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Schirmer/Mosel
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"Sexistisch, rassistisch, faschistisch"?: "The Best of Helmut Newton"

Von Thomas Badtke

Helmut Newtons Werke mag man - oder nicht. Dazwischen gibt es nichts. Der Meister der Aktfotografie polarisiert. Mit 83 Jahren im Jahr 2004 gestorben, machen ihn seine Fotos unsterblich. Über 100 davon - von den "Vogue"-Titeln über die "Big Nudes" bis zu den "Domestic Nudes" - finden sich in dieser einzigartigen Retrospektive.

Selbstporträt mit June und Modellen, "Vogue"-Studio (Paris, 1981)
Selbstporträt mit June und Modellen, "Vogue"-Studio (Paris, 1981)(Foto: © 1993 by Helmut Newton / courtesy Schirmer/Mosel)

Ob Jodie Foster oder Elisabeth Taylor, ob Leni Riefenstahl oder Salvador Dali, ob Catherine Deneuve oder Ute Lemper, Anita Ekberg, Grace Jones, Charlotte Rampling: Helmut Newton hat sie alle gehabt. Er hat sie mit seinen Kameras eingefangen. Festgehalten in unvergessenen Posen. Für ihn ließ sich Helmut Berger nackt am Kamin ablichten. Newton war es, der Helmut Kohl vor einer deutschen Eiche fotografierte. Debra Winger präsentierte er in schonungsloser Nahaufnahme - mit einer selbstgedrehten Zigarette, die lässig und lasziv zugleich aus ihrem rechten Mundwinkel hängt. Prinzessin Caroline in schwarzem Vamp-Outfit, David Lynch, der Isabella Rossellini am Hals packt, Daryl Hannah mit einem Baby auf dem Arm - auch das ist Newton. Für ein Newton-Foto hob Modeschöpfer Karl Lagerfeld 1992 sogar seine Sonnenbrille kurz an. Bis dahin war es aber ein langer Weg für Newton.

1920 wurde er als Helmut Neustädter in Berlin geboren. Er kam aus gutem Haus, sein Vater war ein wohlhabender Knopffabrikant. Das Gymnasium brach er ab, auch wegen seines Hobbys: Fotografieren. Als 16-Jähriger begann er bei der damals berühmten Berliner Mode-, Akt- und Porträt-Fotografin Yva eine Ausbildung. 1938 musste sie ihr Atelier schließen, schuld war ein Berufsverbot, verhängt von den Nationalsozialisten. Newton verließ Deutschland und kam über den Umweg Singapur, wo er sich als Bildreporter versuchte, 1940 nach Australien. Dort eröffnete er 1945 in Melbourne sein erstes Atelier und nahm kurz darauf auch die australische Staatsbürgerschaft an. 1948 heiratete Newton dann "seine Frau fürs Leben", die Schauspielerin June Brynell. Er blieb bis zu seinem Tod liiert mit ihr. 

Helmut Newton 2001 in Hamburg vor einem seiner Werke.
Helmut Newton 2001 in Hamburg vor einem seiner Werke.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Beruflich ging es ab Mitte der 1950er Jahre für Newton aufwärts. Er arbeitete für die australische Ausgabe des angesehenen Mode-Magazins "Vogue". Auch andere Landesausgaben wie die französische, die italienische, die deutsche oder auch die amerikanische griffen danach auf Newtons fotografisches Können zurück. Zudem wurden auch andere Mode-Zeitschriften wie die "Marie Claire" auf ihn aufmerksam. 1975 gelang Newton erstmals eine Solo-Ausstellung. Ab den 1970er Jahren gehörte er zu den weltweit bekanntesten und begehrtesten Modefotografen. Darüber hinaus hatte er sich auch als Akt- und Porträtfotograf einen Namen gemacht und sich weltweites Renommee erarbeitet.

Seine nun zahlreich erscheinenden Bildbände heimsten jede Menge Preise ein, wie beispielsweise den Kodak-Fotobuchpreis oder den "World Image Award". Weitere Werke und Auszeichnungen folgten. Newton selbst erhielt 1992 das Große Bundesverdienstkreuz und 1996 den französischen Orden der Künste und Literatur. 2004 starb Newton bei einem Autounfall.  

Liebe und Hass

"Sie kommen (Naked)" (1981)
"Sie kommen (Naked)" (1981)(Foto: © 1993 by Helmut Newton / courtesy Schirmer/Mosel)

Mode, Akt, Porträts: Das war Newtons Welt. Eine Welt, die er liebte und für die er arbeitete. Aber auch eine Welt, die er polarisierte: Newtons Werke liebt man oder man hasst sie. Für Zwischentöne ist kein Platz. Die Kunstkritikerin Noemi Smolik schwärmt etwa von der "Zeitlosigkeit" der Newtonschen Fotos, eine Zeitlosigkeit, die "auf den ersten Blick kaum ergründbar ist". Playboy-Gründer Hugh Hefner bezeichnete Newton gar als "Gigant", der die "Grenzen der Fotografie ausgeweitet hat".

Für Alice Schwarzer dagegen sind Newtons Werke nicht nur "sexistisch" und "rassistisch", sondern auch "faschistisch". 1993 äußert sich die Feministin so in ihrer Zeitschrift "Emma" zu Newtons Bildern. Beispielfotos druckte sie gleich mit ab, was danach für gerichtlichen Ärger sorgt. An ihrer Einschätzung ändert das aber nichts. Newton selbst sagte über sich in diesem Zusammenhang: "Ich bin Feminist."

Zeitlos, aber keine Kunst

"The Best of Helmut Newton" ist bei Schirmer/Mosel erschienen.
"The Best of Helmut Newton" ist bei Schirmer/Mosel erschienen.

Und Newton war auch kein "Kunstfotograf". Er liebte es, die Menschen nicht in der künstlichen Umgebung eines Studios zu fotografieren. Stattdessen zog er es vor, "hinaus auf die Straße, an öffentliche wie private Orte zu gehen". Auch an Orte, die für Fotografen normalerweise tabu und gesperrt sind: die Orte der Reichen. Vielleicht ist es genau das, was Newtons Fotos so einzigartig macht: Er verstand es, sich von der ihn umgebenden Welt des schönen Seins, des Glamours und der Maskerade nicht blenden zu lassen. Sein Genie bestand zudem darin, diese Orte und ihre Personen perfekt auszuleuchten, sie grell und Exponaten gleich darzustellen. Das ist es, was seine Werke zeitlos macht.

Die "Vogue"-Cover aus den 1960er und 1970er Jahren können auch heute noch glänzen, ebenso wie die Bilder für "Marie Claire" oder den "Stern" aus den 1970er und 1980er Jahren. Die "Big Nudes" sind Klassiker der Akt-Fotografie, genauso wie seine einzigartigen Porträts fotografische Klassiker des 20. Jahrhunderts sind. Allen Werken liegt eine gewisse Nacktheit zugrunde. Sie mag dem Betrachter sofort ins Auge springen wie etwa bei seinen "Big Nudes" oder auch bei Paloma Picassos entblößtem Busen. Sie kann aber auch indirekt, als ein Einblick in die Seele des Porträtierten beispielsweise, daherkommen. Die Nacktheit ist auf Newtons Bildern immer vorhanden. Er spielt mit ihr und mit ihren Posen.

Newton lotet die Grenzen des guten Geschmacks aus. Und deswegen polarisieren seine Werke auch, keine Frage. Aber wie sie das tun, davon muss sich jeder selbst ein Bild machen - und genau dafür ist "The Best of Helmut Newton" mit seinen 105 Bildern die perfekte Einladung. Der Bildband zeigt einen Querschnitt von Newtons Arbeit, beginnend mit den frühen Modefotos aus den 1960er Jahren bis hin zu den Porträts aus den 1980er und 1990er Jahren. Auch Fotos einiger seiner umstrittenen makabren Wachsfiguren sind enthalten. Eine Kurzbiografie und ein Ausstellungsverzeichnis runden den bei Schirmer/Mosel erschienenen Band ab. Und der ist alles andere als sexistisch, rassistisch oder faschistisch - er ist schlicht und einfach: "The Best of Helmut Newton"!

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Quelle: n-tv.de

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