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Robert Crumb - wie ihn US-Zeichner Charles Burns sieht. Es handelt sich um das Cover des besprochenen Bandes "A Tribute to Crumb".
Robert Crumb - wie ihn US-Zeichner Charles Burns sieht. Es handelt sich um das Cover des besprochenen Bandes "A Tribute to Crumb".(Foto: Promo - Edition 52)

Eine Comiclegende besucht Deutschland: Sex, Drugs und Robert Crumb

Von Markus Lippold

Der dauergeile Kater Fritz ist seine Micky Maus. Mit ihm wurde Robert Crumb zum Star der Gegenkultur. Inzwischen ist der Comiczeichner längst eine Legende, deren Werk neu aufgelegt wird. Auf dem Comicfestival München trifft Crumb nun ausgerechnet auf einen Saubermann wie aus dem Bilderbuch.

Ausgerechnet Bayern. Dieses Land von Recht und Ordnung, zwischen Laptop und Lederhose. Ausgerechnet hier besucht Robert Crumb erstmals ein deutsches Comictreffen, das Münchner Comicfestival, das vom 29. Mai bis 2. Juni stattfindet. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil man sich sicher sein kann, dass Crumbs Werke in den 60er und 70er Jahren hier nicht hätten erscheinen können. Denn sie waren (und sind) subversiv, vulgär und pornografisch. Oder, wie seine Kritiker meinen: sexistisch und rassistisch.

Die Underground-Comix waren selbst hergestellte Hefte, wie "Zap Comix", mit denen Crumb berühmt wurde.
Die Underground-Comix waren selbst hergestellte Hefte, wie "Zap Comix", mit denen Crumb berühmt wurde.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Aber um politische Korrektheit ging es Crumb ja nie. Das bewies er vor allem mit seiner berühmtesten Figur: Fritz the Cat. Der sex- wie drogensüchtige Kater, der es selbst mit seiner Schwester treibt, wurde zur Ikone der US-amerikanischen und später der weltweiten Gegenkultur. Denn er stand gegen alles, was der beginnenden Jugendbewegung verhasst war: Prüderie, Heuchelei und die Zelebrierung einer heilen Familienwelt. Aber nicht nur in diesen Strips, auch in späteren Werken betrat Crumb ein ums andere Mal Neuland. Etwa weil er keine Hemmungen kannte, auch seine eigenen sexuellen Obsessionen zu Papier zu bringen.

Inzwischen freilich hat sich die Welt verändert und die Werke Crumbs sind zum Kulturgut geworden. Er selbst gilt heute neben Art Spiegelman als bedeutendster und einflussreichster US-amerikanischer Comiczeichner. Nicht nur erzielen seine Originalzeichnungen Höchstpreise bei Sammlern, Crumb hat auch längst Einzug ins Museum gehalten - im vergangenen Jahr präsentierte das Museum für moderne Kunst in Paris eine umfangreiche Werkschau. Crumb ist en vogue, spätestens seit er 2009 sein bisher letztes großes Werk vorlegte: "Genesis", seine äußerst empfehlenswerte Adaption des 1. Buch Mose, die in Deutschland bei Carlsen erscheint. Dass sich Crumb hier mit seinen typischen freizügigen und gewalttätigen Zeichnungen nicht zurückhalten musste, lag freilich weniger an ihm als an der nicht gerade jugendfreien Vorlage. Ansonsten sah es hierzulande eher düster aus mit der Verfügbarkeit seiner Werke. Doch das ändert sich derzeit grundlegend, rechtzeitig zu Crumbs 70. Geburtstag im August.

Crumb lebt seine Fantasien mit dem Zeichenstift aus - Abbildung aus dem Band "Nausea".
Crumb lebt seine Fantasien mit dem Zeichenstift aus - Abbildung aus dem Band "Nausea".(Foto: Robert Crumb, 2012 / Reprodukt)

Thematisch orientiert ist die Werkreihe, die der Verlag Reprodukt derzeit zu Ehren von Crumb in Übersetzung des nicht minder genialen Harry Rowohlt veröffentlicht. "Nausea", das bereits erschienen ist, versammelt mehrere literarische Adaptionen, darunter die Titelgeschichte nach dem Roman "Der Ekel" von Jean-Paul Sartre. Die meisten dieser Geschichten stammen aus den 80er Jahren. Eine Ausnahme bildet "Böses Karma" von 1999, ein äußerst wüster Comic, in dem Crumb sein erbeigenstes Thema bearbeitet - seine sexuellen Fantasien. In der Geschichte wird eine große, starke Frau mit mächtigem Hinterteil und in hohen Stiefeln von einem kleinen, hässlichen Wesen besprungen. Und zwischendurch hat sogar noch eine weitere berühmte Figur Crumbs einen Auftritt: "Mr. Natural".

Country-Blues und Skizzenbücher

Demnächst erscheint der zweite Teil der Reprodukt-Reihe, die mit Hardcover und Halbleinen sehr edel aufgemacht ist. "Mein Ärger mit Frauen" knüpft in etwa da an, wo "Böses Karma" aufhört: Es geht um Robert Crumbs neurotisches Verhältnis zu Frauen, zwischen Pubertät, LSD und dem "Summer of Love". Der dritte Band "Mister Nostalgia" soll im November folgen und von Crumbs zweiter großen Leidenschaft handeln: dem Country-Blues. Immerhin spielt der Sammler alter Schellack-Platten in seiner Wahlheimat Frankreich Banjo in einer Band. Neben dieser Werkreihe hat Reprodukt kürzlich ein weiteres Spätwerk Crumbs wiederveröffentlicht. Die Künstlerbiografie "Kafka", die er zusammen mit dem Szenaristen David Zane Mairowitz gestaltete, erschien erstmals 1993 und richtet sich an Einsteiger in das Werk des Autors. Sie berichtet nicht nur vom Leben Kafkas, sondern illustriert auch einige Ausschnitte aus Kafkas Werken. Crumb jedenfalls stellte einige Parellelen zwischen Kafkas Themen und seinen eigenen fest, zum Beispiel den Selbsthass, seine Beziehung zu Frauen und die Schuldfrage. "Er ist mein Bruder im Geiste", so Crumb über Kafka.

Auch Geburtstagskind Spirou wird in München vertreten sein, hier gezeichnet von José-Luis Munuera.
Auch Geburtstagskind Spirou wird in München vertreten sein, hier gezeichnet von José-Luis Munuera.(Foto: Dupuis, 2008 / Munuera)

Dass es in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, ruhiger um Crumb geworden ist, sollte freilich nicht zu der Vermutung verleiten, er hätte den Zeichenstift beiseitegelegt. Crumb zeichnet permanent. Er hält fest, was ihn beschäftigt und inspiriert, was ihn vor die Augen kommt. Und natürlich zeichnet er weiterhin auch seine geheimsten Fantasien. Einen umfangreichen Blick in Crumbs Skizzen bietet ein voluminöser, aber auch nicht ganz billiger Schuber aus dem Taschen-Verlag - dass Crumb überhaupt bei dem Experten für Kunst und Bildbände erscheint, ist an sich ja schon ein Zeichen seiner künstlerischen Anerkennung. Nach der Sammlung "Sex Obsessions" von 2007 veröffentlicht Taschen nun in zwei Schubern Crumbs "Sketchbooks". Der erste, der die Jahre 1982 bis 2011 umfasst, ist bereits erschienen: Die sechs Bände mit 1344 Seiten enthalten auch eine von Crumb signierte Druckgrafik - und kosten 750 Euro. Ein zweiter Schuber der Jahre 1964 bis 1981 soll folgen. Ältere Ausgaben der Skizzenbücher, erschienen bei Zweitausendeins, sind nur noch antiquarisch erhältlich, dort aber meist billiger.

Der Frage, welchen Einfluss Crumbs Werk auf die Comicwelt hatte und hat, geht schließlich ein Band aus der Edition 52 nach. In "A Tribute to Robert Crumb" zollen 80 Künstler dem Meister Respekt, mit anspielungsreichen Adaptionen und Porträts. Vertreten sind unter anderem Crumbs Frau Aline Kominsky-Crumb, Charles Burns, Ralf König, Nicolas Mahler, Simon Schwartz und Daan Jippes. Ein weiterer Beitrag stammt von Crumbs langjährigem Wegbegleiter Gilbert Shelton ("Freak Brothers"), der auf dem Comicfestival auch an einem der beiden Künstlergespräche mit Crumb teilnehmen wird. Abgesehen von diesen beiden Gesprächen am Mittwoch im Jüdischen Museum und am Donnerstag im Amerikahaus macht sich der Meister rar in München. Signiertermine und Interviews wird es nicht geben. Sein Werk freilich wird noch in zwei Ausstellungen präsent sein. Eine davon zeigt die Bilder des Tribut-Bandes. Eine weitere, im Valentin Karlstadt Musäum, beschäftigt sich mit der Underground-Comix-Bewegung, die Crumb entscheidend prägte. Diese war als politisch unkorrekte und sexuell explizite Alternative zum allmächtigen Comic Code der Mainstream-Comics gedacht. Die Geschichte dieser Zensurbehörde wird übrigens gleichzeitig in einer Ausstellung des Münchner Jüdischen Museums gezeigt.

Die Superman-Ausstellung wartet mit etlichen Originalzeichnungen auf - hier von Jim Lee.
Die Superman-Ausstellung wartet mit etlichen Originalzeichnungen auf - hier von Jim Lee.(Foto: DC Comics / Jim Lee)

Es zeugt dabei durchaus von Ironie, dass der zweite große Star des Comicfestivals Superman sein wird. Jener saubere Superheld, der wie seine Kollegen seit den 50er Jahren dem Comic Code unterworfen war, der Sexualität, Gewalt, Drogen und selbst Scheidungen in Comics strikt untersagte. Erst vor wenigen Jahren entledigten sich die beiden großen US-Comicverlage DC und Marvel endgültig der Selbstzensur und geben seitdem etwa schwulen Superhelden mehr Raum. Egal, ob mit oder ohne Comic Code - Superman hat all die Jahrzehnte überstanden und feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Das Comicfestival würdigt das Jubiläum mit einer großen Ausstellung. Fans des ersten Superhelden dürfen sich dabei auf Originalzeichnungen aus allen Epochen freuen, von Superman-Schöpfer Joe Shuster über Wayne Boring und Curt Swan bis zu Frank Miller, Frank Quitely und dem aktuellen Zeichner Rags Morales, der in München an einem Künstlergespräch teilnehmen und auch signieren wird.

So beleuchtet das Münchner Szenetreffen, das jährlich abwechselnd mit dem Comicsalon in Erlangen stattfindet, in diesem Jahr vor allem den US-amerikanischen Comicmarkt. Wobei der Spagat zwischen Mainstream und Unterground ganz gut gelingt. Dass es bei den Stargästen und in den Ausstellungen vor allem um eine Rückschau geht, sollte auch nicht weiter stören, schließlich werden in verschiedenen Veranstaltungen auch aktuelle Entwicklungen aufgegriffen und Themen wie die Darstellung von Politikern in Comics diskutiert.

Spirou und Abrafaxe

Ausschnitt aus "Rorschach" aus der Serie "Before Watchmen", erschienen bei Panini.
Ausschnitt aus "Rorschach" aus der Serie "Before Watchmen", erschienen bei Panini.(Foto: Panini - Promo)

Und auch Europa kommt nicht zu kurz, denn ein weiteres Geburtstagkind, das auf dem Festival gefeiert wird, kommt aus Frankreich: Auch Spirou wird in diesem Jahr 75 Jahre alt und auch er bekommt eine Ausstellung in München. Zu Gast sein werden außerdem die Spirou-Zeichner José-Luis Munuera und Yoann. Schließlich ist mit dem diesjährigen Gastland Italien eine weitere europäische Comic-Nation vertreten, deren zeichnerische Geschichte in einer Ausstellung dargestellt wird. Zudem wird Erotik-Zeichner Milo Manara über seine Werke sprechen, Giovannino Guareschi seine Adaption von "Don Camillo und Peppone" vorstellen und Manuele Fior sein jüngstes Buch "Die Übertragung" präsentieren.

Auf deutscher Seite schließlich dürfte sich vor allem Lona Rietschel, die Mutter der Abrafaxe, freuen. Die langjährige "Mosaik"-Zeichnerin wird mit dem Peng!-Preis für das Lebenswerk ausgezeichnet. Ihre Schöpfungen, die einst die legendären Digedags beerbten, werden ebenfalls in einer Ausstellung geehrt. Als weitere Gäste werden unter anderem der legendäre französische Zeichner Baru und Simpsons-Chefzeichner Nathan Kane erwartet, der auch Zeichenkurse anbietet. Lee Bermejo wird "Before Watchmen" vorstellen, die Vorgeschichte der legendären Graphic Novel von Alan Moore und Dave Gibbons, und R.M. Guéra hat Quentin Tarantinos letzten Film "Django Unchained" als Comic adaptiert.

Hauptveranstaltungsorte des Comicfestivals sind das Künstlerhaus am Lenbachplatz und das Alte Rathaus am Marienplatz. Dort finden die Verlagsmesse, Signiertermine, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und Zeichenkurse statt. Viele weitere Veranstaltungen gibt es innerhalb der Münchner Innenstadt, darunter insgesamt 20 Ausstellungen von Disney bis Hägar, der seinen 40. Geburtstag feiert. Im Rahmen des Festivals werden auch der Comicpreis PENG!, der Münchner Comicpreis und der ICOM Independent Comic Preis verliehen. Das gesamte Programm gibt es auf der Webseite des Festivals.

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Quelle: n-tv.de

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