihn darüber aufklärt, welche Optionen ihm nun zur Auswahl stehen: sein Leben mit all den begangenen Sünden und Fehlern erneut zu leben oder gänzlich zu verschwinden. Welche Entscheidung der ehemalige Banker fällt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Doch so viel ist sicher: In Stephen Kings Vorstellung werden Sünden nicht so schnell verziehen.

Was "Basar der bösen Träume" auszeichnet, ist die Vielseitigkeit, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Die vielen unterschiedlichen Genres sind eine große Stärke des Buchs: Wem eine der Kurzgeschichten nach den ersten Seiten nicht gefällt, kann sich einfach an der nächsten versuchen und wiederum in eine komplett neue Welt eintauchen. Großartig ist auch die schriftstellerische Variabilität Kings. Jede Geschichte hat ihren eigenen Sound und eine neue Erzählperspektive. Wie ein Chamäleon passt der mittlerweile 68-jährige Bestseller-Autor seinen Stil den Protagonisten an, schreibt mal aus der Sicht eines naseweißen Kindes, mal aus der eines verbitterten Mannes.

Kleines Extra für die Fans

Ein besonderes Extra der Sammlung sind die Vorworte, die King jeder Geschichte voranstellt. Darin erzählt er viel Persönliches, Anekdoten aus seinem Leben und vor allem, was ihn dazu bewogen hat, die jeweilige Geschichte zu schreiben. Deren Essenz lautet: Stephen King schreibt Geschichten nicht, weil er Geld braucht. Er schreibt Geschichten, weil es ihn glücklich macht.

Alles in allem ist "Basar der bösen Träume" eine äußerst unterhaltsame Sammlung von Kurzgeschichten, der es auch an ernsten Untertönen nicht fehlt. Das Buch ist, wie so viele Werke Kings, eine Liebeserklärung an die Fantastik. Denn sie ist - wie King schreibt - "ein so lebendiges und notwendiges Genre, weil wir darin über solche Dinge sprechen können, die in der realistischen Literatur nie möglich wären". Damit meint er Themen wie das Leben nach dem Tod, aber auch menschenfressende Autos und todbringende Nachrufe.

Klar, einige Geschichten sind für den King-Kenner schnell zu durchschauen und folgen allzu bekannten Grundmustern. Dennoch zeugt "Basar der bösen Träume" davon, dass Stephen King nach wie vor einer der besten und fesselndsten Autoren ist, den es im Unterhaltungsgenre gibt. Außerdem stillt der Band den Lesedurst all derjenigen, die zwischen Kings letztem Roman "Finderlohn" und dem bald erscheinenden "End of Watch" neue Nervennahrung brauchen. Entzugserscheinungen sind bei Stephen King weiterhin nicht zu erwarten.

"Basar der bösen Träume" als Buch oder als Hörbuch bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen