Unterhaltung
"Jeder kann kochen": Jamie 2008 in Düsseldorf.
"Jeder kann kochen": Jamie 2008 in Düsseldorf.(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Pain in the backside": Jamie Oliver hautnah

Von Heidi Driesner

Er ist Legastheniker und hat über ein Dutzend Kochbücher geschrieben. Er ist vierfacher Vater und Workaholic, der Kumpel von nebenan und mehrfacher Millionär. Er teilt aus und heult auch schon mal, wenn er scheitert. Er hat eine Mission, ihn deshalb einen Missionar zu nennen, wäre idiotisch. Er verrät seine Tricks, nur eines macht Jamie Oliver nicht: sich ausziehen.

Jamie Oliver fegt wie ein Wirbelwind durch die Etepetete-Sterne-Hauben-Kochlöffel-Küche dieser Welt und verspritzt dabei auch schon mal ein bisschen Galle. Er ist handfest, aber nie handzahm - deshalb spaltet er Nationen: Entweder man liebt ihn oder man findet ihn einfach nur nervig.

Das Buch ist im mvg Verlag erschienen, hat 208 Seiten und kostet 17,99 Euro.
Das Buch ist im mvg Verlag erschienen, hat 208 Seiten und kostet 17,99 Euro.(Foto: mvgverlag)

Kein Kochbuch, aber ein Koch-Buch: Der Münchner mvg Verlag hat eine Biografie über den britischen Starkoch herausgebracht; geschrieben hat sie die Autorin und Journalistin Rose Winterbottom. Rezepte sucht man darin vergebens; sie zu veröffentlichen ist auch nicht Anliegen von Winterbottom, das macht Oliver lieber selbst. Sie will vielmehr vermitteln, welcher Mensch hinter dem TV-Gesicht steckt. Das Buch gibt zudem in Info-Kästen Fakten zu den jeweiligen Projekten: TV-Serien und begleitende Kochbücher einschließlich ISBN-Nummern. "Jamie Oliver - Die exklusive Biografie" geht weit über das hinaus, was wir von dem zappeligen Briten bereits wissen: Kindheit und Start der Karriere im familieneigenen Pub bei Cambridge, vorzeitiger Abgang von der Schule, Werdegang in bekannten Restaurants vom Nobody zum Starkoch und sein soziales Engagement für eine gesunde Ernährung vor allem der Kinder. Aus all diesen Stationen seines Lebens erzählt Winterbottom amüsante und weniger lustige Details, zeichnet ein intimes Porträt eines berühmten Menschen, von dem wir glauben, schon alles zu wissen. Aber wer weiß schon, dass Jamie auch mal Bierdeckel gesammelt hat oder es zig Mal ablehnte, nackt für eine Zeitschrift zu posieren. Die Biografie ist nicht nur detailliert, sondern vor allem unterhaltsam und mit britischen Humor gewürzt.

James Trevor Oliver kommt am 27. Mai 1975 in South-end-on-Sea in England zur Welt. Southend ist ein Kurort und Seebad in der Grafschaft Essex und hat den längsten Pier der Welt. "Wahr ist, dass man dort mit einem Zug ans Ende des Piers fahren kann", schreibt Winterbottom. "Unwahr hingegen ist, dass Jamie Oliver auf ebendiesem Pier gezeugt wurde. Genau das hat er nämlich augenzwinkernd einem Journalisten erzählt, worauf die Meldungen zum Leidwesen seiner Mutter und zur Erheiterung seines Vaters prompt in der Zeitung erschienen."

Mehr Schule des Lebens, weniger Schulbank

2010 erhält Jamie den Deutschen Nachhaltigkeitspreis (nicht im Bild).
2010 erhält Jamie den Deutschen Nachhaltigkeitspreis (nicht im Bild).(Foto: picture alliance / dpa)

Der Leser lernt Little-Jamie kennen als blond gelockten Bengel, der nicht stillhalten kann, mit allerhand Blödsinn im Kopf, wie man ihn nur in einer glücklichen Kindheit haben kann. Jamie lernt den Wert des Geldes schätzen, denn er bekommt kein Taschengeld nur so, sondern wird vom Vater angehalten, dafür im Pub zu helfen. Das erledigt der Junge am liebsten in der coolen, lauten Welt der Köche - bei den großen Jungs mit ihren schmutzigen Witzen und derben Späßen, von denen der kleine Jamie nicht verschont wird: "Er ist ein Zwerg inmitten von Männern, die sich aufführen wie große Kinder - ein Paradies für einen Jungen." Jamie, der in kürzester Zeit fluchen kann wie ein Rohrspatz, bringt das und sein fundiertes Wissen um die besten Streiche in die Schule ein. Den Anpfiff seines Vaters, nachdem er und seine Kumpels mittels einer Stinkbombe das komplette Mittagsgeschäft im Pub ruiniert haben, vergisst Jamie allerdings nie wieder.

Jamie ist Legastheniker und hat ADHS. Er sagt von sich selbst: "Ich war eines dieser dicken, dummen Kinder. Ich musste in die Förderklasse und brauchte Nachhilfe, um die einfachsten Dinge zu lesen und zu schreiben." Bis heute macht ihn das Stillsitzen bei der Leserei hibbelig, und so kommt es, dass Jamie Oliver kein einziges Buch gelesen hat außer seinem eigenen Erstling. Nie mehr wollte er nach der Schule etwas mit Lesen und Schreiben zu tun haben - seine zigmillionenfach verkauften Bücher hat er mittels eines Diktiergeräts verfasst.

Trotz dieses Handicaps kommt sich Jamie nie wie ein Versager vor, er bleibt selbstbewusst und fröhlich - vor allem, weil sein Vater stolz auf ihn ist und an ihn glaubt. Trevor Oliver vermittelt seinem Sohn die Überzeugung, dass man alles erreichen kann, wenn man hart dafür arbeitet. Diese Maxime macht sich Jamie zu eigen: Ich kann alles erreichen. Und so ist es bis heute geblieben bei diesem Mann mit den strahlend blauen Augen und dem Lausbubenlächeln, dem großen Herzen und den ramponierten Kochhänden.

Wer sich mit Jamie Oliver beschäftigt, weiß um sein soziales Engagement, Erwachsenen und Kindern beizubringen, wie man gesund und schmackhaft und gleichzeitig schnell und preiswert kochen kann. Wir lesen seine Bücher und sehen Koch-Shows von ihm, kochen nach Anleitung des "Naked Chef" und zuppeln mit ihm in Kräutertöpfen, sind durch seine Kochschule gegangen und haben mit ihm italienische, spanische und amerikanische Kochtöpfe geschwenkt. Wir haben einst dem schlaksigen Jungkoch mit dem Strubbelkopf in seiner Mini-Küche über die Schulter geschaut und sind heute zu Gast beim gestandenen Koch, der uns zeigt, dass die britische Küche längst nicht so schlecht ist wie ihr Ruf.

Jamie und die Yellow Press

2005 kann Jamie Oliver Premier Tony Blair überzeugen: Gesünderes Essen macht klügere Kinder.
2005 kann Jamie Oliver Premier Tony Blair überzeugen: Gesünderes Essen macht klügere Kinder.(Foto: REUTERS)

Jamie Olivers Vermögen wird 2009 auf über 50 Millionen Euro geschätzt und wächst bis zu diesem Jahr auf 191.527.509,54 Euro an, was er nicht nur beim Kauf von Immobilien und antiken Kochbüchern einsetzt oder beim Pokern verzockt, sondern auch für wohltätige Zwecke spendet. Oliver steht mit 3,5 Millionen Euro an Spenden auf Platz 22 der Giving List der "Times". Viel Geld fließt in seine sozialen Projekte. Was so gut und rundum gelungen scheint, ist nicht das Resultat glücklicher Zufälle, sondern harter Arbeit, gespickt auch mit Rückschlägen. Mit 27 hat Jamie mehr erreicht, als ein junger Koch sich vorstellen kann. Auf die Frage eines Interviewers, was besser sei, zu geben oder zu empfangen, antwortet er: "Zu empfangen, wenn man jung ist, und zu geben, wenn man älter ist." Der Start in dieses neue Leben ist turbulent: Er bietet 15 unterprivilegierten Jugendlichen eine Ausbildungschance, doch die Casting-Show gerät zur Peinlichkeit. Dann hat sich auch  noch eine Daily-Mirror-Reporterin als Maulwurf eingeschlichen, doch die "fucking" Journalistin erwischt Jamie weder beim Fremdgehen noch beim Koksen auf dem Klo. Dieses Geschnüffel der Yellow Press nach den vermeintlich dunklen Seiten des Starkochs begleitet ihn bei all seinen Projekten. Das Bild eines jungen, leidenschaftlichen Kochs, der mit einem Essex-Landei-Akzent unbedarft und ungestüm durch die Sendungen fluppt, ändert sich in der Wahrnehmung vieler drastisch, weil dieser junge Mann plötzlich als "stinkreich" gilt. Jamies Authentizität wird infrage gestellt, obwohl sich außer seinem Kontostand an ihm nichts verändert hat.

Seit die ersten Jugendlichen ihre Ausbildung beendet haben, beginnen jedes Jahr 15 Jugendliche ihre Lehre in der Fifteen Foundation; das "Fifteen" ist seit der Eröffnung jeden Tag ausgebucht und Jamie ist mit 28 Jahren der Jüngste, den die Queen zum Member of the Order of the British Empire kürt. In der Presse ist dennoch zu lesen, dass "einige der Jugendlichen des ersten Jahrgangs nicht wirklich unterprivilegiert waren". 

Die Biografie beschreibt Jamies Kampf in britischen Schulkantinen für eine gesunde Ernährung; Pommes, Nuggets und Bratwürste haben die britischen Kinder zu den dicksten in Europa gemacht. Jamie lässt das Essen untersuchen, das ein Arzt als "Körperverletzung" bezeichnet, und konfrontiert Eltern und Politiker mit den Ergebnissen. Jamies Schocktaktik kommt nicht immer und überall gut an, doch im Endeffekt stellt die britische Regierung den Schulküchen mehr Geld zur Verfügung, werden Nährwertvorgaben ausgearbeitet.

Jamie kriegt sie alle: 1000 Huntingtoner folgen ihm an die Kochtöpfe.
Jamie kriegt sie alle: 1000 Huntingtoner folgen ihm an die Kochtöpfe.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ein paar Jahre nach School Dinners will Jamie auch in den USA eine Food Revolution auslösen, denn Amerika steckt voller fetter Menschen. Für sein Projekt sucht er sich die "ungesündeste Stadt Amerikas" aus: Huntington in West Virginia. Er hatte zwar nicht damit gerechnet, mit offenen Armen empfangen zu werden, doch der geballte Hass einer ganzen Kleinstadt und der Provinz-Journaille erschüttert ihn bis ins Mark. "Sie verstehen mich nicht. Sie wissen nicht, warum ich hier bin", schluchzt er auf der Treppe einer Schule und kämpft mit den Tränen. Doch auch hier gibt er nicht auf und ausgerechnet ein Radio-Moderator wird zu seinem Helfer - aber erst nach einem Treffen auf dem Friedhof und der Besichtigung von XXL-Särgen in der Größe eines Kleinwagens, weil die Toten von Huntington nicht mehr in normale Särge passen.

Die Biografie endet mit Jamies Wut darüber, wie der derzeitige konservative Bildungsminister Michael Gove die nach langem Ringen erreichte Verbesserung des Schulessens wieder kippt. Auch wenn er anfangs alles hinschmeißen will, letzten Endes bleibt Jamie Oliver seiner Maxime treu und gibt nicht auf: Er wolle weiterhin "an unofficial pain in the backside (to Government)" sein, also der Regierung auf die Nerven gehen.

"Jamie Oliver. Die exklusive Biografie" bei amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen