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Die Bekenntnisse des KT werden sicherlich viele Leser finden - auch außerhalb der CSU.
Die Bekenntnisse des KT werden sicherlich viele Leser finden - auch außerhalb der CSU.(Foto: dpa)

Schuld und Dünkel: Guttenberg erklärt "vorläufiges Scheitern"

von Solveig Bach

Schon bei seinem Abschied von der deutschen Politik kündigt Guttenberg an, er könnte ein Buch schreiben. Ganz so kommt es nicht, aber drei Tage lang gibt er ein Interview, das als Buch erscheint. Darin tut er so, als ginge er hart mit sich ins Gericht. Tatsächlich aber liefert er eine Menge Ausreden und schaut hochmütig auf seine Politikerkollegen herab.

Die Titelseite des im Herder-Verlag erschienenen Buches "Vorerst gescheitert".
Die Titelseite des im Herder-Verlag erschienenen Buches "Vorerst gescheitert".(Foto: dapd)

Wenigstens die Schlagzeile: "Guttenberg schläfert seine Hunde ein" ist ihm erspart geblieben. Obwohl er seiner 60-Kilo-Dogge am Flughafen so viel Beruhigungsmittel gegeben hat, dass sie wie vom Schlag gerührt keine Pfote mehr bewegte. So sediert ist die Dogge nach Amerika geflogen und mit ihr Karl-Theodor zu Guttenberg. Hinter sich ließ Guttenberg an diesem Tag Deutschland und eine missglückte Karriere.

Die Universität Bayreuth wirft ihm vor, in seiner Doktorarbeit "die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht" zu haben. Die Staatsanwaltschaft Hof stellt 23 strafrechtlich relevante Urheberrechtsverletzungen in der Arbeit fest. Guttenberg zahlt 20.000 Euro an die Deutsche Krebshilfe und ist damit nicht vorbestraft. Dafür ist er aber seinen Doktortitel los, als Minister zurückgetreten und nun als "angesehener Staatsmann" für einen Think Tank in den USA tätig. Und er ist offenbar zutiefst verletzt über das, was ihm da in den vergangenen Monaten widerfahren ist.

Da er schon bei seinem Abschied angekündigt hat, er könnte auch ein Buch schreiben, meldet sich Karl-Theodor zu Guttenberg nach nur wenigen Monaten des Schweigens einfach mit 200 Seiten Interview in Buchform zurück. Jetzt ist er dran, seine Version der Ereignisse zu erzählen, um den vielen Menschen zu antworten, die auf ihn "zugekommen sind" und "noch viele Fragen an mich haben". Das will er an einem Zeitpunkt tun, "an dem meine Erinnerung noch klar genug ist, bevor man also beginnt, die Dinge selbst zu verwischen".

"Größte Dummheit meines Lebens"

Der 176. Band aus der Reihe "Schriften zum Internationalen Recht" ist ein Plagiat.
Der 176. Band aus der Reihe "Schriften zum Internationalen Recht" ist ein Plagiat.(Foto: dapd)

Was Guttenberg dann allerdings präsentiert, ist eine gut ausgewogene Mischung aus heftiger Selbstbezichtigung und der immer wieder anders formulierten Version vom schlampigen Genie, dem die Arbeit irgendwie entglitten ist. Er habe mit der Doktorarbeit eine "unglaubliche Dummheit" und einen "unbegreiflichen Fehler" gemacht, sei von "Hochmut besessen" gewesen, habe sich wegen eines "gerüttelt Maßes Eitelkeit" die eigene Überforderung nicht eingestehen können.

Doch jedem noch so deutlichen Eingestehen eines Versagens folgt auf dem Fuße das große Aber. Die Doppelbelastung aus Studium und Pflichten im Familienunternehmen war erheblich, später kam auch noch die politische Karriere hinzu. Zudem gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die ihm einfach den Erfolg missgönnten oder ihn auf dem Altar ihrer eigenen Ambitionen opfern möchten. Zu Letzteren zählt er Oliver Lepsius, der seinem Doktorvater Peter Häberle nachgefolgt war. Lepsius unterstellt er Ambitionen, Verfassungsrichter werden zu wollen und sich nur deshalb kritisch zu Guttenbergs wissenschaftlicher Arbeit zu äußern. Bundesbildungsministerin Annette Schavan, der damalige sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Wolfgang Böhmer und Bundestagspräsident Norbert Lammert werden für ihre Äußerungen im Zusammenhang mit Guttenberg ebenfalls hart angegangen.

Hektischer Sammler

Karl-Theodor zu Guttenberg wollte eigentlich eine zweijährige Pause einlegen.
Karl-Theodor zu Guttenberg wollte eigentlich eine zweijährige Pause einlegen.(Foto: dapd)

Dabei ist es eine absurde Arbeitsweise, die Guttenberg beschreibt. Er sei der "hektische und unkoordinierte Sammler" gewesen, der am Ende 80 Datenträger mit Material gefüllt hat und auf vier (!) Computern an unterschiedlichen Orten arbeitete. Sieben Jahre lang widmete er sich der europäischen Verfassungsentwicklung, gibt Dinge, die er zum Thema findet, in den Computer ein, macht Kopien und legt diese ab. Manches bearbeitet er gleich, anderes will er später noch einmal ansehen. Auf langen Flügen übersetzt er Textpassagen, manchmal geht er in eine Universitätsbibliothek.

Dabei fällt ihm gar nicht auf, dass der Anteil, den er selbst zu dieser Arbeit leisten will, ziemlich klein ausfällt. Am Ende merkt er nicht einmal, dass die Texte, die er verwendet, zu einem großen Teil nicht von ihm sind. Schließlich ist die Arbeit fertig, wird nach der mündlichen Prüfung mit "summa cum laude" bewertet. Leider kommen einem anderen Wissenschaftler Textpassagen bekannt vor. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Keine Täuschungsabsicht?

Das Ergebnis von GuttenPlag Wiki.
Das Ergebnis von GuttenPlag Wiki.

Das kann man nur mit einem gewissen Kopfschütteln lesen. In der Logik Guttenbergs ist damit aber die Grundlage für den Beweis gelegt, dass er gar nicht betrogen haben kann. Denn wenn man nicht mehr weiß, dass ein Text geistig jemand anderem gehört, dann ist das nicht mehr geklaut, sondern nur im "großen Text- und Gedankensteinbruch" verschüttet worden. Außerdem ist es in "juristischen Dissertationen (…) durchaus üblich, mit vielen Fremdtexten zu arbeiten, allerdings müssen die Quellen klar gekennzeichnet sein". Das unterblieb zwar, aber auch das taugt aus Guttenbergs Sicht noch längst nicht als Beleg dafür, dass er mit "Täuschungsabsicht" gehandelt hat. Daran ändert auch das Ergebnis von GuttenPlag Wiki nichts, die inzwischen 1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf 371 von 393 Seiten feststellt.

Wenn er hätte täuschen wollen, hätte er sonst gleich ganz auf die Nennung des Autors verzichtet, so Guttenbergs Argumentation. Er geht sogar noch weiter: "Wenn ich geschickt hätte täuschen wollen, hätte ich es vermieden, Textstellen so plump und so töricht in diese Arbeit zu übernehmen, dass sich für jeden betroffenen Autor sofort erschließen." Man dürfe ihm so viel Intelligenz zutrauen, dass er eine Quelle so gut verfremden hätte können, "dass es niemand merkt". Der Austausch einzelner Wörter sei vielmehr einer Schlussredaktion geschuldet, bei der er "eben noch mal sprachlich drübergegangen sei". Guttenbergs Schlussfolgerung, wenn er seine Doktorarbeit heute liest, ist einfach die, dass darin "Fußnoten dramatisch schlecht und falsch gesetzt" sind. Irgendwie sei ihm die Lebensphase, in der jeder Mensch mal "die notwendige Sorgfalt vermissen lässt oder mal fünfe gerade sein lässt", ein wenig zu lang geraten.

Unkenntnis gegen Politiktalent

Beim Politischen Aschermittwoch 2011 der CSU in Passau.
Beim Politischen Aschermittwoch 2011 der CSU in Passau.(Foto: dapd)

Aber Guttenberg weist auch einen Weg aus der Misere, er selbst jedenfalls nehme jede Entschuldigung an, die ernst gemeint sei. Das sei geradezu ein Muss, auch habe die Ausführung seiner Ämter ja "wirklich nichts mit dem Verfassen der Doktorarbeit zu tun". Und ehe man sich’s versieht, ist das Guttenberg weiß es besser " Guttenberg auch schon wieder in der Tagespolitik angekommen. Immerhin legten andere Politiker bis in die politischen Spitzen hinein eine "erschütternde Unkenntnis" an den Tag. Da ist es gut, sich zu erinnern, was ihn einst zum Wirtschaftsminister qualifizierte: "gesunder Menschenverstand, eine Grunderfahrung in Menschenführung sowie Menschenkenntnis". Inzwischen ist er ja auch schon fast ein Vierteljahr am "Center for Strategic and International Studies", da sind schon "unfassbar viele Erklärungstürchen" gleichzeitig aufgegangen, so dass Guttenberg mal schnell ein paar Lösungsansätze für die Eurokrise skizzieren kann.

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Wie die CSU in ihrer Rolle als Volkspartei zu retten sein könnte, auch davon hat er eine Vorstellung. Sonst würde es aber auch eine neue Partei tun. Politikverdrossenheit würde mit ihm gleich ganz abgeschafft.

Mangelnde Reife

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Guttenberg mag tatsächlich aufrichtig auf die Fragen von Giovanni di Lorenzo geantwortet haben oder zumindest in dem Stil, den er für aufrichtig hält. Doch offenbart er in auf erschütternde Weise, warum er nicht nur als Doktor, sondern auch als Politiker schließlich so krachend versagt hat. Trotz der gefühlt elitären Herkunft ist bei ihm die menschliche Reife auf der Strecke geblieben. Anders ist seine Verteidigungsstrategie kaum zu verstehen, die aus einer unausgegorenen Mischung von "Ist doch nicht so schlimm", "So doof bin ich nun auch wieder nicht" und "Die anderen machen das doch auch" besteht.

Irgendwie hält er sich für so toll, dass man ihm solche Nickeligkeiten wie eine Patchwork-Doktorarbeit doch nachsehen müsse. Und wenn es gar zu arg kommt, sind eben die anderen schuld. Zu Recht erlebt da nicht nur Horst Seehofer, Chef der CSU, deren Mitglied Guttenberg "zur Zeit" ist, ein Gefühl der Herabsetzung. Denn auch wenn Guttenberg es immer wieder anders zu formulieren sucht, der Dünkel bricht sich in seinen Worten immer wieder Bahn. Und die wirkliche Auseinandersetzung mit sich selbst findet nicht statt.

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Quelle: n-tv.de

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