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Im Sterben zählt nicht mehr die Zahl der Facebook-Freunde.
Im Sterben zählt nicht mehr die Zahl der Facebook-Freunde.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn Sterbende Bilanz ziehen: Hätte ich doch ...

Von Solveig Bach

Welche Gedanken und Gefühle bewegen Menschen, wenn ihr Leben zu Ende geht? Die meisten lassen ihre Entscheidungen Revue passieren und bereuen Dinge, die sie aus Angst oder Gewohnheit nicht getan haben. Die Lebenden können daraus lernen.

Im Sterben verändern sich die Maßstäbe, es ist Zeit, sein Leben zu bilanzieren. Was ist gelungen, was würde man anders machen? Fragen, die nicht nur Zufriedenheit und Glück auslösen. Bei vielen Menschen stellt sich das "Hätte ich doch"-Gefühl ein, hat Doris Tropper festgestellt. Die Österreicherin begleitet Menschen beim Sterben.

Häufig begegnen ihr dabei Menschen, die ihre Lebensbilanz gern noch verändern würden, doch es ist zu spät. In "Hätte ich doch … Von den Sterbenden lernen, was im Leben wirklich zählt" erzählt die Journalistin und Sterbebegleiterin von sieben Begegnungen mit sterbenden Menschen. Nicht alle blicken auf ein langes Leben zurück, denn Tropper begegnet dem 10-jährigen Kind ebenso wie der 85-jährigen Frau.

Damit nicht Reue das beherrschende Gefühl der letzten Tage ist, versucht Tropper von den Sterbenden zu lernen. Es sind vielleicht nicht die ganz großen Weisheiten, die Tropper weitergeben kann. Aber es ist eben oft das Einfache, das schwer zu machen ist.

Was wirklich wichtig ist

"Hätte ich doch ..." ist im mvg-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.
"Hätte ich doch ..." ist im mvg-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.

"Ich wünschte, ich hätte nicht so viel Zeit mit meiner Arbeit und meiner Karriere vergeudet." Das ist wahrscheinlich einer der häufigsten Sätze, die Sterbebegleiter zu hören bekommen. Natürlich mögen viele Menschen ihre Arbeit, auch über das Maß hinaus, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Doch nimmt die Arbeit einen angemessenen Platz im Leben ein?

Herr Friedrich, ein erfolgreicher Unternehmer, ist 54 Jahre alt, als er einen Herzinfarkt erleidet. Er kommt ins Krankenhaus, wird gut versorgt und scheint gerettet. Doch in ihm wütet der Bauchspeicheldrüsenkrebs, es bleibt ihm nur noch wenig Zeit. Plötzlich ist ihm sein Vorzeigeleben im schönen Haus, mit dem Unternehmen, der karitativ engagierten Ehefrau und den erwachsenen Kindern nicht mehr so viel wert, wie man es bei einem Workaholic wie ihm vermuten würde.

"Ich habe mein ganzes Leben lang auf ein kleines Glück gewartet, aber es hat sich nie eingestellt", erzählt er in den letzten Tagen seines Lebens. "Ich bin chronisch unglücklich geblieben, all die Tage. Jetzt ist es schon zu spät, oder?" Herrn Friedrich sind die letzten Lebenstage bitter, voller Bedauern darüber, nicht das Leben gelebt zu haben, das er sich gewünscht hatte. Und die Erkenntnis, dass es seine eigene Entscheidung war.

Den Moment feiern

Ein ganz anderer Fall ist Kati, zehn Jahre alt, unheilbar an Krebs erkrankt. Sie weiß, dass sie sterben wird, und ringt jedem Tag dennoch einen kleinen Höhepunkt ab, ein Eis, ein Besuch in der Konditorei, Seifenblasen machen, ein paar Minuten unter dem Sternenhimmel. Und sie verdonnert ihre Begleiterin, aufzuschreiben, was sie gemeinsam erlebt haben. So kann Tropper noch nach Jahren nachvollziehen, wann sie den ersten Schmetterling des Jahres gesehen hat.

Kati zeigt, wie es ist, seine Entscheidungen zu treffen und dem Leben spontan und genussvoll zu begegnen. Wahrscheinlich ist sie am nächsten an dem Ideal, das Tropper damit beschreibt, jeden Tag "abschiedlich" zu leben, so als sei es der letzte im Leben.

Allerdings vermeidet es Tropper, die Leben der Menschen zu bewerten, die sie im Sterben begleitet. Die magersüchtige Melanie, ihre Nachbarin Ingeborg oder die alzheimerkranke Frau Anna sind ihr jeder auf seine Weise Lehrer für das Leben. Nicht alles, was wir einmal entscheiden, trägt ein ganzes Leben. Es ist nicht zu spät, sich aus Partnerschaften zu lösen, die längst unglücklich sind. Es gibt keinen falschen Zeitpunkt, um Verzeihung zu bitten und zu vergeben. Es gibt an jedem Tag, die Chance, einen Moment zu genießen oder zu lachen.

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Quelle: n-tv.de

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